Das schwere Erdbeben in den Campi Flegrei am Freitagabend hat mindestens 26 Menschen verletzt, Gebäude beschädigt, Felsstürze ausgelöst und zahlreiche Bewohner aus ihren Wohnungen vertrieben. Für ein Beben der Magnitude 4,7 waren die Auswirkungen außergewöhnlich stark. Dramatische Bilder aus Pozzuoli zeigen eingestürzte Fassaden und Deckenteile, zertrümmerte Autos sowie große Felsblöcke zwischen Wohnhäusern.

Eigentlich wäre das genug Stoff für eine eindrückliche Berichterstattung.

Doch einigen deutschsprachigen Medien reicht ein reales Schadensbeben offenbar nicht aus. Denn eine noch dramatischere und klickbringendere Story lauert in nur wenigen Kilometern unter Pozzuoli: Ein sogenannter „Supervulkan“, der seit einigen Jahreen – wie bereits mehrfach zuvor in seiner jüngeren Geschichte – eine ziemlich aktive Phase zeigt.

Denn diese Medien bauen um das Erdbebeen zusätzlich eine Geschichte vom vermeintlich erwachenden „Supervulkan“, einem nahenden „kritischen Kipppunkt“, einer jederzeit möglichen Eruption und der Evakuierung Hunderttausender Menschen. Manche dieser Behauptungen sind falsch. Andere sind so angeordnet, dass beim Leser ein dramatischer Zusammenhang entsteht, den weder das aktuelle Erdbeben noch die italienischen Behörden bestätigen. Und manchmal werden auch einfach gezielt sinnfreie Vokabeln genutzt, um die Dramaturgie ins Unermessliche zu steigern.

Besonders auffällig sind Artikel der Frankfurter Rundschau, des Merkur und weiterer Medien aus dem Ippen-Netzwerk, die bereits in der Vergangenheit mit manipulativer Berichterstattung zu den Campi Flegrei aufgefallen sind. Doch das Problem beschränkt sich keineswegs auf Ippen. Eine von der Nachrichtenagentur dpa verbreitete Meldung mit fragwürdigen Behauptungen über „Supervulkane“ und einer suggestiven Verbindung zu Evakuierungsplänen wurde unter anderem von der Welt, der Süddeutschen Zeitung, nordbayern.de und dem Stader Tageblatt übernommen. Andere Portale entwickelten eigene Zuspitzungen. So erklärte upday bereits in der Überschrift den „Supervulkan“ zum Auslöser des Erdbebens.

 

Was sind die Campi Flegrei?

Die Campi Flegrei, auf Deutsch Phlegräische Felder, sind ein großes vulkanisches Gebiet westlich von Neapel. Es handelt sich nicht um einen einzelnen Vulkankegel, sondern um eine etwa zwölf bis 15 Kilometer große Caldera mit zahlreichen Kratern, Fumarolen, Thermalquellen und früheren Eruptionszentren.

Große Teile der Städte Pozzuoli und Bacoli sowie westliche Stadtteile Neapels liegen innerhalb oder am Rand dieses Vulkansystems. In der roten vulkanischen Gefahrenzone leben rund eine halbe Million Menschen.

Die letzte Eruption ereignete sich im Jahr 1538 und bildete innerhalb weniger Tage den Vulkankegel Monte Nuovo. Die meisten bekannten Eruptionen der Campi Flegrei waren deutlich kleiner als die sehr seltenen Großereignisse, denen das Gebiet seine Bezeichnung als „Supervulkan“ verdankt.

 

Es handelt sich also nicht bloß um einen Ausreißer zweier besonders klickorientierter Portale. Vielmehr zieht sich dieselbe falsche Dramaturgie durch unterschiedliche Teile der deutschsprachigen Medienlandschaft: Ein reales Schadensbeben wird mit einer angeblich besonderen Gewalt des „Supervulkans“, einer möglichen Eruption und langfristigen Evakuierungsplänen zu einer zusammenhängenden Katastrophengeschichte verbunden.

