Zwei ungewöhnlich langlebige Erdbebenschwärme im Taunus und im Hunsrück könnten durch aufsteigende Fluide aus großer Tiefe verursacht werden und mit tiefen, mantelverbundenen Prozessen im Rheinischen Massiv zusammenhängen. Darauf deutet eine neue Studie des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung unter Leitung von Patrick Laumann hin, die Anfang August im Fachjournal The Seismic Record veröffentlicht wurde. Untersucht wurden die seit 2018 anhaltende Erdbebenaktivität bei Bad Schwalbach beziehungsweise Heidenrod im Taunus sowie ein seit 2024 aktiver Schwarm bei Mörsdorf im Hunsrück. Auch Erdbebennews hat über beide Erdbebenschwärme in der Vergangenheit ausführlich berichtet.


Karte der Seismizität im Rheinischen Massiv mit den Erdbebenschwärmen bei Mörsdorf und Bad Schwalbach
Seismizität im Rheinischen Massiv mit den Erdbebenschwärmen bei Mörsdorf (1) und Bad Schwalbach (2). Die Farben kennzeichnen die Herdtiefe; schwarze Linien zeigen größere variszische Störungsstrukturen. Ebenfalls dargestellt ist die Ochtendunger Erdbebenzone in der Osteifel mit dem Laacher See (LSV). Grafik: Laumann et al. (2026), CC BY 4.0.

Beide Regionen galten zuvor nicht als Gebiete mit dauerhaft erhöhter Erdbebenaktivität. Die neuen Analysen zeigen nun auffällige Gemeinsamkeiten: Die Erdbeben beginnen in Tiefen von etwa 15 Kilometern und verlagern sich über Monate und Jahre langsam nach oben. Gleichzeitig folgen sie bevorzugt variszischen Störungszonen – also alten Brüchen im Grundgebirge, die während der variszischen Gebirgsbildung vor mehreren hundert Millionen Jahren entstanden sind. Die Forschenden interpretieren dieses Muster als Hinweis darauf, dass Fluide unter erhöhtem Druck entlang vorhandener Störungen durch die Erdkruste wandern und dabei immer wieder kleine Erdbeben auslösen.

Erdbeben wandern wenige Meter pro Tag

Für die Studie wertete das Forschungsteam seismologische Daten aus dem Zeitraum von Anfang 2018 bis Februar 2026 aus. Insgesamt wurden im Rheinischen Massiv 3115 Erdbeben mit Magnituden zwischen -0.2 und 2.7 erkannt. Davon entfielen 841 Ereignisse auf den Schwarm bei Heidenrod und 564 auf Mörsdorf.

Durch eine hochauflösende Neuberechnung der Erdbebenherde konnten die Forschenden verfolgen, wie sich die Aktivität räumlich verlagert. Besonders deutlich ist dies bei Mörsdorf: Dort wanderte der Schwarm über rund sechs Kilometer nach Südosten und gleichzeitig aus etwa 15 Kilometern Tiefe nach oben.

Die Geschwindigkeit dieser Wanderung ist allerdings extrem gering. Für Mörsdorf ergibt sich im Mittel eine Ausbreitung von etwa neun Metern pro Tag, bei Heidenrod lediglich rund 2,4 Metern pro Tag. Solch langsame, über Jahre anhaltende Migration wurde bislang nur bei wenigen natürlichen Erdbebenschwärmen weltweit beobachtet.


Animation der zeitlichen und räumlichen Entwicklung des Erdbebenschwarms bei Mörsdorf
Animation der detektierten Erdbeben im Raum Mörsdorf. Grafik: Erdbebennews. Daten: Laumann (2026), Zenodo-Datensatz, CC BY 4.0.

Fluide als wahrscheinlichster Auslöser

Entscheidend ist nicht allein die räumliche Wanderung, sondern auch deren zeitlicher Verlauf. Zu Beginn breitet sich die Aktivität vergleichsweise schnell aus, anschließend wird sie immer langsamer. Dieses Verhalten entspricht einem bekannten Modell der sogenannten Porendruckdiffusion: Dabei breitet sich erhöhter Fluiddruck entlang von Rissen und Störungen im Gestein aus und kann bereits stark belastete Bruchflächen zum Versagen bringen.

Die aus den Erdbebendaten abgeleiteten hydraulischen Diffusivitäten liegen am unteren Ende der Werte, die für natürliche, fluidgetriebene Erdbebenschwärme bekannt sind. Die Forschenden sehen darin einen Hinweis darauf, dass sich die Fluide durch ein vergleichsweise wenig durchlässiges Grundgebirge bewegen.

