Warnapps wie NINA oder KATWARN sollen Menschen schnell über Gefahren informieren. Bei Sturm, Hochwasser oder anderen zumindest teilweise vorhersehbaren Ereignissen ist das Prinzip klar: Eine Warnung soll möglichst vor der gefährlichsten Phase eintreffen und Zeit zum Handeln verschaffen.

Bei Erdbeben ist das schwieriger. Sie lassen sich derzeit nicht zuverlässig kurzfristig vorhersagen. In Deutschland wird eine Warnmeldung zu einem Erdbeben deshalb in der Regel erst verschickt, nachdem die Erschütterungen bereits stattgefunden haben. Genau daraus kann ein Kommunikationsproblem entstehen.

Eine neue Studie von Kerstin K. Zander und Ronju Ahammad vom Northern Institute der Charles Darwin University in Australien untersucht, wie Menschen in Deutschland digitale Naturgefahrenwarnungen nutzen und welche Eigenschaften solcher Meldungen ihnen besonders wichtig sind. Grundlage ist eine Onlinebefragung von 2007 Smartphone-Nutzern aus dem Oktober 2024.

Vorlaufzeit steht ganz oben

Bei schweren, schnell eintretenden Naturgefahren wollten 96 Prozent der Befragten grundsätzlich gewarnt werden. Cell Broadcast war dabei der am häufigsten bevorzugte Kanal, gefolgt von Warnapps.

Besonders interessant ist, welche Eigenschaften einer digitalen Warnmeldung die Befragten priorisierten. An erster Stelle stand die Vorlaufzeit, gefolgt von Genauigkeit, Verhaltensempfehlungen und Informationen über mögliche Auswirkungen. Die Quelle der Warnung wurde im direkten Vergleich am niedrigsten eingestuft.

Für Erdbeben ist vor allem der erste Punkt problematisch: Viel Vorlaufzeit gibt es hier schlicht nicht. Die Studie selbst weist darauf hin, dass sich die mögliche Warnzeit je nach Naturgefahr stark unterscheidet und bei Erdbeben nur wenige Sekunden betragen kann. Technische Erdbebenfrühwarnsysteme erkennen ein bereits begonnenes Beben und können weiter entfernten Orten unter günstigen Bedingungen einige Sekunden Vorsprung verschaffen. Ein flächendeckendes solches System für die Bevölkerung gibt es in Deutschland jedoch nicht.

Eine Nachricht über NINA oder eine andere Warnapp erreicht Betroffene nach einem spürbaren Beben daher häufig erst, wenn sie die Erschütterungen längst selbst bemerkt haben.

Eine Meldung danach kann trotzdem sinnvoll sein

Das bedeutet nicht, dass eine solche Nachricht nutzlos wäre. Nach stärkeren Erdbeben können Nachbeben auftreten, Gebäude beschädigt oder Verkehrswege beeinträchtigt sein. Eine offizielle Meldung kann das Ereignis bestätigen, die Lage einordnen und Hinweise zum richtigen Verhalten geben.

Gerade dieser Punkt wird durch die Studie gestützt: Konkrete Verhaltensempfehlungen gehören zu den höher bewerteten Bestandteilen einer Warnmeldung.

Eine Warnung ist dabei aber kein Ersatz für eigenes Handeln. Katastrophenschutz funktioniert nicht nach dem Prinzip, dass Behörden im Ernstfall sämtliche Entscheidungen für jeden Einzelnen übernehmen können. Warnsysteme liefern Informationen und daraus müssen Betroffene gegebenenfalls selbst Konsequenzen ziehen. Wer nach einem starken Beben beispielsweise deutliche Gebäudeschäden erkennt, sollte nicht auf eine zusätzliche Push-Nachricht warten, bevor er sich in Sicherheit bringt. Ebenso gehören grundlegende Vorsorge, das Wissen über richtiges Verhalten und die Fähigkeit, eine Gefahr selbst einzuschätzen, zu einem funktionierenden Bevölkerungsschutz.

Die Studie selbst untersucht allerdings nicht, ob Menschen in Deutschland Verantwortung im Katastrophenfall überwiegend bei Behörden sehen. Sie zeigt vielmehr, dass Nutzer von digitalen Warnungen gerade handlungsrelevante Informationen erwarten.