Eine Auswahl:

„Stärkstes Erdbeben jemals“ – ein Rekord mit sehr kurzem Gedächtnis

Die Frankfurter Rundschau überschreibt ihren Artikel mit:

„Stärkstes Erdbeben an Italiens Supervulkan jemals“

Der Merkur formuliert:

„Stärkstes jemals gemessenes Supervulkan-Beben in Italien“

Im Artikel selbst wird daraus zwischenzeitlich sogar das:

„heftigste jemals registrierte Erdbeben an Italiens Supervulkan“

Hier sind es zwar vermeintliche Details, die aber einen großen Unterschied machen. Denn zwischen „jemals“ und „jemals gemessen“ liegen auf der Zeitskala Jahrhunderte, da erst seit rund 50 Jahren detaillert instrumentell gemessen wird. Älteste Aufzeichnungen über Erdbeben in der Region stammen hingegen aus römischen Zeiten und sind somit teils über 2000 Jahre alt.

Tatsächlich war das Beben mit einer vom INGV bestimmten Codamagnitude von Md 4,7 das stärkste Ereignis, das während der rund fünf Jahrzehnte umfassenden modernen kontinuierlichen Überwachung der Campi Flegrei instrumentell registriert wurde. Das zuvor stärkste gemessene Beben hatte Md 4,6 erreicht. Das INGV weist bei solchen Bestimmungen zudem üblicherweise eine Unsicherheit von etwa ±0,3 Magnitudeneinheiten aus. Schon hier könnte ein kleinlicher Statistikmensch erste (berechtigte) Kritik äußern.

Doch Erdbeben in den Campi Flegrei sind nicht erst vor 40 Jahren erfunden worden. Historische Kataloge enthalten auch Ereignisse, für die stärkere makroseismische Auswirkungen rekonstruiert wurden. Diese sind zwar nur zum Teil von der Magnitude abhängig, liefern aber dennoch Hinweise auf eben jene. So wurden im historischen Ortskern von Pozzuoli im 16. Jahrhundert insgesamt drei Erdbeben mit einer makroseismischen Intensität von VIII registriert. Das Erdbeben am 31. Juli hatte nach ersten Schätzungen eine Intensität von VII. Das ist zumindest ein Indiz für eine ähnliche, wenn nicht sogar höhere Magnitude. Je nachdem, wie weit das Epizentrum von Pozzuoli entfernt lag, könnten auch die fünf weiteren historischen Beben mit einer Intensität über VII in die gleiche Größenordnung fallen.

Die Überschrift macht aus einem wahrscheinlichen instrumentellen Rekord innerhalb eines begrenzten Messzeitraums einen historischen Rekord. Das ist keine kleine sprachliche Ungenauigkeit. Im Zusammenhang mit dem „Supervulkan“ entsteht damit bewusst der Eindruck, die aktuelle Krise habe eine völlig neue Eskalationsstufe erreicht.

Bemerkenswert ist, dass die Artikel diesen Rekord im weiteren Text selbst wieder auf das „stärkste Erdbeben seit rund 40 Jahren“ begrenzen. Die sachlich vertretbare Einschränkung ist der Redaktion also durchaus bekannt. Für eine klickbringende Überschrift war sie offenbar nicht dramatisch genug. Eine bewusste Verdrehung der Tatsachen.

Problematische Artikel:

Hintergrund:

Das Beben war nicht wegen des „Supervulkans“ so zerstörerisch

Der Merkur beginnt seinen ursprünglichen Bericht mit den Worten:

„Bilder von unter Trümmern begrabenen Autos, Staubwolken, Felsbrocken – im Westen Neapels wurde der Boden des Supervulkans der Phlegräischen Felder heftig erschüttert.“

Das klingt eindrucksvoll. Es legt aber auch eine falsche Erklärung nahe: Der „Supervulkan“ habe seine enorme Kraft gezeigt und deshalb so schwere Schäden verursacht.

