Nach dem Erdbeben der Magnitude 4.7 in den Campi Flegrei erhebt der italienische Vulkanologe Giuseppe De Natale schwere Vorwürfe gegen Politik, Behörden und Medien. Die Katastrophe sei absehbar gewesen, dennoch sei die Region nicht ausreichend vorbereitet worden. Seine Wortwahl ist zwar zugespitzt und teilweise zu pauschal, im Kern trifft sie aber ein reales Problem: Während Politik und Medien lange fast ausschließlich über einen möglichen Vulkanausbruch sprachen, wurde das zunehmende Erdbebenrisiko erst spät zum Schwerpunkt konkreter Schutzmaßnahmen. Gleichzeitig verzögert die komplexe urbane Struktur der Region die Umsetzung.

„Ich hatte es euch gesagt“, schrieb Giuseppe De Natale nach dem schweren Erdbeben vom 31. Juli 2026 auf Facebook. Das Beben sei „mehr als angekündigt“ gewesen. Angesichts der Schäden und Verletzten müsse man sich fragen, ob solche Ereignisse überhaupt noch als Naturkatastrophen bezeichnet werden könnten. Seit Jahren sei bekannt, dass die fortgesetzte Bodenhebung weitere und möglicherweise stärkere Erdbeben verursachen werde. Trotzdem seien die betroffenen Stadtteile nach seiner Einschätzung nicht ausreichend vorbereitet worden.

De Natale ist Vulkanologe und Forschungsdirektor am italienischen Institut für Geophysik und Vulkanologie INGV. Bei seinen öffentlichen Stellungnahmen zu den Campi Flegrei betont er regelmäßig, dass er dabei seine persönliche wissenschaftliche Einschätzung und nicht die offizielle Position des INGV wiedergibt. Bereits vor dem jüngsten Beben hatte er wiederholt vor einer weiteren Zunahme der Erdbebenstärke gewarnt und eine frühzeitige Vorbereitung des Gebietes gefordert. In einem Interview mit Fanpage.it sagte er 2025, das Gebiet hätte rechtzeitig vorbereitet werden müssen – dies sei nicht geschehen. In einem weiteren Interview zur Entwicklung der Krise bezeichnete er Beben bis etwa Magnitude 5 als möglich, solange sich der Boden weiter hebt.

Das stärkste Beben der laufenden Krise

Das Erdbeben ereignete sich am 31. Juli 2026 um 19:46 Uhr Ortszeit. Das INGV bestimmte eine Codamagnitude (Md) von 4.7 und eine Herdtiefe von rund drei Kilometern. Die Momentmagnitude des Bebens erreichte Mw4.2. Das Epizentrum lag im zentralen Bereich der Campi Flegrei nahe der Solfatara. Damit war es das stärkste instrumentell erfasste Erdbeben der gegenwärtigen bradyseismischen Krise. Die genauen Herdparameter sind im Erdbebenkatalog des INGV dokumentiert.

Nach späteren Bilanzen wurden 26 Menschen verletzt, zwei von ihnen schwer. Rund 700 Bewohner mussten aufgrund ernsthafter Gebäudeschäden ihre Wohnungen verlassen. Besonders betroffen waren Pozzuoli und angrenzende Teile Neapels. Gebäude wurden beschädigt, Felsbrocken lösten sich aus Hängen, Verkehrsverbindungen wurden unterbrochen und Teile der Strom- und Hafeninfrastruktur fielen zeitweise aus. Eine fortlaufend aktualisierte Zusammenfassung veröffentlichte der öffentlich-rechtliche italienische Nachrichtensender Rai News.

Der italienische Zivilschutz meldete noch am Abend des Bebens zunächst 21 Verletzte, darunter zwei Menschen im roten Dringlichkeitscode. Zugleich wurden in der Notunterkunft Palatrincone in Pozzuoli 185 Schlafplätze vorbereitet. Diese Angaben zeigen, dass unmittelbar nach dem Beben durchaus organisierte Notfallstrukturen aktiviert wurden. Der entsprechende Lagebericht ist beim italienischen Zivilschutz abrufbar.

