Mexikos Erdbeben-Fluch: Warum immer der September?

Eine Stunde nach der jährlichen landesweiten Erdbebenübung bebt die Erde. So stark, dass Häuser einstürzen, Menschen sterben und ein Tsunami die Küste überschwemmt. Was nach dem Plot eines Katastrophenfilms klingt, ist in Mexiko passiert. Zweimal. Am 32. und 37. Jahrestag der landesweit größten Erdbebenkatastrophe. Oder wie viele Mexikaner sagen: Es ist September. 
Über den mexikanischen Erdbebenfluch und warum es immer wieder im September zu Katastrophen kommt.

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In der Regel haben Erdbeben keine Saisonalität. Ihr Auftreten ist gesteuert von tektonischen Prozessen, die 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, über Jahrtausende nahezu konstant ablaufen. Druck wird in der Erdkruste aufgebaut, bis es irgendwann zu viel wird. Wann dieser Punkt erreicht wird, hängt von den geologischen Eigenschaften ab. Kurzfristige natürliche Einflüsse auf Erdbeben sind lediglich vulkanische Aktivität und, in manchen Regionen, saisonale Starkniederschläge.

Mexiko als gesamtes Land steht nicht unter dem Einfluss eines periodisch brodelnden Vulkans. Auch die Hurrikan-Saison, die den September umfasst, kann keine Erdbeben in größeren Tiefen auslösen. Doch die Wahrnehmung sagt was anderes. 1985 (M8.0), 1999 (M7.5), zweimal 2017 (M8.2 und 7.1): Vier der größten Erdbebenkatastrophen des Landes ereigneten sich im September, dazu das tödliche Erdbeben (M7.0) in Acapulco 2021 und ganz aktuell das Michoacan-Erdbeben 2022 (M7.6). Der September-Fluch hat sich wieder bestätigt, entgegen aller wissenschaftlicher Erklärungen.

40% aller schweren Erdbeben in Mexiko seit 1985 im September

Auch Statistiken sprechen eine deutliche Sprache. Zumindest auf dem ersten Blick. Betrachtet man die relative Häufigkeit von Erdbeben seit 1985 in den jeweiligen Monaten, zeigt sich bei schweren Erdbeben ab Magnitude 7 (Grafik 1) ein klarer Peak im September. Bis 2021 ereigneten sich fast 40% aller M7-Erdbeben im September. Das Michoacan-Erdbeben, das einzige M7 in 2022, ist in der Statistik noch nicht drin. Was aber erst später deutlich wird: Der M7-Peak zeichnet sich, trotz Nachbeben, kaum bei den kleineren Erdbeben ab.

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Häufigkeit von Erdbeben in Mexiko
Grafik 1: Relative Häufigkeit nach Monat starker Erdbeben in Mexiko von 1985 bis 2021. Daten: USGS-Katalog.

Gibt es einen zeitlich auf September begrenzten, externen Auslöser für Erdbeben, beispielsweise vulkanische Aktivität, menschliches Eingreifen (Gasförderung, etc.) oder meteorologische Phänomene geben, würde das Gutenberg-Richter-Gesetz greifen. Dieses besagt, dass Erdbeben der Stärke 5 etwa 10x so häufig sind wie Erdbeben der Stärke 6, diese 10x häufiger als Stärke 7, usw. In der Statistik hieße das: Ereignen sich 40% aller schwerer Erdbeben im September, müssten auch 40% aller kleineren Beben in diesem Monat passieren, da natürliches Auftreten im Jahresverlauf ebenfalls dem Gutenberg-Richter-Gesetz folgt.

Abweichungen vom Gesetz gibt es lediglich bei Nachbeben. Diese folgen eigenen Regeln, die stark von Erdbebenmechanismus und geologischen Bedingungen abhängig sind. In Mexiko ist es dabei meist so, dass Nachbeben bei großen Erdbeben keine große Rolle spielen. So waren zum Beispiel weder beim Acapulco-Erdbeben 2021 noch aktuell besonders viele Nachbeben präsent. Ausnahme sind getriggerte Erdbeben, die unter anderem auf das Erdbeben 1985 folgten (M7.6 zwei Tage später) und möglicherweise auch die zwei Erdbeben 2017 erklären.