Die Bezeichnung „Supervulkan-Beben“ beschreibt keine besondere Art von Erdbeben und ist erst recht kein Verstärkungsfaktor für die Bodenbewegung. Das Beben war vor allem deshalb so folgenschwer, weil sein Hypozentrum nur etwa drei Kilometer tief und unmittelbar unter einem dicht besiedelten und vulnerabel bebauten Stadtgebiet lag. Hinzu kommen örtlich steile Tuffhänge, alter und teilweise bereits vorgeschädigter Gebäudebestand sowie die außerordentliche Nähe vieler Häuser zum Epizentrum.

Die aktuelle Seismizität steht selbstverständlich im Zusammenhang mit der Unruhe des vulkanischen Systems. Während des Bradyseismus hebt sich der Boden, wodurch sich Spannungen in den flachen Gesteinsschichten aufbauen und durch Brüche entladen können. Die Erdbeben der Campi Flegrei liegen deshalb meist in wenigen Kilometern Tiefe.

Doch daraus folgt nicht:

Ein „Supervulkan“ erzeugt besonders zerstörerische Erdbeben.

Ein flaches Erdbeben der Magnitude 4,7 direkt unter einer Stadt kann Schäden verursachen – unabhängig davon, ob es sich in einer Caldera, einem tektonischen Störungssystem oder einem anderen geologischen Umfeld ereignet. Die Größe möglicher prähistorischer Eruptionen hat mit der konkreten Schadenswirkung dieses Bebens nichts zu tun.

Die Berichte ersetzen die nachvollziehbare Erklärung aus Tiefe, Entfernung und Vulnerabilität durch das emotional wirksamere Etikett „Supervulkan“.

Hintergrund:

Wenn aus einem vulkanischen Zusammenhang ein handelnder „Supervulkan“ wird

Noch eindeutiger als der Merkur formuliert das Nachrichtenportal upday. Die Überschrift lautet:

„Supervulkan bei Neapel löst stärkstes Erdbeben seit Jahren aus“

Diese Formulierung macht den „Supervulkan“ zum unmittelbar handelnden Verursacher des Bebens. Das ist zwar eine eingängige Schlagzeile, beschreibt die Vorgänge im Untergrund aber nicht angemessen.

Das Erdbeben ereignete sich innerhalb des vulkanischen Systems der Campi Flegrei und steht mit dessen aktueller Unruhe in Zusammenhang. Während des Bradyseismus führen Bodenhebung und Druckveränderungen zu zunehmenden Spannungen in den oberen Kilometern der Erdkruste. Wird die Festigkeit des Gesteins überschritten, kommt es zu einem Bruch und damit zu einem Erdbeben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass ein riesiger Magmakörper oder gar eine bevorstehende „Supereruption“ das Beben direkt ausgelöst hat. An der aktuellen Unruhe können magmatische Gase, hydrothermale Fluide, Temperatur- und Druckveränderungen sowie die mechanische Reaktion des Gesteins beteiligt sein. Welche Prozesse welchen Anteil haben, ist Gegenstand laufender Forschung.

 

Was bedeutet Bradyseismus?

Als Bradyseismus werden langsame Hebungen oder Senkungen des Bodens in vulkanisch und hydrothermal aktiven Gebieten bezeichnet. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß „langsame Bodenbewegung“.

In den Campi Flegrei kommt es seit 2005 erneut zu einer anhaltenden Bodenhebung. Im Zentrum bei Pozzuoli hebt sich der Untergrund derzeit im Mittel um mehrere Zentimeter pro Jahr. Ursache sind Druck- und Volumenveränderungen im vulkanischen und hydrothermalen System. Dabei können unter anderem heiße Fluide, Gase und Prozesse in tieferen magmatischen Bereichen eine Rolle spielen.

Durch die Verformung entstehen Spannungen in der oberen Erdkruste. Überschreiten diese die Festigkeit des Gesteins, bilden oder reaktivieren sich kleine Störungen – es kommt zu meist sehr flachen Erdbeben.

Bradyseismus bedeutet nicht automatisch, dass eine Eruption bevorsteht. Auch frühere starke Hebungsphasen, beispielsweise zwischen 1982 und 1984, endeten ohne Vulkanausbruch.

 

Die Überschrift von upday überspringt diese Unsicherheiten vollständig. Aus einem komplexen vulkanotektonischen Prozess wird die leicht vermarktbare Aussage: Der Supervulkan hat zugeschlagen.