Vorhergesagt war das Beben nicht

De Natales Formulierung eines „angekündigten Erdbebens“ ist missverständlich. Zeitpunkt, Epizentrum und genaue Magnitude des Bebens konnten nicht vorhergesagt werden. Es gab keine belastbare Prognose, nach der am Abend des 31. Juli nahe der Solfatara ein Beben der Magnitude 4.7 eintreten würde.

Sehr wohl absehbar war jedoch das Szenario eines weiteren schadenträchtigen Bebens. Seit 2005 hebt sich der Boden in den Campi Flegrei erneut. Seit 2018 wird die Hebung von einer schrittweise zunehmenden Erdbebenaktivität begleitet, die sich ab 2023 nochmals deutlich verstärkte. Der italienische Zivilschutz beschreibt diese Entwicklung auf seiner Übersichtsseite zu den Campi Flegrei. Dort wird auch festgehalten, dass sich der Boden seit 2005 um mehr als 150 Zentimeter gehoben hat.

Eine 2024 in Nature Communications veröffentlichte Studie untersuchte ausdrücklich das mögliche Magnitudenpotenzial und Strategien zur Verringerung des Erdbebenrisikos. Je nach verwendeter Annahme ergaben sich Referenzszenarien im Bereich von etwa Momentmagnitude 4.4 bis 5.1 – also noch deutlich stärker als das Erdbeben am 31. Juli. Die Autoren betonten, dass auch moderate, aber sehr flache Erdbeben in der dicht besiedelten Region erhebliche Schäden verursachen können. Die Studie ist unter dem Titel „Seismic risk mitigation at Campi Flegrei in volcanic unrest“ frei zugänglich.

Auch das Beben der Dauermagnitude 4.4 vom Mai 2024 hatte bereits erhebliche Schäden verursacht und zur Räumung mehrerer öffentlicher und privater Gebäude geführt. Eine wissenschaftliche Untersuchung dieses Ereignisses erschien 2025 in der Fachzeitschrift Communications Earth & Environment. Sie beschreibt ausdrücklich die starke Wirkung des nur etwa 2,6 Kilometer tiefen Bebens auf Pozzuoli und Neapel. Die Studie ist unter dem Titel „The unprecedented Md = 4.4, 2024, Campi Flegrei earthquake“ abrufbar.

Das Beben vom 31. Juli war somit nicht vorhergesagt, aber es lag innerhalb eines seit längerer Zeit bekannten Gefährdungsszenarios. Präziser als De Natales Formulierung wäre daher: Das konkrete Erdbeben war nicht angekündigt, ein Beben dieser Größenordnung war aber wahrscheinliches Szenario für die nahe Zukunft bekannt.

Haben die Behörden tatsächlich geschlafen?

Der Vorwurf einer vollständigen institutionellen Untätigkeit lässt sich nicht halten. Die Campi Flegrei werden von einem umfangreichen Messnetz überwacht. Seit 2012 gilt für den Vulkan die gelbe Warnstufe, nachdem Veränderungen der Bodenhebung, Erdbebenaktivität und Gaszusammensetzung festgestellt worden waren. Die Bedeutung dieser Warnstufe und die Entwicklung seit 2005 erläutert der Zivilschutz in seinen Fragen und Antworten zum Bradyseismus.

Auch Katastrophenschutzpläne existieren seit Langem. Ein erster nationaler Notfallplan für die Campi Flegrei entstand bereits nach der Krise der 1980er-Jahre. Später wurden Evakuierungsgebiete, Transportwege und Aufnahmebereiche für den Fall einer drohenden Eruption überarbeitet. Einen Überblick über die Entwicklung der vulkanischen Notfallplanung gibt der italienische Zivilschutz.

