Am Mittwochmorgen ist es im Grenzgebiet zwischen Tibet und Nepal zu einer schweren Sturzflut durch einen Gletscherabbruch gekommen. Mindestens acht Menschen kamen nach bisherigen Angaben ums Leben, zahlreiche weitere gelten als vermisst oder sind wegen unterbrochener Kommunikationsverbindungen derzeit nicht erreichbar. Satellitenbilder zeigen großflächige Auswirkungen in einem dünn besiedelten Himalaya-Tal.

Fast zeitgleich mit der Flut registrierte der US Geological Survey (USGS) in unmittelbarer Nähe ein vermeintliches Erdbeben der Magnitude 4.4. Zunächst wurde im Internet spekuliert, dieses Erdbeben habe zu dieser verheerenden Gletscherrutschung geführt. Die seismischen Aufzeichnungen zeigen jedoch sehr deutlich, dass dort offenbar kein gewöhnliches tektonisches Erdbeben stattgefunden hat.

Kein typisches Erdbebensignal

Das vom USGS registrierte Ereignis wurde mit einer Herdtiefe von zehn Kilometern angegeben. Wenn ein Erdbeben auf eine Tiefe von 10 Kilometern gesetzt wird, ist dies meist ein erster Hinweis darauf, dass sich das Ereignis mit einem normalen Erdbebenmodell nur schlecht lokalisieren ließ. 10 Kilometer ist ein typischer Platzhalter-Wert.

Noch eindeutiger sind die Seismogramme. Bei einem Erdbeben der Magnitude 4.4 wären an den umliegenden Stationen klar erkennbare Körperwellen zu erwarten: zunächst P-Wellen, anschließend meist deutlich stärkere S-Wellen. Ein eindeutiges Muster, dem jedes durchschnittliche Erdbeben folgt.

Davon ist auf den Aufzeichnungen praktisch nichts zu sehen. Statt eines impulsiven Beginns setzt das Signal allmählich ein und entwickelt sich über viele Sekunden zu einer lang anhaltenden Bodenbewegung, die stark von oberflächennahen Wellen geprägt ist.

Seismisches Signal des Gletschersturzes an der Station CHTO in Chiang Mai, Thailand, rund 1700 Kilometer (!) vom Ereignis entfernt. Trotz der großen Distanz ist das lang anhaltende, langsam einsetzende Signal deutlich erkennbar. Daten: Albuquerque Seismological Laboratory/USGS. (1988). Global Seismograph Network (GSN – IRIS/USGS) [Data set]. International Federation of Digital Seismograph Networks. https://doi.org/10.7914/SN/IU
Ein solches Signal ist typisch für große Massensbewegungen wie Bergstürze, Fels- oder Eislawinen. Dabei entsteht die seismische Energie nicht durch einen plötzlichen Bruch einer Störungsfläche, sondern über einen längeren Zeitraum durch gewaltige Massen, die sich über den Untergrund bewegen. Das lange Nachschwingen könnte zudem von den späteren Wasser- und Geröllmassen stammen, die sich durch das Tal wälzen. Selbst in Deutschland, wie hier auf der Station Collm in Sachsen, ist dieses seismische Signal noch nachweisbar.

Das „Erdbeben“ war der Gletscherkollaps

Inzwischen wurde auf tibetischer Seite ein kollabierter Gletscher als Ausgangspunkt der Flut identifiziert. Der kanadische Geomorphologe Dan Shugar veröffentlichte entsprechende Satellitenbeobachtungen und lokalisierte den Ursprung der Katastrophe im Hochgebirge nördlich der nepalesischen Grenze.

The source of the flood in Nepal is a collapsed glacier 🧪⚒️

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— Dr Dan Shugar 🇨🇦 (@watershedlab.bsky.social) 12:40 · Aug 26, 2026

Zusammen mit Zeitpunkt, Lage und Charakter des seismischen Signals ergibt sich damit die eindeutige Schlussfolgerung: Das vom USGS als Erdbeben der Magnitude 4.4 katalogisierte Ereignis war mit sehr hoher Sicherheit die seismische Signatur des Gletschersturzes selbst.

