Für das Erdbeben der Magnitude 2.5 bei Strüth am 18. August 2026 gingen bei Erdbebennews mehr als 200 auswertbare Wahrnehmungsmeldungen aus dem Taunus, Westerwald dem Mittelrheingebiet und angrenzenden Regionen ein. Nach Bereinigung von Doppelmeldungen und nicht ausreichend aussagekräftigen Angaben konnten 229 Meldungen aus 105 Orten beziehungsweise Ortsteilen für die makroseismische Auswertung berücksichtigt werden.
Die Intensitäten wurden anhand der beschriebenen Auswirkungen unter Berücksichtigung der Europäischen Makroseismischen Skala EMS-98 bewertet. Dabei wurden mehrere Meldungen desselben Ortes gemeinsam betrachtet. Einzelne ungewöhnlich starke Beobachtungen wurden nicht automatisch als repräsentativ für einen gesamten Ort gewertet. Rein akustische Wahrnehmungen, beispielsweise ein Grollen oder Knall ohne wahrgenommene Erschütterung, sind in der Karte gesondert dargestellt und keiner eigentlichen fühlbaren Intensitätsstufe zugeordnet.
Die höchste abgeleitete Ortsintensität beträgt IV nach EMS-98. Bei dieser Intensität wird ein Erdbeben von vielen Menschen in Gebäuden deutlich wahrgenommen. Leichte Gegenstände können sich bewegen, Fenster oder Geschirr können klirren und vereinzelt können schlafende Personen aufwachen. Hinweise auf Schäden ergaben sich aus den ausgewerteten Meldungen nicht. Eine eingegangene Meldung über Risse im Verputz wurde wegen fehlender Plausibilität verworfen.
Großes Schüttergebiet trotz geringer Magnitude
Auffällig ist die vergleichsweise große Fläche, über die das leichte Erdbeben wahrgenommen wurde. Meldungen liegen aus weiten Teilen des westlichen Taunus und des Mittelrheintals vor. In Emmelshausen, rund 24 Kilometer vom Epizentrum entfernt, wurde noch Intensität III erreicht. Weitere vereinzelte Wahrnehmungen kamen unter anderem aus Wiesbaden in etwa 27 Kilometern Entfernung, Niedernhausen in rund 31 Kilometern sowie aus Hofheim-Lorsbach und Villmar in knapp 38 beziehungsweise 39 Kilometern Entfernung. An diesen weiter entfernten Orten waren die Wahrnehmungen allerdings sehr schwach und wurden mit Intensität II bewertet.
Die meisten Orte erreichten Intensität III. Dort wurde meist eine kurze, aber eindeutig fühlbare Erschütterung beschrieben. Typisch waren ein kurzes Rütteln oder Vibrieren von Gebäuden, Betten oder Möbeln. An weiter entfernten Orten wurde das Erdbeben häufig nur schwach mit Intensität II oder ausschließlich akustisch wahrgenommen.
Eine mögliche Ursache für die vergleichsweise starke Ausbreitung des Erdbebens dürfte die Uhrzeit sein. um 21:59 Uhr sind die meisten Menschen bereits in ruhender, abendlicher Situation, oft aber noch wach und bemerken so selbst kleinste Erschütterungen und Geräusche besonders gut. Ob weitere geologische oder geophysikalische Gründe zur Ausbreitung beigetragen haben, müssen künftige Untersuchungen zeigen.
Die stärksten Wahrnehmungen konzentrieren sich nicht unmittelbar gleichmäßig um das Epizentrum. Besonders im Bereich des Mittelrheins zwischen etwa Oberwesel, Bacharach und dem Rheingau treten mehrere Orte mit vergleichsweise hohen Intensitäten III bis lokal IV auf. Auch südöstlich des Epizentrums im Raum Bad Schwalbach und Schlangenbad wurde das Erdbeben verbreitet deutlich verspürt.
Ungleichmäßige Ausbreitung der Erschütterungen
Die makroseismische Karte zeigt damit kein annähernd kreisförmiges Schüttergebiet. Vor allem nach Südwesten in Richtung Mittelrhein sind deutlich stärkere und zahlreichere Wahrnehmungen dokumentiert als in manchen Gebieten mit vergleichbarer Entfernung nördlich oder östlich des Epizentrums.
Solche Unterschiede sind bei Erdbeben nicht ungewöhnlich. Die Stärke der wahrgenommenen Erschütterungen hängt nicht ausschließlich von der Entfernung zum Epizentrum ab. Einfluss haben unter anderem die Abstrahlcharakteristik des Erdbebenherdes, die Ausbreitung der seismischen Wellen durch den Untergrund sowie lokale geologische Verhältnisse. Auch unterschiedliche Gebäudetypen können beeinflussen, wie deutlich ein schwaches Erdbeben wahrgenommen wird.
Aus der vorliegenden makroseismischen Verteilung allein lässt sich noch nicht bestimmen, welcher dieser Effekte für die auffällige Ausbreitung beim Strüth-Erdbeben verantwortlich war. Die Häufung stärkerer Wahrnehmungen entlang des Mittelrheins ist jedoch sehr auffällig. Eine Verstärkung der Erdbebenwellen aufgrund der weichen und immer noch wasserhaltigen Sedimente des Rheins ist plausibel. Zudem könnte die akustische Wahrnehmung durch die steile Tallage mit felsigen Klippen verstärkt worden sein.