Problematischer Artikel:

Vom Erdbeben direkt zum „kritischen Kipppunkt“

Die Frankfurter Rundschau beendet ihre ursprüngliche Meldung mit diesem Satz:

„Erst kürzlich warnte eine Studie, der Supervulkan Campi Flegrei könnte bald einen kritischen Kipppunkt erreichen.“

Damit wird ein unmittelbarer erzählerischer Zusammenhang hergestellt:

Schadensbeben – stärkstes jemals – Supervulkan – kritischer Kipppunkt – globale Katastrophe?

Nur: Die zitierte Studie warnte nicht vor einer unmittelbar bevorstehenden Eruption. Das INGV sah sich bereits am 23. Mai zu einer offiziellen Richtigstellung gezwungen. Das Institut erklärte ausdrücklich, dass es sich um eine vorläufige, noch nicht abschließend begutachtete Arbeit handele. Diese stelle weder eine deterministische Vorhersage der weiteren Entwicklung noch eine Vorhersage unmittelbar bevorstehender Erdbeben oder Eruptionen dar.

Das INGV kritisierte außerdem ausdrücklich, dass Medien der Studie Aussagen und Bedeutungen zugeschrieben hätten, die im wissenschaftlichen Text nicht enthalten seien. Dadurch sei eine unsachgemäße und potenziell alarmistische Darstellung entstanden.

Diese Richtigstellung erschien mehr als zwei Monate vor dem aktuellen Erdbeben. Trotzdem greift die Frankfurter Rundschau genau dieselbe alarmistische Deutung erneut auf, ohne die Klarstellung des INGV zu erwähnen.

Die Studie diskutiert eine mögliche zukünftige Veränderung des dynamischen Verhaltens der Bodenhebung. Welche Entwicklung daraus folgen könnte, lässt sich nach Angaben des INGV derzeit nicht im Detail bestimmen. Ein solcher Übergang wäre nicht automatisch eine Eruption und schon gar keine „Supereruption“.

Das aktuelle M4,7-Beben beweist zudem nicht, dass irgendein theoretischer Kipppunkt erreicht wurde. Die Redaktion stellt diese Behauptung ohne Belege auf und überlässt es den Lesern, den gewünschten Zusammenhang selbst zu ziehen.

Richtigstellung:

„Der Supervulkan könnte jederzeit wieder ausbrechen“

Der Merkur geht noch einen Schritt weiter:

„Forscher warnen immer wieder, dass der Supervulkan inmitten des Ferienparadieses jederzeit wieder ausbrechen könnte.“

Wer genau diese Forscher sind, wann sie diese Warnung ausgesprochen haben und auf welche aktuellen Messdaten sie sich beziehen, bleibt offen.

Natürlich können die Campi Flegrei als aktives Vulkansystem grundsätzlich wieder ausbrechen. Die letzte Eruption ereignete sich 1538 und bildete den Monte Nuovo. Die Möglichkeit einer zukünftigen Eruption ist daher wissenschaftlich unstrittig. Unstrittig ist allerdings auch, dass die allermeisten Eruptionen des Vulkans eher kleinerer Natur sein. „Super“ waren in der bekannten Geschichte nur die allerwenigsten. So gilt es schon rein statistisch als sehr wahrscheinlich, dass auch die nächste Eruption nicht „super“ sein wird. Dennoch: Tritt sie in einer dicht besiedelten Region wie dem Großraum Neapel auf, können die Auswirkungen auf lokaler Ebene katastrophal sein.

 

Was ist ein „Supervulkan“?

Supervulkan ist kein eindeutig definierter Vulkan- oder Eruptionstyp. Der medial gewachsene und von der Fachwelt als irreführend kritisierte Begriff wird meist für Vulkansysteme verwendet, die in ihrer geologischen Vergangenheit mindestens eine extrem große explosive Eruption erzeugt haben oder grundsätzlich dazu fähig erscheinen.