Häufung im September durch Kettenreaktionen

Erdbeben mit Magnitude 8 sind so stark, dass sie noch in hunderten Kilometern Entfernung den Spannungszustand in der Erdkruste beeinflussen und tektonische Störungen aktivieren können. Das Erdbeben 1985 brach einen Teil der Subduktionszone und erhöhte dabei den Druck auf ein benachbartes Segment. Dieses brach zwei Tage später in einem Beben der Stärke 7.6. Das Erdbeben gestern in Michoacan schloss eine seismische Lücke zwischen zwei ähnlich starken Erdbeben in den Jahren 1973 und 2003 (beide Januar), ähnliche Triggereffekte sind also unwahrscheinlich.

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Dass wir eine Häufung schwerer Erdbeben im September sehen, ist also vor allem auf Wechselwirkungen zwischen sehr großer Erdbeben zurückzuführen. Rechnen wir die kritischen Jahre 1985 und 2017 raus und erweitern rückwirkend bis 1950, fällt der Peak fast komplett aus der Statistik. Noch immer hat der September überdurchschnittlich viele M7-Erdbeben, aber weniger als der April. Bei M<7 zeigen sich keine Auffälligkeiten mehr

Grafik 2: Häufigkeit der Erdbeben in Mexiko seit 1950 ohne 1985 und 2017. Daten: USGS-Katalog.

Zwei Jahre haben also einen großen Einfluss auf die Statistik. Und auch auf die Wahrnehmung. Die größten Erdbebenkatastrophen des Landes, die auch durch jährliche Erdbebenübungen ins Gedächtnis gebrannt bleiben, schärfen die Wahrnehmungen. So bleiben andere Erdbeben in diesem Zeitraum direkt hängen, während sonstige Beben wie im Juni 2020 (M7.4), Februar 2018 (M7.2) oder März 2012 (M7.4) schneller vergessen werden. Ebenso die vermeintliche Häufung schwerer aber weniger dramatischer Erdbeben im April wie in den Jahren 2010, 2012 und 2014. Keine Katastrophe, keine Erinnerung.

Kurioser Zufall mit Internethype

Hinzu kommt, dass der September-Fluch für Medien und sonstige Internetpräsenzen ein gefundenes Fressen ist. Zum Einen, weil sich damit ein saisonales Interesse an einem in Mexiko sowieso oft präsenten Thema weiter steigern lässt. Zum Anderen, weil es der generell wissenschaftsfeindlichen Stimmung in der Bevölkerung zusätzlichen Aufschwung verleiht. Lieber ein unerklärliches Phänomen oder gar einen Verschwörungsmythos hypen, als den langweiligen Erklärungen von Forschern lauschen.

Denn ja, eine Häufung im September kann man (zumindest bei sehr großen Erdbeben) nicht bestreiten. Doch lässt sie sich zum Teil wissenschaftlich erklären (gegenseitiges Triggern) und auch eine spezielle Ursache kann durch Gutenberg-Richter ausgeschlossen werden. Bleibt nur der unerklärbare Faktor Zufall, der die Katastrophen 1985, 2017 und auch jetzt 2022 auf den gleichen Tag gelegt hat. Ein Faktor, den man auch in anderen Ländern kennt. In Taiwan ereigneten sich in den Jahren 2012, 2016 und 2018 jeweils im Februar. Pakistan hatte nach der Erdbebenkatastrophe im Oktober 2005 weitere tödliche Erdbeben im gleichen Monat 2007, 2008, 2010, 2016 und 2021.

Für die Menschen in Mexiko wird die Erklärung Zufall vermutlich keine Rolle spielen. Zu gefestigt ist der Glauben in den Erdbebenmonat September, der sich gestern weiter verfestigt haben wird. Zum Trotz aller Erklärungsversuche, die in den vergangenen Wochen den Mythos entschärfen wollen. Doch jede zufälliges statistisches Phänomen endet früher oder später und wird durch ein neues ersetzt. Spätestens mit der nächsten Erdbebenkatastrophe, die nicht im September stattfindet, wird auch der Fluch enden. Bis dahin darf man auch die positiven Dinge sehen: Wenn schwere Erdbeben weiterhin unmittelbar nach der jährlichen Übung stattfinden, dürfte dies die Anzahl der Todesopfer weiterhin deutlich reduzieren.