Wenn Journalismus ein Wissenschaftsprojekt zerstören will

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Fracking – ein Wort, dass sich mehr und mehr in ein Gespräch einschleicht, wenn man über Bohrungen redet. Zu negativ sind die Schlagzeilen, die man aus den USA hört. Zu negativ die Stimmung, wenn man hierzulande über TTIP und Kohlenwasserstoffexploration verhandelt. Schuld: Ökologische Probleme, kleine Erdbeben und Idioten, die Fracking drauf schreiben, wo kein Fracking drin ist. Die Folge: Bohrungen bekommen einen schlechten Ruf. So schlecht, dass allein das Wort automatisch Erdbebengefahr und brennende Wasserhähne suggeriert.
Wie Journalismus dies nutzt, um Kapital daraus zu schlagen, erfährt man vor allem in den britischen Boulevardmedien. Mit Wahrheit und wissenschaftlicher Korrektheit wird dort Darts gespielt – und sich das nächste „Beer“ eingeschenkt. Aktuelles Beispiel: Der versuchte Mord an einem revolutionären geowissenschaftlichen Projekt.

   Die Bohrung

In den nächsten Tagen – Ausführlich hier – beginnen Forscher mit einer Bohrung am Ozeanischen Rücken im südlichen Indischen Ozean. Ihr Ziel: An einer der flachsten Meeresstellen dieses Gebietes, immerhin 1,5 Kilometer unter der Wasseroberfläche, wollen sie bis zu sechs Kilometer tief in die Erde bohren, an einer Stelle, wo sich bereits der Erdmantel befindet. Es ist einer der wenigen Orte des Planeten, wo die Kruste so dünn ist, dass der Erdmantel in erreichbarer Tiefe (ca. drei bis vier Kilometer) liegt. Es wäre die erste Bohrung, die bis in diese Schicht vordringt. Das erste Mal, dass Menschen frisches Mantelgestein untersuchen können. Zwar weiß man durch seismische Untersuchungen und durch vulkanisch gefördertes Material, wie der Erdmantel zusammengesetzt ist, doch fehlt da bisher das Anschauungsmaterial, unverwittertes Gestein, chemisch unbeeinflusst. Dieses würde neue Erkenntnisse über die Zusammensetzung und Entstehung des Gesteins liefern, vermutlich neue Blicke auf die Entstehungsgeschichte der Erde liefern und, da wir uns an einem der plattentektonisch bedeutsamsten Orte befinden, auch die Plattentektonik in ein neues Licht rücken. Weiterhin soll die Mohorovicic-Diskontinuität angebohrt werden – ein Bereich im oberen Erdmantel, wo sich die Gesteinseigenschaften ändern. Diese soll damit besser erforscht werden.
Auf dem Mond waren wir, nun geht es in die andere Richtung.

   Die Kritiker

Bohrungen, die das Ziel „Erdmantel“ hatten, scheiterten bisher. Entweder am Geldgeber, oder im Falle einer Tiefseebohrung, an den Wetterbedingungen. Geophysikalisch sind durch die Geothermie und den Druck Grenzen gesetzt. Umso mehr ist die geplante Bohrung im Indischen Ozean ein Hoffnungsträger, endlich das Ziel zu erreichen.

WARNING: Scientists could spark MEGAQUAKE as they drill below Earth’s crust for first time

Doch in der englischen Boulevard-Presse wird bereits Stimmung gegen die Durchführung gemacht. Dem „Express“* gelingt dies, indem er die Bohrung mit Fracking gleichsetzt und mit Halbwissen und falschen Behauptungen angebliche Gefahren offenlegt.

However, drilling into such a seismically significant area has prompted fears the project could be a disaster and trigger a huge earthquake or volcano.

Gefahren, dass durch die Bohrung zu schweren Erdbeben und Vulkanausbrüchen führt.
Die Theorie von Erdbeben hängt im wesentlichen mit der Behauptung zusammen, Tiefenbohrungen oder Fracking würde dazu führen. Als Beispiele werden in dem Artikel unter anderem die Erdbebenaktivität in Oklahoma, sowie ein durch Geothermiebohrungen induziertes Erdbeben bei Basel im Jahr 2008 aufgeführt.

In The US state of Oklahoma, anti-fracking campaigners claim it has led to a huge increase in seismic activity since the industry started there.

They say that magnitude three and upwards earthquakes have gone from a few dozen in 2012 to 720 this and that many of the earthquakes occurring in swarms in areas where injection wells pump salty waste water — a byproduct of oil and gas production — deep into the earth.

[…]

But residents fear it will bring more earthquakes after a geothermal project in Basel, Switzerland, that drilled nearly three miles down, triggered a 3.4 magnitude quake earthquake.