Im Jahr 2019 wurde mit der Übung „Exe Flegrei 2019“ der Übergang von der gelben über die orangefarbene bis zur roten Warnstufe einschließlich einer Evakuierung geprobt. Die Übung konzentrierte sich allerdings vor allem auf eine mögliche Entwicklung hin zu einer Eruption. Der Ablauf und die zugrunde liegenden Szenarien sind auf der Seite zur Übung Flegrei 2019 dokumentiert.

Nach dem Beben vom 31. Juli wurden Krisenstäbe, Feuerwehr, Rettungsdienste, Gebäudekontrollen und Notunterkünfte aktiviert. Es gibt bislang keinen belastbaren Hinweis darauf, dass die medizinische Versorgung oder der Rettungseinsatz grundsätzlich zusammengebrochen wären. De Natales Aussage, es fehle selbst an den minimal notwendigen Gesundheits-, Überwachungs- und Rettungsdiensten, ist daher zu pauschal.

Die seismische Vorsorge kam spät

Der stärkste Teil von De Natales Kritik betrifft nicht die unmittelbare Reaktion nach dem Beben, sondern die langfristige bauliche Vorsorge. Hier zeigt der zeitliche Ablauf tatsächlich erhebliche Defizite.

Obwohl die gegenwärtige Bodenhebung bereits 2005 begonnen hatte und die Warnstufe seit 2012 erhöht war, wurde ein spezielles staatliches Maßnahmenpaket zur Verringerung des mit dem Bradyseismus verbundenen Erdbebenrisikos erst im Oktober 2023 verabschiedet. Anlass war eine Phase deutlich zunehmender Erdbebenaktivität. Das Gesetzesdekret 140 vom 12. Oktober 2023 sah unter anderem vor:

  • die Verwundbarkeit der Bebauung systematisch zu untersuchen,
  • öffentliche und strategisch wichtige Gebäude zu überprüfen,
  • kritische Infrastruktur zu analysieren,
  • einen kurzfristig anwendbaren Notfallplan für Erdbebenschäden zu erstellen,
  • die Bevölkerung besser zu informieren und Einsatzstrukturen zu stärken.

Die erste flächenhafte Erfassung privater Wohngebäude begann im Frühjahr 2024. Dabei handelte es sich zunächst um eine äußere und gebietsbezogene Bestandsaufnahme, nicht um eine vollständige statische Untersuchung jedes einzelnen Gebäudes und erst recht nicht um eine Sanierung. Der Zivilschutz beschreibt dieses Verfahren auf seiner Seite zur Analyse der Gebäudeverwundbarkeit. Die Ergebnisse der ersten Erfassungsphase können außerdem in einer interaktiven Karte betrachtet werden.

Parallel wurde ein besonderer Notfallplan für die Folgen starker Erdbeben ausgearbeitet. Dieser sogenannte „Piano speditivo“ ergänzt die bestehende Planung für einen Vulkanausbruch und beschreibt, wie Behörden abhängig vom tatsächlichen Schadensumfang reagieren sollen. Einzelheiten veröffentlicht der Zivilschutz auf seiner Seite zum kurzfristigen Notfallplan für den Bradyseismus.

Diese Maßnahmen widerlegen den Eindruck, dass gar nichts unternommen worden sei. Sie zeigen aber auch, dass die systematische Auseinandersetzung mit der baulichen Erdbebengefährdung erst begann, nachdem die Krise bereits deutlich eskaliert war.

Zwischen dem Beginn der neuen Hebungsphase im Jahr 2005 und dem Sondergesetz von 2023 lagen rund 18 Jahre. Zwischen der Anhebung der Warnstufe 2012 und dem Maßnahmenpaket lagen elf Jahre. Zwar nahm die Erdbebenaktivität nicht während dieses gesamten Zeitraums gleich stark zu. Dennoch stellt sich berechtigt die Frage, warum die Verwundbarkeit der Gebäude nicht früher systematisch untersucht wurde.