Zudem ist die lang anhaltende Aktivität auffällig. Der Schwarm bei Heidenrod hält bereits seit rund acht Jahren an, jener bei Mörsdorf seit etwa zwei Jahren. Zwischen einzelnen Aktivitätsphasen kommt die Seismizität kaum vollständig zum Erliegen. Nach Einschätzung der Autoren lässt sich dies nur erklären, wenn das System kontinuierlich oder wiederholt aus größerer Tiefe mit Fluiden versorgt wird.

Barriere in rund zehn Kilometern Tiefe


Schematisches Modell des Fluidaufstiegs und einer geologischen Barriere in etwa zehn Kilometern Tiefe
Schematisches Modell der Erdbebenschwärme im Rheinischen Massiv: Aufsteigende CO₂-haltige Fluide lösen entlang alter Störungszonen Erdbeben aus und stauen sich in rund zehn Kilometern Tiefe an einer geologischen Barriere. Grafik: Laumann et al. (2026), CC BY 4.0.

Eine weitere Gemeinsamkeit beider Schwärme zeigt sich in rund zehn Kilometern Tiefe. Dort kommt die Aufwärtsbewegung der Erdbeben zunächst weitgehend zum Stillstand und die Aktivität breitet sich stärker horizontal aus. Die Forschenden vermuten hier eine geologische Barriere mit geringerer Durchlässigkeit, unter der sich Fluide zeitweise sammeln können.

Bemerkenswert ist, dass dieser Tiefenbereich ungefähr mit einer bereits aus anderen geophysikalischen Untersuchungen bekannten strukturellen Übergangszone zusammenfällt. Auch unter der Osteifel liegt das obere Ende des durch tiefe niederfrequente Erdbeben gekennzeichneten Bereichs ungefähr in dieser Tiefe. Die Studie sieht darin eine mögliche Parallele, ohne daraus eine durchgehende Barriere im gesamten Rheinischen Massiv abzuleiten.

Besonders deutlich ist dieses Verhalten bei Mörsdorf. Nachdem sich die Aktivität zunächst unterhalb dieser Grenze ausgebreitet hatte, kam es 2025 zu stärkeren Beben als zuvor. Nach einem Erdbeben mit Magnitude 2.1 setzte sich die Migration weiter nach oben fort. Die Studie interpretiert dies als möglichen lokalen Durchbruch der Barriere: Steigender Fluiddruck könnte zunächst kleinere Risse erzeugt und schließlich einen größeren Bruch ausgelöst haben, durch den sich die Fluide anschließend weiter nach oben ausbreiten konnten.

Bei Heidenrod ist ein solcher Durchbruch bislang nicht zu erkennen. Dort endet die vertikale Migration weiterhin ungefähr in zehn Kilometern Tiefe. Auffällig ist hingegen eine deutlich stärkere horizontale Ausbreitung der Erdbebenaktivität.


Animation der zeitlichen und räumlichen Entwicklung des Erdbebenschwarms bei Heidenrod und Bad Schwalbach
Animation der detektierten Erdbeben im Raum Heidenrod/Bad Schwalbach. Grafik: Erdbebennews. Daten: Laumann (2026), Zenodo-Datensatz, CC BY 4.0.

Alte Störungen dienen vermutlich als Aufstiegswege

Die Erdbeben verteilen sich an beiden Standorten entlang nordwest-südost streichender Strukturen. Diese Orientierung entspricht alten variszischen Störungszonen, die das Grundgebirge des Rheinischen Massivs durchziehen. Die eigentlichen Bruchflächen der einzelnen Erdbeben sind allerdings im Mittel um etwa 30 Grad gegenüber diesen Großstrukturen verdreht.

Nach Interpretation der Forschenden könnten die alten Störungen deshalb vor allem als bevorzugte Wege für die Fluidmigration dienen. Die eigentlichen Erdbeben entstehen dagegen auf kleineren Nebenbrüchen innerhalb der geschädigten Störungszonen. Dieses Muster entspricht sogenannten Riedel-Scherflächen, wie sie aus tektonischen Störungszonen bekannt sind.

Auch die Analyse der Erdbebenmechanismen liefert Hinweise auf einen Einfluss von Fluiddruck. Bei drei besonders gut untersuchten Ereignissen wurde neben der normalen Scherbewegung eine deutliche Volumenzunahme an der Quelle festgestellt. Ein solcher Anteil kann entstehen, wenn unter hohem Druck stehende Fluide Risse zusätzlich öffnen.

Verbindung zur Eifel?

Besonders interessant ist die Frage nach der Herkunft der Fluide. Die Erdbebenschwärme liegen außerhalb der jungen Vulkanfelder der Eifel und mehrere Dutzend Kilometer vom Laacher See entfernt. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass sie Teil eines größeren tiefen Fluidsystems im Rheinischen Massiv sein könnten.

