In den vergangenen Wochen hat sich weltweit scheinbar ein schweres Erdbeben an das nächste gereiht. Philippinen, Venezuela, Japan, Kolumbien, Indonesien – immer wieder sorgten starke und teils verheerende Erdbeben für Schlagzeilen. Seit Mitte Juni kamen bei mehreren Beben Tausende Menschen ums Leben, Zehntausende wurden verletzt oder mussten ihre Häuser verlassen. Schnell entsteht dadurch der Eindruck, die Erde sei derzeit besonders oder sogar ungewöhnlich aktiv.

Ein Blick auf die Statistik zeigt allerdings ein differenzierteres Bild: Die Zahl starker Erdbeben ist derzeit tatsächlich erhöht, außergewöhnlich ist sie aber nicht. Auffällig waren in den vergangenen Wochen vielmehr die Regionen, die von einigen dieser Beben getroffen wurden und vor allem die teilweise schweren Folgen.

Viele starke und vor allem folgenschwere Erdbeben

Besonders prägend war die Erdbebenkatastrophe in Venezuela am 24. Juni. Nach der Analyse des United States Geological Survey (USGS) ereigneten sich dort innerhalb von nur 39 Sekunden zwei sehr starke Beben mit Magnitude 7.2 und 7.5. Andere Auswertungen interpretieren den komplexen Bruch teilweise als einzelnes Beben; die genaue Einordnung dieses außergewöhnlichen Doppelerdbebens dürfte daher auch Gegenstand weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen sein. Unabhängig davon kam es im dicht besiedelten Norden Venezuelas zu extrem starken Erschütterungen und großflächigen Zerstörungen.

Es folgten weitere Ereignisse, die aus unterschiedlichen Gründen große Aufmerksamkeit erhielten. Vor der mexikanischen Pazifikküste ereignete sich am 17. Juli ein Erdbeben der Magnitude 7.3. Trotz seiner Stärke blieben die Folgen vergleichsweise gering: Es gab nur wenige Verletzte, einzelne Gebäudeschäden und kleinere Tsunamiwellen.

Ende Juli traf ein starkes Erdbeben mit Mw 6.8 beziehungsweise Mj 7.1 die japanische Region Kumamoto. Tausende Gebäude wurden beschädigt oder zerstört, 38 Menschen kamen ums Leben. Die Region war bereits 2016 von einer schweren Erdbebenserie betroffen, die ebenfalls erhebliche Schäden und zahlreiche Todesopfer verursachte.

Am 10. August richtete ein Erdbeben der Magnitude 7.4 in Kolumbien verheerende Schäden an. Trotz seiner moderaten Herdtiefe waren die Folgen erheblich: Mehr als 300 Menschen kamen ums Leben, Zehntausende Gebäude wurden zerstört oder beschädigt und hunderttausende Menschen verloren vorübergehend oder dauerhaft ihr Zuhause. Es handelt sich um eine der schwersten Erdbebenkatastrophen Kolumbiens seit Jahrzehnten.

Kleinere Beben im Mittelmeerraum

Vergleichsweise glimpflich verlief am 15. August ein Erdbeben der Magnitude 7.7 vor der indonesischen Insel Flores. Zwar kamen auch dort Dutzende Menschen ums Leben, zahlreiche Häuser wurden beschädigt und ein kleiner Tsunami erreichte die Küsten. Gemessen an der enormen Magnitude blieben die Auswirkungen jedoch begrenzt. Ein ähnlich starkes Erdbeben in derselben Region hatte 1992 mehr als 2.000 Todesopfer gefordert.

Daneben gab es zahlreiche schwächere, lokal aber ebenfalls schadensträchtige Erdbeben, unter anderem in China, Pakistan, Peru und Indonesien. In deutschsprachigen Medien fanden außerdem die Erdbebenserie nahe der spanischen Stadt Granada sowie ein stärkeres Erdbeben bei den Campi Flegrei in Italien größere Beachtung. Vor allem das Beben nahe Neapel erhielt durch den vulkanischen Kontext und der Nähe zur Millionenstadt ein Dramaturgiekonzept, das von vielen Medien ausgeschlachtet wurde.

Die folgende Übersichtskarte zeigt sämtliche vom USGS registrierten Erdbeben ab Magnitude 4.5 innerhalb der vergangenen 70 Tage. Einige besonders folgenreiche oder medial auffällige Ereignisse sind zusätzlich hervorgehoben.

Weltkarte der Erdbeben ab Magnitude 4,5 in den vergangenen 70 Tagen mit hervorgehobenen Schadensbeben

Gerade diese räumliche Verteilung ist für unsere Wahrnehmung entscheidend. Ein starkes Erdbeben unter dem offenen Ozean kann nahezu folgenlos bleiben und nach wenigen Stunden wieder aus den Nachrichten verschwinden. Ein deutlich schwächeres Beben unter einer dicht besiedelten oder besonders vulnerablen Region kann dagegen Menschen töten, Gebäude zerstören und tagelang internationale Schlagzeilen bestimmen.