Eine Aufgabe, die sich nicht in wenigen Jahren lösen lässt

Eine vollständige Sicherung der Campi Flegrei wäre allerdings auch bei früherem Handeln keine einfache Aufgabe gewesen. Betroffen sind Pozzuoli, Bacoli und dicht bebaute westliche Stadtteile Neapels. Tausende Gebäude stammen aus unterschiedlichen Bauperioden, wurden teilweise verändert oder befinden sich in engen historischen Stadtstrukturen. Hinzu kommen Schulen, Krankenhäuser, Bahnstrecken, Häfen, Straßen, Wasserleitungen und Stromnetze.

Die wissenschaftliche Studie zur Verringerung des Erdbebenrisikos hebt die besonders hohe Exposition und Verwundbarkeit der dicht besiedelten Caldera hervor. Selbst eine konsequent umgesetzte Sanierungsstrategie kann nur schrittweise erfolgen. Bewohner müssen während der Arbeiten möglicherweise umgesiedelt, Eigentumsfragen geklärt, Baukapazitäten geschaffen und erhebliche finanzielle Mittel bereitgestellt werden.

Es wäre deshalb unseriös zu behaupten, die Behörden hätten bis Juli 2026 sämtliche gefährdeten Gebäude sichern können. Berechtigt ist dagegen die Frage, ob die lange Zeit vor der Eskalation ausreichend genutzt wurde und warum viele strukturelle Maßnahmen erst nach den starken Beben ab 2023 anliefen.

Politik plante lange vor allem für den Vulkan

Ein Grund für die verspätete Konzentration auf das Erdbebenrisiko dürfte in der bisherigen Risikoplanung liegen. Die nationale Notfallplanung für die Campi Flegrei war lange vor allem auf eine mögliche Eruption ausgerichtet. Im Mittelpunkt standen die Festlegung einer roten Evakuierungszone, Transportwege und die Verteilung der Bevölkerung auf andere italienische Regionen.

Die offizielle nationale Notfallplanung beschreibt hauptsächlich Maßnahmen für den Übergang zu höheren vulkanischen Warnstufen und eine mögliche Evakuierung vor einem Ausbruch. Die dazugehörige Gefahrenkarte unterscheidet eine rote Zone, die bei einer drohenden Eruption vollständig geräumt werden soll, und eine gelbe Zone, die vor allem durch Aschefall betroffen sein könnte.

Diese Planung ist notwendig. Ein Vulkanausbruch könnte sehr viel größere Auswirkungen haben als ein einzelnes Erdbeben der Magnitude 4 oder 5. Eine Krise der Campi Flegrei muss deshalb immer auch als vulkanische Krise behandelt werden.

Das Problem besteht jedoch darin, dass ein Vulkanausbruch nur eines von mehreren möglichen Szenarien ist. Bradyseismische Krisen müssen nicht in einer Eruption enden. Darauf weist auch die Informationskampagne „Io non rischio“ des italienischen Zivilschutzes hin. Die Krisen der 1970er- und 1980er-Jahre gingen trotz starker Bodenhebung und zahlreicher Erdbeben ohne Ausbruch zu Ende.

Die Bevölkerung kann deshalb über Jahre oder Jahrzehnte unter den seismischen Folgen einer vulkanischen Unruhe leiden, ohne dass es jemals zu einer Eruption kommt. Genau für dieses Szenario waren die vorhandenen Pläne lange weniger konkret als für den eigentlichen Ausbruchsfall.

Ätna und Ischia als Beispiel für sehr hohe Erdbebengefahr an italienischen Vulkanen

Grundsätzlich war seit Langem bekannt, dass Unruhephasen an den Campi Flegrei – wie auch an anderen italienischen Vulkanen – von meist moderaten, aufgrund ihrer geringen Herdtiefe aber lokal sehr schadensträchtigen Erdbeben begleitet werden können. Der italienische Erdbebenkatalog berücksichtigt deshalb für die Vulkanregionen der Campi Flegrei, Ischia und des Ätnas ausdrücklich auch vergleichsweise kleine Beben, sofern diese hohe lokale Intensitäten erreichten. Einen Überblick über die besonderen Aufnahmekriterien bietet der historische Erdbebenkatalog CPTI15 des INGV.

