Am 12. August 2026 zieht der Kernschatten des Mondes über Grönland, Island und den Norden Spaniens. Auch in Deutschland ist am Abend eine partielle Sonnenfinsternis zu sehen. Rund um solche Ereignisse taucht regelmäßig die Behauptung auf, die besondere Stellung von Sonne, Mond und Erde könne starke Erdbeben auslösen. Gerüchte, die seit dem schweren Erdbeben in der Türkei am 17. August 1999 – also sechs Tage nach einer totalen Sonnenfinsternis – immer wieder aufgegriffen werden. Was ist an diesen Gerüchten dran?

Sonnenfinsternis in China 2010. Bild: A013231, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Eine Sonnenfinsternis entsteht bei Neumond, wenn der Mond zwischen Erde und Sonne steht. Eine annähernd geradlinige Anordnung gibt es somit jeden Monat. Zur Finsternis kommt es nur dann, wenn der Mond gleichzeitig nahe einem Kreuzungspunkt seiner leicht geneigten Umlaufbahn steht und sein Schatten die Erde trifft.

Astronomisch weniger außergewöhnlich, als es aussieht

Für die auf die Erde wirkenden Kräfte bedeutet das nichts grundsätzlich Neues. Nach Angaben des US Geological Survey erzeugen Sonnen- und Mondfinsternisse keine besonderen Gezeiteneffekte, die nicht auch bei einem gewöhnlichen Neu- beziehungsweise Vollmond auftreten. Die Wirkung einer Sonnenfinsternis ist also nicht nennenswert anders als das, was ohnehin ungefähr zweimal im Monat geschieht. Zudem schwankt die Stärke der Gezeiten von Monat zu Monat, unter anderem weil sich die Entfernung zwischen Erde und Mond während seiner elliptischen Umlaufbahn verändert.

Mond und Sonne verformen durch ihre Gezeitenkräfte allerdings nicht nur die Ozeane, sondern geringfügig auch die feste Erde. Diese sogenannten Erdgezeiten können die Erdoberfläche im Tagesverlauf um mehrere Dezimeter anheben und absenken. Dabei verändert sich auch die Spannung im Gestein. Die dadurch erzeugten Spannungsänderungen liegen an Land meist in der Größenordnung weniger Kilopascal. An manchen Meeresstandorten können sie durch die zusätzliche Belastung wechselnder Wassermassen größer ausfallen.

Anschaulich wird die geringe Größenordnung beim Vergleich mit einem Erdbeben: Ein Kilopascal entspricht 0,001 Megapascal. Die bei tektonischen Erdbeben freigesetzte Spannungsdifferenz, der sogenannte Spannungsabfall, liegt häufig bei einigen Megapascal. Untersuchungen des USGS ermittelten beispielsweise für zahlreiche tektonische Erdbeben in den westlichen USA Werte zwischen etwa 1 und 8 Megapascal. Die periodische Gezeitenspannung ist damit meist ungefähr tausendmal kleiner als der Spannungsabfall eines gewöhnlichen tektonischen Erdbebens. Das bedeutet allerdings nicht, dass eine bereits extrem bruchreife Störung auf solch kleine Änderungen grundsätzlich nicht reagieren kann.

Können Gezeiten trotzdem einzelne Beben beeinflussen?

Vollständig wirkungslos sind die Gezeiten nicht. Befindet sich eine Störung ohnehin bereits unmittelbar vor einem Bruch, kann selbst eine sehr geringe zusätzliche Spannungsänderung den genauen Zeitpunkt eines kleinen Bebens beeinflussen. Die Gezeiten liefern dabei aber nicht die Energie des Erdbebens. Diese wurde zuvor über Jahre bis Jahrhunderte durch tektonische Bewegungen im Gestein gespeichert.

Bildlich gesprochen können die Gezeiten gelegentlich der letzte Tropfen sein, der ein bereits randvolles Fass zum Überlaufen bringt. Sie füllen das Fass jedoch nicht und erklären auch nicht, warum es überhaupt voll ist.

Tatsächlich wurden in einigen Regionen statistische Zusammenhänge zwischen den Gezeiten und der Mikroseismizität festgestellt. Besonders deutlich sind sie dort, wo starke Meeresgezeiten, hoher Porenfluiddruck oder magmatische Systeme wirken. Am untermeerischen Axial-Vulkan im Nordostpazifik treten kleine Erdbeben beispielsweise bevorzugt während bestimmter Gezeitenphasen auf. Dort verändert der wechselnde Wasserdruck nicht nur direkt die Spannung auf den Störungen. Die Magmakammer reagiert ebenfalls auf die periodische Be- und Entlastung und verändert dadurch den Spannungszustand der umgebenden Bruchzonen.