Häufig wird dabei auf Eruptionen der Stärke 8 auf dem Vulkanexplosivitätsindex verwiesen. Dabei werden mehr als 1.000 Kubikkilometer Lockermaterial ausgeworfen. Solche Ereignisse sind äußerst selten.

Die Bezeichnung sagt jedoch nichts darüber aus, wie groß die nächste Eruption eines solchen Systems wäre. Ein als „Supervulkan“ bezeichnetes Gebiet kann auch kleine oder mittelgroße Eruptionen hervorbringen. Bei den Campi Flegrei waren die meisten bekannten Ausbrüche erheblich kleiner als eine sogenannte Supereruption. Selbst die stärksten Ausbrüche waren mit einem VEI von 7 unter dem Schwellwert. Definitionsgemäß ist Campi Flegrei also kein Supervulkan.

 

Das Wort „jederzeit“ bekommt jedoch in einem Artikel über ein gerade eingetretenes Schadensbeben eine völlig andere Bedeutung. Es suggeriert, dass eine Eruption nun unmittelbar oder kurzfristig bevorstehen könnte.

Eine entsprechende Warnung der zuständigen Behörden gibt es nicht.

Der italienische Zivilschutz führt die Campi Flegrei seit einem Jahrzehnt auf der Warnstufe Gelb. Diese steht für einen Zustand vulkanischer Unruhe und verstärkte Überwachung. Die operative Phase ist „Aufmerksamkeit“, nicht Voralarm oder Alarm. Eine Evakuierung der vulkanischen Gefahrenzone wäre erst in einer Alarmphase vorgesehen.

Der Zivilschutz erklärt außerdem ausdrücklich, dass eine Unruhephase mit einer Eruption enden kann, aber ebenso ohne Eruption wieder abklingen kann. Solche Phasen können wenige Tage, aber auch Jahrzehnte dauern – wie zuletzt in den 80er Jahren.

Die korrekte Aussage wäre deshalb:

Die Campi Flegrei befinden sich weiterhin in einer seit Jahren andauernden Unruhephase. Eine zukünftige Eruption ist grundsätzlich möglich, aktuell gibt es jedoch keine offizielle Einschätzung, wonach das M4,7-Beben eine unmittelbar bevorstehende Eruption ankündigt.

„Kann jederzeit ausbrechen“ ist dagegen die sprachliche Variante eines Warnsignals, das die zuständigen Fachleute nicht gegeben haben.

Hintergrund:

Evakuierung Hunderttausender: Ein alter Notfallplan wird zum aktuellen Alarmzeichen

Eine besonders wirksame Form der Dramatisierung findet sich in einer von der Nachrichtenagentur dpa verbreiteten Meldung. Der Text wurde unter anderem von der Welt, der Süddeutschen Zeitung, nordbayern.de und dem Stader Tageblatt veröffentlicht.

Nach der Beschreibung des Erdbebens liefert die Meldung zunächst eine bemerkenswerte Erklärung:

„Supervulkane zeichnen sich durch eine besonders große Magmakammer und enorme Gewalt aus: Anders als normale Vulkane explodieren Supervulkane regelrecht.“

Direkt danach verweist der Text auf Pläne zur möglichen Evakuierung Hunderttausender Menschen. Im anschließenden Satz wird berichtet, Ministerpräsidentin Giorgia Meloni beobachte die aktuellen Entwicklungen und stehe in ständigem Kontakt mit den lokalen Behörden.

Die erzählerische Reihenfolge ist damit:

Schadensbeben – besonders gewaltiger Supervulkan – Massenevakuierung – Regierungschefin verfolgt die Lage.

Beim Leser entsteht zwangsläufig der Eindruck, die Evakuierungsplanungen könnten aufgrund des Bebens vom 31. Juli nun bald relevant werden. Tatsächlich handelt es sich um längerfristige Katastrophenschutzplanungen für unterschiedliche mögliche Zukunftsszenarien. Eine bevorstehende Aktivierung der vulkanischen Evakuierungspläne wurde nach dem Erdbeben nicht angekündigt.