Wie zerstörerisch sehr flache Vulkanbeben trotz moderater Magnitude wirken können, zeigte sich 2017 am benachbarten Vulkan Ischia. Am 21. August ereignete sich bei Casamicciola Terme in nur etwa zwei Kilometern Tiefe ein Beben mit einer Dauermagnitude von 4,0. Das Ereignis trat nicht während einer unmittelbar bevorstehenden oder laufenden Eruption auf, sondern war Teil der tektonisch und vulkanisch geprägten Dynamik der Insel. In dem eng begrenzten Schadensgebiet stürzten mehrere Gebäude teilweise oder vollständig ein. Zwei Menschen kamen ums Leben, 42 wurden verletzt und etwa 2.600 konnten ihre Wohnungen zunächst nicht mehr nutzen. Das INGV nennt für das Ereignis ML 3,6 ± 0,2 und Md 4,0 ± 0,3. Eine weitere Untersuchung dokumentierte die extrem geringe Herdtiefe, Oberflächenbrüche und das räumlich stark konzentrierte Schadensbild.

Ein ähnliches Beispiel lieferte am 26. Dezember 2018 die Ostflanke des Ätnas. Zwei Tage nach Beginn einer neuen Eruption und einer flachen magmatischen Intrusion ereignete sich an der Fiandaca-Störung ein Beben mit ML 4,8 beziehungsweise Mw 4,9. Vor allem in Fleri, aber auch in weiteren Orten zwischen Zafferana Etnea und Acireale wurden zahlreiche Gebäude schwer beschädigt oder unbewohnbar. 28 Menschen wurden verletzt, rund 600 mussten ihre Wohnungen zunächst vorsorglich verlassen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der Bruch auf einer flachen Störungszone an der Vulkanflanke verlief und einen rund acht Kilometer langen Bereich mit Oberflächenverformungen erzeugte. Die Herdparameter und der Zusammenhang mit der Flankendynamik werden unter anderem in der Studie „The 2018 Mount Etna Earthquake (Mw 4.9): Depicting a Complex Fault System“ sowie in der INGV-Dokumentation der Oberflächenbrüche beschrieben.

Auch die Medien sehen vor allem den „Supervulkan“

Dass im Rahmen der aktuellen Krise am Golf von Neapel der Fokus aber eher auf dem Vulkan selbst lag, zeigt sich auch in den deutschen Medien. Erdbeben in den Campi Flegrei werden häufig bereits in der Überschrift als Beben „am Supervulkan“ eingeordnet. So berichtete die Frankfurter Rundschau im Juli 2026 über ein Beben der Magnitude 3.6 mit dem „Supervulkan“ als zentralem Aufhänger. Ein weiterer Artikel desselben Mediums verband die Entwicklung mit einem angeblich kritischen Zeitfenster für den „Supervulkan“.

Der Begriff „Supervulkan“ ist kein eindeutig definierter Vulkan- oder Eruptionstyp. Er wird vor allem medial verwendet und lenkt die Aufmerksamkeit fast automatisch auf das größtmögliche Ausbruchsszenario. Für die Einordnung der aktuellen Krise ist er eher kontraproduktiv und wird von fachlicher Seite oft kritisiert.

Vulkanische Prozesse sind zwar die Ursache der Bodenhebung und der damit verbundenen Spannungsänderungen. Daraus folgt aber nicht, dass jedes stärkere Erdbeben einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch ankündigt. Der italienische Zivilschutz hält trotz der anhaltenden Unruhe an der gelben Warnstufe fest. Auf seiner Seite zur aktuellen Krise verweist er darauf, dass bislang keine ausreichenden Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden Magmaaufstieg vorliegen, dies aber auch nicht komplett ausgeschlossen werden kann.