Hier wird erneut der Fehler gemacht, das Fracking oder Tiefenbohrungen an sich mit diesen Erdbeben in Verbindung zu bringen. Ursache der Erdbeben ist jedoch nicht das Aufbrechen des Gesteins, sondern das spätere Einlagern von Fluiden. Abgesehen davon haben solche Tiefenbohrungen nichts mit Fracking zu tun. Beim Frac-Prozess werden nach einer vorhandenen (Tiefen-)Bohrung Fluide in Gesteinsschichten gepumpt, um Risse zu erzeugen. (Frac-Prozess) Diese Risse werden später gebraucht, um Erdöl, Erdgas oder Wasser für ein Geothermiekraftwerk durchpressen zu können. Die Bohrung im Indischen Ozean hat als Ziel Gesteinsschichten im Ozeanboden und im Mantel zu durchstoßen, um Proben zu nehmen. Eine Absicht zur Rohstoffgewinnung ist nicht vorhanden, einfach weil in der jungen ozeanischen Kruste (und im Mantel) kein Öl und Gas vorhanden sind.

Das Anbohren des Erdmantels lässt den Autor des Artikels zu einer weiteren Vermutung kommen: Die bisher unbekannte Möglichkeit, das starke Erdbeben im Erdmantel auftreten.

However, geologists were left perplexed by a magnitude-8.3 earthquake that suddenly happened on May 24, 2013, in the Sea of Okhotsk, deep within the Earth’s mantle.

Als Beispiel wird das schwere Erdbeben vor zweieinhalb Jahren im Ochotskischen Meer genannt, welches als das stärkste jemals registrierte Tiefbeben gilt. Jedoch sind die tektonischen Voraussetzungen im Bohrgebiet deutlich anders: Es handelt sich um eine Riftzone, an der heißes Mantelgestein aufsteigt und die Erdkruste auseinander drückt. Im Ochotskischen Meer geschieht das Gegenteil: Die kalte Erdkruste wird im Erdmantel versenkt. Innerhalb dieser kommt es trotz zunehmender Erwärmung zu Brüchen, die zu Erdbeben führen können. Im Erdmantel unterhalb der Riftzonen sind keine solcher Bereiche mit kaltem spröden Gestein vorhanden.

If an under-sea quake was big enough it could trigger huge tsunamis like those of Boxing Day 2004 which hit south-east Asia after an earthquake in the Indian Ocean.

Ähnlich sieht es mit der Tsunamigefahr aus. Das zitierte Andamanen-Erdbeben trat an der Subduktionszone auf. Eine solche finden wir im Bohrgebiet nicht. Natürlich auftretende Erdbeben entlang Mittelozeanischer Rücken entstehen überwiegend an horizontalen Verschiebungen, die die einzelnen Segmente des Auseinanderdriftens trennen. Meist sind diese Störungen nicht lang genug, um Beben jenseits der Magnitude 7.5 zu verursachen. Weiterhin treten bei solch horizontalen Verschiebungen keine Massenbewegungen im Meer auf, sodass keine Tsunamis von nennenswerter Höhe entstehen können. Ein Beispiel dafür ist das Erdbeben im nördlichen Indischen Ozean im Jahr 2012, das inmitten der Indo-Australischen Platte zwischen Rücken und Subduktionszone auftrat. Trotz Magnitude 8.6 ist der Tsunami mit etwa einem Meter Höhe sehr klein ausgefallen und hat keine nennenswerten Schäden angerichtet.

Die These, dass die Bohrung zur Entstehung von Vulkanen führt, wird im Text nur angerissen und nicht näher erklärt. Wie auch? Das angebohrte Mantelgestein ist fest, das Bohrloch sehr klein. Selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass es durch die plötzliche Druckentlastung zu einer Teilaufschmelzung des heißen Gesteins kommt, wird die Menge an Schmelze so gering sein, dass keine weiteren Auswirkungen zu befürchten sind. Außer die Zerstörung des Bohrkopfes, ein Risiko, das bei jeder Bohrung gegeben ist und vom Auftraggeber getragen wird. .

Der Südwestindische Rücken gehört in der Tat zu einer seismisch sehr aktiven Region des Planeten. Auch starke Erdbeben hat es dort bereits gegeben. Doch führen diese nicht zu Schäden. Die nächste Küste, Madagaskar, liegt etwa 1200 km vom Rücken entfernt. Somit wären selbst stärkste Erdbeben, wenn überhaupt, dort nur so schwach spürbar, dass es zu keinen Schäden kommt. Dass die Bohrung solche Erdbeben auslöst, ist praktisch ausgeschossen.

   Fazit

Alle im Text genannten potentiellen Gefahren sind nicht durch auf den Kontext bezogene wissenschaftliche Aussagen fundiert. Der Autor beruft sich auf Bohrungen und Ereignisse, die wenig bis nichts mit dem angeklagten Projekt zu tun haben und folgert daraus, dass damalige Unglücke auch in diesem Fall auf treten können. Dabei wird weder die geologische Situation vor Ort, noch die Eigenschaften der Bohrung an sich berücksichtigt.
Somit darf dem Text kein Glaube geschenkt werden. Alle Aussagen sind der Sensationsgeilheit des Autors geschuldet. Panikmache und Verbreitung des Textes sind die Folge.

 

|* Auf Verlinkung wird bewusst verzichtet. Über Googeln des Titels ist der Artikel auffindbar. 

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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