Wenn Erwartungen und Realität auseinandergehen

Rund 54 Prozent der Befragten hatten bereits eine Warnapp installiert, regelmäßig genutzt wurde sie jedoch nur von etwa 31 Prozent der gesamten Stichprobe.

Außerdem bewerteten potenzielle zukünftige Nutzer Warnapps teilweise als wirksamer als Menschen, die bereits Erfahrungen damit hatten. Die Autoren diskutieren deshalb eine mögliche Lücke zwischen Erwartungen und tatsächlicher Nutzungserfahrung, etwa durch ungenaue räumliche Warnungen, Fehlalarme oder Meldungen, die für die eigene Situation wenig relevant erscheinen.

Für Erdbeben könnte diese Erwartungslücke besonders deutlich werden: Wer sein Smartphone erst Minuten nach dem Beben piepen hört, könnte sich verständlicherweise fragen, welchen Nutzen diese „Warnung“ noch haben soll. Eine solche Erfahrung machten nach dem spürbaren Erdbeben im Großraum Mannheim einige Menschen.

TV und Radio für Warnungen weiter relevant

Zudem liefert die Untersuchung weitere Einblicke in die Nutzung digitaler Warnsysteme in Deutschland. So bevorzugten die Befragten bei schnell eintretenden Gefahren vor allem Cell Broadcast und Warnapps, während bei langsam eintretenden Gefahren wie Hitze auch Radio und Fernsehen weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Die Autoren betonen deshalb die Bedeutung eines Mehrkanal-Systems, das nicht ausschließlich auf Smartphone-Apps setzt. Gleichzeitig zeigte sich, dass technische Hürden, Zweifel an der örtlichen Genauigkeit von Warnungen und Datenschutzbedenken Menschen von der Nutzung solcher Apps abhalten können.

Bevorzugte Warnkanäle bei schnell (z.B. Erdbeben) und langsam (z.B. Starkregen) eintretenden Naturgefahren in Deutschland. Deutschsprachige Nachzeichnung (KI-gestützt) nach Abbildung 1 aus Zander, K. K. & Ahammad, R. (2026): „The Use of Digital Natural Hazard Warnings in Germany: Who Wants to Get What, How and Why?“, Journal of Contingencies and Crisis Management, 34, e70231. https://doi.org/10.1111/1468-5973.70231

Auch Alter und Geschlecht beeinflussten einzelne Erwartungen: Ältere Befragte legten beispielsweise größeren Wert auf ausreichende Vorlaufzeit, während Frauen Verhaltensempfehlungen höher bewerteten. Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, Warnsysteme nicht nur technisch zuverlässig, sondern auch möglichst nutzerorientiert, verständlich und für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zugänglich zu gestalten.

Warnung und Information klar unterscheiden

Erdbeben waren eine von mehreren abgefragten Naturgefahren in der Studie. Aus den Ergebnissen lässt sich daher nicht direkt ableiten, wie Menschen in Deutschland einzelne Warnhinweise nach einem Erdbeben bewerten, zumal es dafür in der jüngeren Vergangenheit auch nur sehr wenige Beispiele gegeben hat.

Sie zeigt aber ein grundsätzliches und ereignisübergreifendes Problem sehr gut: Menschen erwarten von digitalen Warnungen vor allem rechtzeitige, genaue und handlungsrelevante Informationen.

Bei Erdbeben sollte deshalb besonders klar zwischen einer echten Frühwarnung vor bevorstehenden Erschütterungen und einer Gefahreninformation nach einem bereits stattgefundenen Beben unterschieden werden. Eine Warnapp kann ein Erdbeben nicht vorhersagen. Aber sie kann danach schnell erklären, was passiert ist, welche Gefahren noch bestehen und was jeder Einzelne jetzt tun sollte. Bei solchen plötzlichen Katastrophen können nachträgliche Hinweise den Schaden, der bereits infolge lückenhafte Eigenvorsorge entstanden ist, bestenfalls begrenzen. Denn ein Katastrophenfall zeichnet sich auch dadurch aus, dass die Kapazitäten von Rettungskräften nicht mehr für jeden einzelnen reichen.

Originalveröffentlichung:

Zander, K. K., and R. Ahammad. 2026. “ The Use of Digital Natural Hazard Warnings in Germany: Who Wants to Get What, How and Why?.” Journal of Contingencies and Crisis Management 34: e70231. https://doi.org/10.1111/1468-5973.70231.

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.