Maximale Intensität IV
Insgesamt ergibt sich für das Erdbeben ein überwiegend von Intensität III geprägtes Schüttergebiet mit lokalen Bereichen – vor allem den genannten Orten am Rhein – der Intensität IV. Damit waren die Auswirkungen trotz der geringen Magnitude von 2,5 regional ungewöhnlich deutlich, blieben jedoch weit unterhalb eines Bereichs, in dem mit Schäden zu rechnen wäre.
Die Auswertung basiert ausschließlich auf den bei Erdbebennews eingegangenen Wahrnehmungsmeldungen. Gebiete ohne Meldungen sind deshalb nicht automatisch Gebiete, in denen das Erdbeben nicht wahrgenommen wurde. Vor allem in dünn besiedelten Regionen oder bei geringer Reichweite des Meldeaufrufs können entsprechende Datenlücken auftreten.
Teil der seit Jahren aktiven Heidenrod-Sequenz
Das Erdbeben bei Strüth ist räumlich der seit 2018 anhaltenden Erdbebenaktivität im Raum Heidenrod und Bad Schwalbach zuzuordnen. Diese ungewöhnlich langlebige Sequenz wurde zuletzt in einer Studie von Laumann et al. (2026) detailliert untersucht. Demnach begann die Aktivität in Tiefen von etwa 15 Kilometern und verlagerte sich über Jahre langsam nach oben und seitlich entlang alter variszischer Störungszonen. Für Heidenrod errechneten die Forschenden eine mittlere Migrationsgeschwindigkeit von lediglich rund 2,4 Metern pro Tag.
Als wahrscheinlichsten Antrieb der Sequenz interpretieren die Autoren unter Druck stehende, vermutlich CO₂-haltige Fluide, die entlang vorhandener Störungen durch die Erdkruste wandern und dort den Porendruck erhöhen. Dadurch können bereits stark belastete kleinere Bruchflächen zum Versagen gebracht und Erdbeben ausgelöst werden. In rund zehn Kilometern Tiefe scheint die Aufwärtsbewegung der Aktivität bislang weitgehend an einer weniger durchlässigen geologischen Grenze zum Stillstand zu kommen; stattdessen breitete sich die Seismizität bei Heidenrod verstärkt horizontal aus.
Ob die Fluide letztlich mit den tiefen mantelbezogenen Prozessen unter der Eifel verbunden sind, ist noch nicht geklärt. Die Studie hält einen solchen Zusammenhang für plausibel, kann ihn anhand der Erdbebendaten aber nicht eindeutig nachweisen. Hinweise auf aufsteigendes Magma oder eine bevorstehende vulkanische Aktivität ergeben sich daraus ausdrücklich nicht. Das aktuelle Erdbeben ist vielmehr ein weiteres Beispiel dafür, dass die Heidenrod-Sequenz auch nach rund acht Jahren weiterhin aktiv ist. Anders als frühere, meist kaum oder nicht wahrnehmbare Beben der Sequenz, wurde dieses relativ deutlich verspürt und ist das mit Abstand makroseismisch auffälligste Erdbeben der Heidenrod-Sequenz. Dies könnte auf leicht veränderte Entstehungsmechanismen hindeuten, zumal die Tiefe entgegen des bisherigen Trends, mit recht großen 13 (LED), bzw 17 km (HLNUG) bestimmt wurde.
Was bedeuten die Intensitäten nach EMS-98?
Die Europäische Makroseismische Skala EMS-98 beschreibt nicht die Stärke eines Erdbebens an der Quelle, sondern seine Auswirkungen an einem bestimmten Ort. Entscheidend sind dabei unter anderem die Wahrnehmung durch Personen, Reaktionen von Gegenständen und Gebäuden sowie mögliche Schäden.
| Intensität | Typische Auswirkungen |
|---|---|
| I | Nicht fühlbar. In der vorliegenden Auswertung wurden rein akustische Wahrnehmungen wie Grollen oder Knallen gesondert dargestellt. |
| II | Nur von einzelnen ruhenden Personen wahrgenommen, meist in Gebäuden. Sehr schwache Vibrationen sind möglich. |
| III | In Gebäuden von mehreren Personen wahrgenommen. Die Erschütterung ist deutlich, leichte Gegenstände oder hängende Objekte können sich bewegen. |
| IV | Von vielen Personen in Gebäuden wahrgenommen. Fenster, Türen oder Geschirr können klirren, leichte Möbel sichtbar reagieren und einzelne Schlafende aufwachen. |
| V | Von fast allen Personen in Gebäuden wahrgenommen. Gegenstände können deutlich schwingen oder verrutschen, Türen und Fenster schlagen, kleinere instabile Gegenstände können umfallen. |
Beim Erdbeben bei Strüth wurde nach Auswertung der Wahrnehmungsmeldungen überwiegend Intensität III erreicht, lokal Intensität IV. Hinweise auf schadensrelevante Intensitäten mit V oder höher ergaben sich nicht.
