„NINA warnt vor Erdbeben – nachdem es längst vorbei ist?“ Diese Frage tauchte nach dem Erdbeben bei Mannheim und Worms vielfach in sozialen Netzwerken auf. Manche Nutzer hielten die Meldung der Warn-App sogar für sinnlos: Wenn das Handy erst nach der Erschütterung Alarm schlägt, sei es schließlich ohnehin zu spät.

Dabei beruht die Kritik auf einem Missverständnis. Die Meldung von NINA war keine Erdbeben-Frühwarnung. Sie war eine Gefahreninformation über ein bereits eingetretenes Ereignis. Denn auch nach einem solchen Ereignis sind durch falsches Verhalten Gefahrensituationen möglich.

Erdbeben lassen sich nach heutigem Stand nicht zuverlässig vorhersagen. Es ist nicht möglich, Stunden, Tage oder auch nur Minuten vorher zu bestimmen, wann und wo ein bestimmtes Erdbeben auftreten wird. Deshalb konnte auch NINA das Erdbeben bei Mannheim nicht vorher ankündigen.

Warum eine Meldung nach dem Erdbeben trotzdem sinnvoll ist

Nach einem deutlich spürbaren Erdbeben wissen viele Menschen zunächst überhaupt nicht, was passiert ist. Gerade das Beben bei Mannheim wurde häufig von einem dumpfen Grollen, einem Knall oder einer kurzen kräftigen Erschütterung begleitet. Einige Menschen vermuteten deshalb zunächst eine Explosion oder einen technischen Zwischenfall, zumal spürbare Erdbeben auch nicht zum Alltag gehören.

Nach Angaben des SWR gingen nach dem Erdbeben zahlreiche Anrufe bei der Polizei ein. Genau in solchen Situationen kann eine behördliche Meldung über NINA sinnvoll sein: Sie bestätigt schnell, was passiert ist, informiert über die bekannte Lage und kann bei Bedarf Verhaltenshinweise geben. Notrufe hingegen blockieren eine im Zweifel lebenswichtige Leitung mit zumindest in diesem Fall banalen Nachfragen.

NINA verbreitet Warnungen und Gefahreninformationen über das Modulare Warnsystem des Bundes. Ob eine Meldung herausgegeben wird, entscheiden die jeweils zuständigen Behörden. Dabei bedeutet eine Warnmeldung nicht automatisch, dass ein Ereignis noch bevorsteht. Auch über bereits eingetretene besondere Situationen kann informiert werden.

Erdbeben-Vorhersage und Frühwarnung sind nicht dasselbe

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Erdbebenvorhersage und Erdbeben-Frühwarnung.

Eine Vorhersage würde bedeuten, bereits vor Beginn eines Erdbebens zuverlässig zu wissen, wann und wo es eintreten wird. Das ist derzeit nicht möglich.

Technische Erdbeben-Frühwarnsysteme, die vielerorts bereits im Einsatz sind, funktionieren anders: Sie erkennen ein Erdbeben erst, nachdem es bereits begonnen hat. Da sich Informationen elektronisch deutlich schneller übertragen lassen als Erdbebenwellen durch den Untergrund laufen, können weiter entfernte Orte unter günstigen Bedingungen noch einige Sekunden Vorwarnzeit erhalten.

Wie solche Systeme funktionieren, haben wir bereits am Beispiel der Android-Erdbebenfrühwarnungen in Deutschland ausführlicher erklärt.

Für Menschen unmittelbar am Epizentrum hilft allerdings auch ein solches Frühwarnsystem kaum. Dort erreichen die ersten Erdbebenwellen den Boden meist bereits, bevor eine automatische Erkennung, Berechnung und Weiterleitung abgeschlossen ist.

Die NINA-Meldung nach dem Mannheimer Erdbeben war zudem keine solche seismische Frühwarnung. Sie informierte über ein Erdbeben, das bereits stattgefunden hatte.

Was NINA und KATWARN nach einem Erdbeben besser vermitteln könnten

Unmittelbar nach einem spürbaren Erdbeben stehen viele Menschen vor der Frage, was gerade passiert ist und wie nun weiter gehandelt werden sollte. Der grundlegende Hinweis, dass es sich bei dem Erlebten um ein Erdbeben handelt und nicht etwa um eine Explosion, ist grundsätzlich richtig und wichtig. Weiterhin sollte aber auch über die grundlegenden Erdbebenparameter hinaus aufgeklärt werden, was dies bedeutet.

Drohen Schäden? Wenn ja, wo? Welche Schäden sind möglich? Sollte ich das Haus verlassen? Drohen Nachbeben? Also Hinweise und Handlungsempfehlungen, um eine potentiell gefährliche Situation zu erkennen und mit ihr angemessen umzugehen. Gerade in Ländern wie Deutschland, wo Erdbebenwissen nicht zu den grundlegenden Elementen des Bildungssystems gehört und wenig Gelegenheiten für Erfahrungswerte bestehen, gibt es leider sehr viele Mythen und Halbwahrheiten, die sich im Kollektivgedächtnis eingebürgert haben.

In solchen Fällen ist eine schnelle Erstinformation nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig. Doch die große Verwirrung, die nach dem gestrigen Beben herrschte, offenbart weiter bestehende Lücken in der Informationskette – ein Praxistest passend zum bundesweiten Warntag. Denn Erst- und Warnmeldungen sind nur dann gewinnbringend, wenn die Empfänger auch richtig mit ihnen umgehen.

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.