Auch entlang eines rund 150 Kilometer langen Abschnitts der San-Andreas-Verwerfung bei Parkfield ließ sich anhand von etwa 550.000 niederfrequenten Kleinstbeben eine örtlich unterschiedliche Reaktion auf Erd- und Meeresgezeiten nachweisen. Die Ergebnisse betreffen jedoch besondere, tief liegende Bereiche nahe dem Übergang zwischen sprödem Bruch und duktilem beziehungsweise langsamem Gleiten. Dort treten häufig niederfrequente Erdbeben und tektonischer Tremor auf. Die starke Reaktion auf sehr kleine Spannungsänderungen deutet darauf hin, dass Teile der Störungszone nur eine geringe effektive Reibung besitzen, möglicherweise auch infolge eines hohen Fluiddrucks. Diese Vorgänge sind daher nicht ohne Weiteres auf flache, schadenbringende Erdbeben übertragbar.

Andere Untersuchungen fanden dagegen keine eindeutige Abhängigkeit. Eine Analyse von mehr als 13.000 Erdbeben an der San-Andreas- und der Calaveras-Verwerfung in Kalifornien ergab keine statistisch relevante Häufung während bestimmter Gezeitenphasen. Auch eine 2025 veröffentlichte Untersuchung von rund 110.000 überwiegend induzierten Erdbeben in Oklahoma und Kansas fand für das gesamte Untersuchungsgebiet nur wenige Hinweise auf eine allgemeine Gezeitensteuerung. Lediglich in einzelnen Teilregionen traten schwache statistische Signale auf, die keinen Zusammenhang belegen.

Einzelne globale Studien kamen zwar zu dem Ergebnis, dass der Anteil sehr großer Überschiebungsbeben bei besonders hohen Gezeitenspannungen leicht erhöht sein könnte. Eine viel beachtete Untersuchung aus dem Jahr 2016 wertete dafür globale, japanische und kalifornische Erdbebenkataloge aus. Die Studie schließt auf einen Einfluss von tiefen, aseismischen Ereignissen wie bei Parkfield in Kalifornien infolge der Gezeiten auf ein erhöhtes Risiko schwerer Erdbeben. Solche statistischen Ergebnisse werden jedoch weiterhin diskutiert. Der beobachtete Effekt ist schwach und erlaubt weder eine Vorhersage einzelner Erdbeben noch die Ableitung einer kurzfristig erhöhten Gefahr während eines bestimmten Neu- oder Vollmondes.

Kein erhöhtes Erdbebenrisiko durch die Sonnenfinsternis

Selbst dort, wo eine gezeitenabhängige Veränderung der Mikroseismizität messbar ist, handelt es sich vor allem um eine statistische Verschiebung des Zeitpunkts ohnehin bevorstehender kleiner Ereignisse. Eine besondere weltweite Zunahme der Erdbebenaktivität während Sonnenfinsternissen ist nicht feststellbar. Die Finsternis erzeugt schließlich auch keine stärkeren Gezeiten als andere Neu- und Vollmonde.

Dass rund um eine Finsternis irgendwo auf der Erde ein stärkeres Beben auftritt, wäre ohnehin nicht ungewöhnlich. Nach der langfristigen Statistik des USGS ereignen sich weltweit durchschnittlich etwa 15 Erdbeben der Magnitudenklasse 7 pro Jahr. Nimmt man eine zufällige zeitliche Verteilung dieser Beben an, liegt die Wahrscheinlichkeit für mindestens ein Erdbeben der Magnitude 7 innerhalb eines insgesamt sieben Tage langen Zeitfensters bei rund 25 Prozent. Betrachtet man jeweils sieben Tage vor und nach der Finsternis, also insgesamt zwei Wochen, steigt sie bereits auf rund 44 Prozent. Selbst bei einem Zeitraum von nur zwei Tagen um eine Finsternis liegt die Wahrscheinlichkeit für ein zufälliges Beben noch bei rund 15%. Ein zeitlich nahes Erdbeben wäre somit kein überraschender Zufall und erst recht kein Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang.

Wird ein solches Beben mit einem seltenen Himmelsereignis verbunden, bleiben die vielen Finsternisse ohne schweres Erdbeben und die zahlreichen schweren Erdbeben ohne Finsternis leicht unbeachtet. Dieses selektive Erinnern wird als Bestätigungsfehler bezeichnet. Die Sonnenfinsternis am 12. August ist daher ein außergewöhnliches astronomisches Schauspiel – aber kein Vorzeichen für eine außergewöhnliche Erdbebenaktivität.

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.