In der Eifel sind seit Langem CO₂-reiche Quellen, Mantelhelium und tiefe niederfrequente Erdbeben bekannt. Sie liefern Hinweise auf tiefreichende magmatische und mantelbezogene Prozesse. Geophysikalische Untersuchungen zeigen zudem Auffälligkeiten im Bereich der unteren Erdkruste und des oberen Mantels nicht nur unter der Eifel, sondern auch unter Taunus und Hunsrück. Bereits ältere geochemische Untersuchungen fanden im Raum Bad Schwalbach einen vergleichsweise hohen Anteil von Helium mit Ursprung im Erdmantel.

Die Autoren halten deshalb CO₂-haltige wässrige Fluide für den plausibelsten Auslöser der Schwärme. Bei Temperaturen von geschätzt 200 bis 350 Grad Celsius in zehn bis 15 Kilometern Tiefe wäre dort kein bewegliches Magma zu erwarten. Wasser- und CO₂-reiche Fluide können unter diesen Bedingungen dagegen existieren und entlang tiefreichender Störungen aufsteigen.

Ob diese Fluide tatsächlich direkt mit dem Mantelsystem unter der Eifel verbunden sind, lässt sich allein anhand der Erdbebendaten allerdings nicht beweisen. Die Forschenden sprechen deshalb ausdrücklich von einer plausiblen, aber bislang nicht eindeutig nachgewiesenen Verbindung.

Keine Anzeichen für bevorstehenden Vulkanausbruch

Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass sich unter Taunus oder Hunsrück Magma in Richtung Oberfläche bewegt oder dort ein Vulkanausbruch bevorsteht. Die Studie interpretiert die Erdbeben vielmehr als Folge von Fluiden, deren Ursprung möglicherweise mit tieferen, mantelverbundenen Prozessen zusammenhängt.

Auch gegen eine Beteiligung von Gesteinsschmelze an der lang anhaltenden Schwarmaktivität spricht das thermische Umfeld. In zehn bis 15 Kilometern Tiefe gehen die Autoren von Temperaturen zwischen etwa 200 und 350 Grad Celsius aus. Silikatische Schmelzen wären unter diesen Bedingungen deutlich unterhalb ihres Schmelzpunktes und könnten dort nicht über Jahre beweglich bleiben. CO₂- und wasserreiche Fluide sind dagegen auch unter diesen Bedingungen stabil.

Auch für die Eifel selbst liefern die Ergebnisse keinen Hinweis auf eine unmittelbar bevorstehende vulkanische Aktivität. Sie zeigen jedoch, dass tiefreichende Fluidsysteme im Rheinischen Massiv möglicherweise räumlich deutlich ausgedehnter sind als bislang angenommen und auch weit außerhalb der bekannten Vulkanfelder seismische Aktivität verursachen können. Diese Erkenntnisse könnten langfristig auch für ein besseres Verständnis der Erdbebengefährdung in Eifel, Hunsrück und Westerwald relevant sein.

Neu oder früher nur übersehen?

Offen bleibt eine zentrale Frage: Handelt es sich bei den Schwärmen tatsächlich um eine neue Phase tiefen Fluidaufstiegs, die erst in den vergangenen Jahren begonnen hat? Oder hat es vergleichbare Prozesse bereits früher gegeben, ohne dass sie mit den damals weniger dichten Messnetzen erkannt wurden?

Vor 2018 war weder Heidenrod noch Mörsdorf für eine derart lang anhaltende Schwarmaktivität bekannt. Gleichzeitig hat sich die Zahl und Qualität der seismologischen Messstationen in der Region in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Die Forschenden halten deshalb beide Möglichkeiten für denkbar.

Um die Herkunft der Fluide und die weitere Entwicklung besser zu verstehen, seien langfristige seismologische Beobachtungen und gezielte geochemische Messungen in den Schwarmgebieten notwendig. Die Ergebnisse könnten auch für die Bewertung der Erdbebengefährdung in anderen Teilen des Rheinischen Massivs relevant sein. Als Beispiel nennen die Autoren den Westerwald, wo ebenfalls Hinweise auf Auffälligkeiten im oberen Mantel gefunden wurden und kleinere Erdbebensequenzen auftreten, bislang jedoch keine vergleichbare, lang anhaltende Schwarmaktivität beobachtet wurde.

Originalveröffentlichung

Laumann, P., G. Petersen, M. Isken, H. Zhang & T. Dahm (2026): Recent Emergence of Persistent, Slowly Migrating Seismic Swarms Across the Rhenish Massif, The Seismic Record 6(3), 338–347. DOI: 10.1785/0320260021.

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.