Wie häufig wir von Erdbeben hören, hängt deshalb nicht nur davon ab, wie viele tatsächlich stattfinden, sondern vor allem davon, wo sie auftreten und welche Folgen sie haben.

Statistisch erhöht, aber keineswegs außergewöhnlich

Um die aktuelle Phase einzuordnen, wurde der globale USGS-Erdbebenkatalog seit dem Jahr 2000 ausgewertet. Gezählt wurde jeweils die Zahl aller Erdbeben ab Magnitude 6.5 innerhalb eines rollierenden Zeitfensters von zehn Wochen beziehungsweise 70 Tagen. Das bedeutet, dass für jeden Tag seit 2000 ein solches Fenster mit den 70 folgenden Tagen ermittelt und statistisch betrachtet wurde. Diese Fenstergröße wurde gewählt, um die aktuelle Phase seit Mitte Juni einschließlich der Venezuela-Katastrophe abzubilden.

Seit dem 13. Juni wurden innerhalb eines solchen 70-Tage-Fensters 13 Erdbeben mit mindestens Magnitude 6.5 registriert. Der langfristige Mittelwert seit 2000 liegt bei 8,71 Ereignissen.

Die Aktivität ist nach diesem Maßstab momentan also deutlich erhöht. Von einer außergewöhnlichen globalen Erdbebenphase kann dennoch keine Rede sein. Das 90. Perzentil liegt bei 14 Ereignissen, das 95. Perzentil bei 17. Vereinfacht gesagt lagen also 90 Prozent der ausgewerteten 70-Tage-Fenster bei höchstens 14 Beben ab Magnitude 6.5.

Die aktuelle Phase bleibt damit sogar noch unter der Schwelle der aktivsten zehn Prozent. In der Auswertung seit 2000 wurde das 90. Perzentil in 25 früheren Aktivitätsphasen überschritten, also im Schnitt einmal pro Jahr. Mehrfach wurden innerhalb von 70 Tagen sogar mehr als 20 Beben ab Magnitude 6.5 registriert.

Auch der USGS weist darauf hin, dass vorübergehend höhere oder niedrigere globale Erdbebenraten zur normalen statistischen Schwankung gehören und für sich genommen keinen Hinweis auf eine langfristig zunehmende Erdbebenaktivität liefern. Weitere Informationen beim USGS.

Statistik der weltweiten Erdbeben ab Magnitude 6,5 in rollierenden 70-Tage-Zeiträumen seit 2000

Die Grafik zeigt außerdem sehr deutlich, dass starke Erdbeben keineswegs gleichmäßig über die Zeit verteilt auftreten. Auf längere ruhige Phasen können innerhalb weniger Wochen mehrere große Beben folgen. Solche zeitlichen Cluster sind deshalb nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass sich die globale Erdbebenaktivität grundsätzlich verändert hat.

Anfang 2026 war die globale Erdbebenaktivität sogar ungewöhnlich niedrig

Besonders interessant ist der Blick auf die Monate unmittelbar vor der aktuellen Häufung. Während momentan überdurchschnittlich viele starke Erdbeben auftreten, war die erste Jahreshälfte 2026 weltweit ausgesprochen ruhig.

Zeitweise gehörte die Zahl der Beben ab Magnitude 6.5 innerhalb eines 70-Tage-Zeitraums sogar zu den fünf niedrigsten Werten seit dem Jahr 2000. Rein statistisch war die Abweichung vom Normalwert damals also teilweise stärker als heute – nur in die andere Richtung. Eine ungewöhnlich ruhige Phase fällt in der öffentlichen Wahrnehmung naturgemäß deutlich weniger auf als mehrere schwere Erdbebenkatastrophen innerhalb weniger Wochen.

Erst seit Mitte Juni nahm die Aktivität wieder deutlich zu.

Das Jahr 2026 veranschaulicht damit ein grundlegendes statistisches Phänomen besonders gut: Erdbeben treten zeitlich ungleichmäßig auf. Ein langfristiger Durchschnitt bedeutet nicht, dass jeden Monat ungefähr gleich viele starke Beben stattfinden. Ruhige Phasen und vorübergehende Häufungen gehören zur normalen Schwankungsbreite.

Warum sich die aktuellen Erdbeben trotzdem außergewöhnlich anfühlen

Die Statistik allein erklärt deshalb nicht, warum gerade die vergangenen Wochen so auffällig wirken. Entscheidend ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Zum einen folgte die aktuelle Häufung unmittelbar auf eine ungewöhnlich ruhige erste Jahreshälfte. Wer monatelang kaum Meldungen über große Erdbeben wahrgenommen hat und anschließend innerhalb kurzer Zeit von Venezuela, Japan, Kolumbien oder Indonesien hört, bekommt zwangsläufig den Eindruck eines deutlichen Aktivitätssprungs.