Das automatische Auswertungssystem interpretierte die starken Bodenbewegungen offenbar zunächst als Erdbeben, bestimmte eine Magnitude und wies dem Ereignis eine feste Herdtiefe von zehn Kilometern zu.

Solche Fehlklassifizierungen sind grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Auch große Bergstürze, Lawinen, Explosionen oder andere oberflächennahe Ereignisse können von seismischen Messnetzen registriert werden. Die Magnitude von 4.4 ist für eine Massenbewegung aber ein extrem hoher Wert und verdeutlicht das Ausmaß dieser Katastrophe. Zumal die Magnitude in der Regel in einem Frequenzbereich bestimmt wird, der von diesem Ereignis nur teilweise abgedeckt wird. Für das vollständige Signal ist die Magnitude daher wahrscheinlich noch deutlich unterschätzt.

Schwere Schäden durch die Flut

Der Kollaps ereignete sich auf tibetischer Seite oberhalb des nepalesischen Grenzgebietes. Wenig später erreichte eine massive Flut- und Schuttwelle die Täler von Lhende, Bhote Koshi und Trishuli.

Besonders betroffen sind unter anderem Timure, Syaphrubesi und weitere Orte entlang des Bhote Koshi. Häuser, Straßen und mehrere Brücken wurden zerstört oder fortgerissen. Auch Wasserkraftwerke, Umspannwerke und Stromleitungen wurden beschädigt. Zahlreiche Mobilfunkverbindungen fielen aus.

Nach Angaben nepalesischer Behörden wurden bislang mindestens 17 Todesopfer bestätigt. Mehrere Angehörige von Polizei und Sicherheitskräften gelten als vermisst. Darüber hinaus sind zahlreiche Bewohner, Reisende und Pilger derzeit nicht erreichbar. Dabei bedeutet „nicht erreichbar“ ausdrücklich nicht, dass alle diese Personen von der Flut erfasst wurden. In weiten Teilen des Katastrophengebietes sind Verkehrswege, Stromversorgung und Kommunikationsnetze unterbrochen. Das genaue Ausmaß der Katastrophe wird erst langsam deutlich.

Starke Niederschläge gelten nicht als Ursache der Katastrophe. In den betroffenen Gebieten waren zuvor nur geringe Regenmengen registriert worden. Bereits früh vermuteten nepalesische Behörden daher einen Ursprung der Flut auf tibetischer Seite, etwa durch einen Gletscherseeausbruch, eine Lawine oder den Bruch eines natürlichen Damms.

Seismometer registrieren mehr als Erdbeben

Der Fall zeigt eindrucksvoll, dass seismologische Messnetze weit mehr aufzeichnen als tektonische Erdbeben. Auch Lawinen, Bergstürze, Gletscherbewegungen und Explosionen erzeugen messbare seismische Wellen und können ab einer gewissen Größe auch von Erdbebendiensten automatisch registriert werden.

Gerade bei großen Massenschwerebewegungen können diese Registrierungen, die meist bereits nach wenigen Minuten verfügbar sind, wichtige Hinweise liefern, noch bevor hochauflösende Satellitenbilder Details zeigen. Zeitpunkt, Dauer und Form des Signals helfen dabei zu erkennen, welcher Prozess tatsächlich stattgefunden hat. Denn das geübte seismologische Auge kann Erdbeben problemlos von anderen Ereignissen unterscheiden.

Im aktuellen Fall ist die Wellenform ausgesprochen eindeutig: Das vermeintliche Erdbeben der Magnitude 4.4 war kein tektonisches Erdbeben, sondern das seismische Signal des gewaltigen Gletschersturzes, der anschließend die verheerende Flut auslöste.

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.