Hinzu kommt, dass bereits die Erklärung zum „Supervulkan“ fachlich irreführend ist. Auch zahlreiche Vulkane, die nicht als Supervulkane bezeichnet werden, können hochexplosiv eruptieren. Die Campi Flegrei besitzen zudem nicht einfach eine einzelne riesige, mit flüssigem Magma gefüllte Kammer, die sich grundsätzlich anders verhält als „normale“ Vulkane.

Der Absatz trägt nichts zur Erklärung des aktuellen Erdbebens bei. Seine Funktion besteht vor allem darin, unmittelbar vor der Erwähnung der Evakuierungspläne ein möglichst bedrohliches Bild zu erzeugen.

Ein Hinweis auf die Evakuierungsplanung wäre in einem ausführlichen Hintergrundbericht legitim. Dann müsste jedoch unmissverständlich erklärt werden:

Die Planungen bestehen seit Jahren, sind keine Reaktion auf dieses Erdbeben und ihre Aktivierung steht derzeit nicht bevor.

Genau diese Einordnung fehlt in der dpa-Meldung und damit auch in den zahlreichen nahezu wortgleichen Veröffentlichungen ihrer Abnehmer.

Die nationale Notfallplanung für eine mögliche Eruption ist keine spontane Reaktion auf das Erdbeben vom 31. Juli. Ihre wesentlichen Grundlagen stammen aus den Jahren 2015 und 2016. Im Jahr 2019 wurde sie bei der nationalen Übung „Exe Flegrei“ getestet, weitere Übungen folgten später.

Daneben existiert seit 2023 ein eigener schneller Notfallplan für die Folgen des Bradyseismus. Dieser betrifft mögliche Erdbebenschäden, Gebäudeverwundbarkeit, Störungen kritischer Infrastruktur und gegebenenfalls die örtliche Unterbringung oder Verlegung Betroffener. Der Zivilschutz trennt damit ausdrücklich zwischen:

  • dem aktuellen Erdbebenrisiko durch Bradyseismus und
  • der nationalen Evakuierungsplanung für eine mögliche Eruption.

Wer unmittelbar nach einem Schadensbeben von der Evakuierung Hunderttausender Menschen schreibt, ohne diese Unterscheidung zu erklären, erzeugt den Eindruck, eine solche Evakuierung könnte nun bevorstehen oder zumindest ernsthaft in Betracht gezogen werden.

Die Existenz eines regelmäßig angepassten Katastrophenschutzplans ist jedoch kein Hinweis darauf, dass die darin behandelte Katastrophe unmittelbar droht. Deutschland besitzt ebenfalls Notfall- und Evakuierungspläne für Hochwasser, Waldbrände, Gefahrstoffunfälle und andere Szenarien und passt diese an neueste Erkenntnisse und veränderte Situationen an. Niemand würde im Normalfall aus ihrer bloßen Existenz schließen, dass eines dieser Ereignisse kurz bevorsteht.

Veröffentlichungen der problematischen dpa-Meldung:

Richtigstellung und Hintergrund:

Wie man eine Supereruption behauptet, ohne sie zu behaupten

Kaum eines der genannten Medien schreibt ausdrücklich:

Eine Supereruption steht bevor.

Das wäre zu leicht zu widerlegen.

Stattdessen werden einzelne Bausteine so angeordnet, dass beim Leser genau dieser Eindruck entsteht:

  • stärkstes Erdbeben „jemals“,
  • erschütterter „Supervulkan“,
  • ein angeblich nahender „kritischer Kipppunkt“,
  • Forscher, die vor einem „jederzeit“ möglichen Ausbruch warnen,
  • eine riesige Magmakammer,
  • „enorme Gewalt“,
  • und Vorbereitungen zur Evakuierung Hunderttausender Menschen.

Jeder einzelne Satz kann anschließend mit irgendeiner Einschränkung verteidigt und von Gerichten und vom Presserat als tolerierbar gewertet werden. In Kombination erzählen sie jedoch eine klare Geschichte: Der Supervulkan erwacht, die Aktivität eskaliert und Italien bereitet bereits die Massenevakuierung vor. Und auch Deutschland würde – weil es sich ja um einen Supervulkan handelt, der bekanntlich globale Auswirkungen hat – davon nicht unerheblich betroffen sein. Eine Lüge, die nicht ausgesprochen, sondern gezielt in deinem Kopf zusammengefügt wird.