Zum zweiten trafen mehrere der stärksten Ereignisse Regionen, in denen Erdbeben besonders große Auswirkungen haben konnten. Venezuela und Kolumbien wurden schwer getroffen. Auch deutlich kleinere Beben in China, Pakistan, Peru oder Italien verursachten Schäden und Evakuierungen. Vergleichbare Ereignisse in dünn besiedelten Teilen Alaskas, Vanuatus oder auf entlegenen Inseln des Pazifiks hätten wesentlich weniger Auswirkungen gehabt – und entsprechend deutlich weniger internationale Aufmerksamkeit erhalten.

Hinzu kommt die mediale Wahrnehmung. Ein starkes Erdbeben in Japan findet weltweit fast automatisch große Beachtung. Katastrophen mit vielen Todesopfern oder spektakulären Bildern zerstörter Gebäude dominieren ebenfalls schnell die Nachrichten. Für deutschsprachige Medien sind zudem Erdbeben in beliebten Reise- und Urlaubsländern Südeuropas besonders relevant.

Folgen mehrere solcher Ereignisse innerhalb kurzer Zeit aufeinander, entsteht eine Art Wahrnehmungskaskade: Nach jedem neuen Beben verstärkt sich der Eindruck, dass „schon wieder“ irgendwo ein schweres Erdbeben stattgefunden hat. Gleichzeitig steigt das öffentliche Interesse am Thema, wodurch auch nachfolgende und teilweise deutlich schwächere Ereignisse mehr mediale Aufmerksamkeit erhalten. Der Eindruck einer weltweiten Erdbebenserie kann sich dadurch selbst verstärken.

Hängen die vielen Erdbeben miteinander zusammen?

In den vergangenen Wochen tauchte deshalb immer wieder die Behauptung auf, die großen Erdbeben könnten miteinander zusammenhängen. Dafür gibt es jedoch keine Hinweise. Allein ihre räumliche Verteilung spricht gegen einen gemeinsamen Ursprung: Die Ereignisse traten an unterschiedlichen Plattengrenzen und Störungssystemen in Südamerika, Mittelamerika und Südostasien auf.

Begriffe wie der „Pazifische Feuerring“ vermitteln leicht den Eindruck eines einzigen zusammenhängenden tektonischen Systems. Tatsächlich besteht dieser Gürtel jedoch aus zahlreichen unterschiedlichen Plattengrenzen, Subduktionszonen und Störungssystemen mit jeweils eigener geologischer Entwicklung. Ein Erdbeben in Japan setzt deshalb nicht einfach eine Kettenreaktion bis nach Indonesien oder Südamerika in Gang.

Große Erdbeben können allerdings die Spannungsverhältnisse in ihrer näheren Umgebung verändern und dort weitere Beben auslösen. Auch in großer Entfernung kann die Passage starker seismischer Wellen gelegentlich sogenannte dynamisch getriggerte Erdbeben hervorrufen. Dabei handelt es sich jedoch überwiegend um kleinere Ereignisse in ohnehin seismisch empfindlichen Regionen. Der USGS beschreibt diesen Effekt ausführlich. Untersuchungen zeigen zugleich, dass eine weltweite Kettenreaktion großer, zerstörerischer Erdbeben nicht beobachtet wird, sondern immer nur einzelne Fälle.

Fazit: Viele Schlagzeilen bedeuten nicht automatisch mehr Erdbeben

Die vergangenen Wochen waren tatsächlich ereignisreich, vor allem aber folgenreich und aufmerksamkeitsstark. Die Zahl sehr starker Erdbeben liegt momentan über dem langfristigen Mittelwert, bewegt sich aber weiterhin innerhalb einer Schwankungsbreite, die seit dem Jahr 2000 immer wieder beobachtet wurde.

Hinzu kommt ein bemerkenswerter Kontrast: Noch in der ersten Jahreshälfte gehörte die globale Aktivität zeitweise zu den niedrigsten seit Beginn des hier betrachteten Zeitraums. Innerhalb weniger Monate wechselte die Erde damit von einer ausgesprochen ruhigen in eine überdurchschnittlich aktive Phase, ohne dass beide Extreme außerhalb der natürlichen Schwankungen liegen müssen.

Die Erde verhält sich derzeit also nicht grundsätzlich außergewöhnlich. Außergewöhnlich war vielmehr, wie viele der jüngsten Erdbeben Regionen trafen, in denen sie große Schäden verursachten und entsprechend viel Aufmerksamkeit erhielten.

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.