Die mediale Fixierung auf einen möglichen Ausbruch verschiebt damit den Fokus. Das spektakulärere, aber unsichere Vulkanszenario dominiert die Schlagzeilen und ist damit auch Schwerpunkt der öffentlichen Diskussion. Das bereits eingetretene, wiederkehrende und sich zunehmend verstärkende Risiko besteht dagegen in flachen Erdbeben, beschädigten Häusern, gesperrten Wohnungen, Hangrutschungen und Ausfällen kritischer Infrastruktur.

Vulkanische Ursache, gegenwärtig vor allem seismische Folgen

Die Trennung zwischen Vulkan- und Erdbebenrisiko darf nicht falsch verstanden werden. Die Erdbeben sind Teil der vulkanischen Unruhe. Druckänderungen, aufsteigende Gase und Fluide sowie mögliche magmatische Prozesse verändern das Spannungsfeld in der flachen Erdkruste. Wird die Festigkeit des Gesteins überschritten, kommt es zum Bruch und damit zum Erdbeben. Ebenso können Erdbeben ab einer gewissen Magnitude auch ein Türöffner für magmatische Prozesse sein.

Welche Prozesse im Einzelnen dominieren und wie sich die Krise weiterentwickelt, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt, wird aber zur Zeit intensiv erforscht. Eine Übersicht in Nature beschreibt sowohl die Bedeutung heißer Gase und hydrothermaler Prozesse als auch die weiterhin bestehenden Unsicherheiten hinsichtlich stärkerer Erdbeben und einer möglichen späteren Eruption.

Eine sachgerechte Berichterstattung muss deshalb zwei Aussagen gleichzeitig vermitteln:

  • Die Campi Flegrei sind ein aktives Vulkansystem, dessen Entwicklung engmaschig überwacht werden muss.
  • Das aktuell bereits realisierte und wiederkehrende Risiko für die Bevölkerung ist in erster Linie seismisch.

Zugespitzte Kritik mit berechtigtem Kern

Giuseppe De Natale überzeichnet, wenn er den Eindruck vermittelt, die Behörden hätten überhaupt nichts getan. Die Region wird intensiv überwacht. Es bestehen Notfallpläne, Aufnahmebereiche und eingeübte Einsatzstrukturen. Seit 2023 wurden außerdem besondere Programme zur Untersuchung der Gebäudeverwundbarkeit und zur Vorbereitung auf größere Erdbebenschäden gestartet.

Seine Kritik trifft jedoch einen wesentlichen Punkt: Die seismische Gefährdung wurde erst relativ spät zum Gegenstand eines umfassenden eigenen Maßnahmenpakets. Als die systematische Untersuchung der Gebäude begann, dauerte die aktuelle Bodenhebung bereits fast zwei Jahrzehnte. Viele konkrete Verstärkungsmaßnahmen standen beim Beben vom Juli 2026 noch am Anfang.

Das Beben war daher keine vorhergesagte Katastrophe. Es war aber ein vorhersehbares Risikoszenario.

Die Behörden haben die Campi Flegrei nicht vollständig verschlafen. Sie haben überwacht, geplant, geübt und nach stärkeren Beben reagiert. Zu lange lag der Schwerpunkt jedoch auf dem möglichen Vulkanausbruch und zu wenig auf der Frage, wie eine Millionenmetropole eine lang anhaltende Serie flacher, potenziell schädlicher Erdbeben übersteht.

Ähnliches gilt für die öffentliche Kommunikation: Die nächste vermeintliche Warnung vor dem „Supervulkan“ erzeugt Aufmerksamkeit. Für die Sicherheit der Menschen sind derzeit aber viel unspektakulärere Fragen entscheidend – der Zustand ihrer Häuser, die Stabilität der Infrastruktur und das Tempo, mit dem aus politischen Ankündigungen tatsächlich abgeschlossene Schutzmaßnahmen werden. Um diese zum Teil individuellen Schutzmaßnahmen durchzuführen, muss die Gefahrenlage aber auch korrekt kommuniziert sein.

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.