Das Erdbeben war ein relevantes und ungewöhnlich schadenträchtiges Ereignis. Es gehört zur seit 2005 anhaltenden Bradyseismus-Phase, die sich seit 2018 und besonders seit 2023 deutlich intensiviert hat. Weitere spürbare und auch schadensverursachende Erdbeben sind möglich, vor allem, da die Beben ursprungsbedingt in sehr geringer Tiefe auftreten und dadurch. Die Region besitzt wegen ihrer hohen Bevölkerungsdichte und der Gebäudeverwundbarkeit ein erhebliches Risiko. Und auch das mittelfristige Risikos eines erneuten Vulkanusbruchs mit lokal katastrophalen Folgen ist nicht von der Hand zu weisen und wird von den Behörden mit der nötigen Aufmerksamkeit betrachtet.

All das ist ernst genug.

Es braucht keine erfundenen historischen Rekorde. Es braucht keinen aus einer vorläufigen Studie herausgeschnittenen „Kipppunkt“. Und es braucht keine weltweite Vulkankatastrophe, auf die sich Behörden und Regierungschefs nach diesem Erdbeben vorbereiten.

Das eigentliche Risiko verschwindet hinter der Supervulkan-Show

Die mediale Fixierung auf eine mögliche Supereruption ist nicht nur übertrieben. Sie lenkt auch vom tatsächlichen akuten Problem ab.

Die Menschen in Pozzuoli müssen derzeit nicht deshalb um ihre Häuser fürchten, weil eine prähistorische Eruption mit Hunderten Kubikkilometern Auswurfmaterial bevorsteht. Sie müssen um ihre Häuser fürchten, weil wiederholte, sehr flache Erdbeben auf einen dicht bebauten und teilweise vulnerablen Stadtraum treffen. Das ist weniger spektakulär als eine explodierende Magmakammer unter Neapel. Für die Betroffenen ist es aber in genau diesem Moment erheblich realer.

Eine verantwortungsvolle Berichterstattung müsste deshalb erklären, warum selbst moderate Magnituden dort starke lokale Auswirkungen haben können, wie der Bradyseismus die Erdbebentätigkeit beeinflusst, welche Gebäude besonders gefährdet sind und welche Maßnahmen die Behörden tatsächlich ergriffen haben. Und wie sich das ganze in den Gesamtkontext einer vulkanischen Bedrohungslage einordnen lässt. Stattdessen verkaufen manche Medien den „Supervulkan“ als Ursache der Zerstörung und angemessene Sorgfalt des Katastrophenschutzes als Zeichen einer drohenden Eruption.

Das Problem daran ist nicht, dass die Lage zu dramatisch dargestellt würde. Die Lage ist dramatisch. Das Problem ist, dass die falsche Dramatik gewählt wird. Ein reales Schadensbeben wird zur Kulisse für eine Katastrophengeschichte, die derzeit niemand seriös vorhersagen kann.

Wer jedes stärkere Erdbeben zum Erwachen des „Supervulkans“ erklärt, trägt nicht zur Aufklärung bei. Er verbraucht Aufmerksamkeit, fördert Alarmmüdigkeit und beschädigt das Vertrauen in jene amtlichen Warnungen, auf die es im Fall einer tatsächlichen vulkanischen Eskalation ankommen würde. Gerade in einer Region, in der Hunderttausende Menschen auf rechtzeitige und glaubwürdige Informationen angewiesen sind, ist diese Form der Berichterstattung nicht nur unseriös, sondern potenziell gefährlich.

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.

Ein Gedanke zu „Campi Flegrei: Wie deutsche Medien die Fakten verdrehen“
  1. Vielen herzlichen Dank für diese fachlich kompetente Aufklärung. Bitte hören Sie nie auf, die Menschen aufzuklären. Ich verfolge Ihre Seite schon seit vielen Jahren und lese zu dem Thema Erdbeben keine Berichterstattung mehr in den Medien.

Die Kommentare sind geschlossen.