Verbreitete Erdbebenmythen und ihr Wahrheitsgehalt

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Besonders in der erdbebenfreien Zeit, wenn es mal etwas weniger Not und Elend auf der Welt gibt, stehen Spekulationen und Gerüchte auf dem Arbeitsplan einiger Seiten. Wenn man nichts neues über Böhmermann berichten kann, muss man sich halt anders beschäftigen… Manche Seiten und Youtube-Kanäle haben es sich sogar zur Aufgabe gemacht, mit Gerüchten ihre Brötchen zu verdienen. Im Laufe der Zeit entstanden dabei mehrere Mythen, die inzwischen recht weit verbreitet sind und immer wieder aufgewärmt werden. Ein paar dieser Mythen werden im Folgenden dargestellt und erklärt.

Erdbebenaktivität nimmt in den letzten Jahren zu
Vor allem von Endzeitpropheten immer wieder gerne verwendete Behauptung. Die Erdbeben von Tohoku, Haiti und Nepal werden als „ultimativer Beweis“ angesehen. Doch ist es nicht mehr, als subjektive Wahrnehmung. Vor 20 Jahren, als noch nicht jeder einen Internetanschluss hatte, erfuhr man von starken Erdbeben in der Regel nur aus dem Fernsehen oder der Zeitung. Natürlich sind starke Erdbeben irgendwo im Ozean, die keine Schäden anrichten, nicht wichtig genug, um in solchen Medien erscheinen. Und plötzlich gibt es haufenweise Websites, die auch über solche Erdbeben berichten (sorry…). Und das, obwohl vor 200 Jahren solche Erdbeben teilweise noch nicht mal registriert werden konnte, weil es noch kein seismisches Überwachungsnetz gab.
Was es gibt: Phasen, in denen es mehr und weniger schwere Erdbeben gibt als im langjährigen Durchschnitt. Mit 16 Beben über M8 seit 2004 lassen sich die letzten Jahre möglicherweise dazu zählen. Doch gab es ähnliche Phasen auch rund um 1960, 1940 und 1910. Historisch überliefert sind eine Vielzahl katastrophaler Erdbeben aus den Jahren um 1700, 1750 und 1860.

Fazit: Die Einschätzung, die Erdbeben würden zunehmen, basiert nur auf subjektiven Einschätzungen.

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Kalifornien…
… und Yellowstone. Ja, die Amerikaner lieben es, den eigenen Landsleuten den Untergang zu prophezeihen, und das nicht nur durch die jüngsten Wahlergebnisse. Natürlich springen auch Europäer auf den Zug auf. Es macht Spaß, kostet nichts und bringt regelmäßig tausende Leser, wenn man alle paar Wochen gebetsmühlenartig wiederholt, dass die San Andreas Verwerfung in naher Zukunft (womit natürlich jeweils „die Tage nach Veröffentlichung dieses Textes“ impliziert werden…) zum Todesurteil für tausende Menschen wird. Wissenschaftliche Studien und Interviews mit Experten werden zu diesem Zweck missinterpretiert und verdreht. Falschmeldungen – Häufig verwendet werden: „Militärs vermehrt in den Raum LA geschickt“, „VIPs verlassen Hollywood fluchtartig“ und „Politiker xy lässt seine Familie aus San Francisco ausfliegen“ – machen das ganze noch glaubwürdiger.
Dieses Spiel geht seit einigen Jahren so, seit es das Internet gibt. Und bisher schläft die San Andreas Verwerfung (Mythos: San Andreas ist ein Graben – Stimmt nicht!). Wie lange noch? Das wissen weder wir, noch irgendwelche anderen Journalisten und Blogger und erst recht kein Taco-essender Präsidentschaftskandidat mit seltsamer Frisur.
Ähnliches kann man dort über Yellowstone sagen. Nur dass dort praktisch alles (u.a. Evakuierungen, zensierte Seismogramme, erhöhte Erdbebenaktivität, starke Bodendeformationen) eine Falschmeldung ist.

Fazit: Panikmache und Klickbaiting ist in Zeiten des Internets gang und gäbe. Egal wie, hauptsache Klicks. Die Katastrophe kommt mit Sicherheit, vielleicht hat man ja Glück und sie kommt genau wie vorhergesagt.

Erdbebenwolken und Erdbebenfische
Diese Mythen sind vor allem im asiatischen Raum, aber auch in Teilen Amerikas und Südeuropas verbreitet. Es heißt: Beobachtet man eine spezielle Wolkenart oder wird an den Küsten ein spezieller Tiefseefisch aufgefunden, droht in den kommenden Tagen ein schweres Erdbeben.
Zu den Wolken (Nicht zu verwechseln mit Erdbebenlichtern): Es handelt sich dabei um die Wolkenunterart Altocumulus Undulatus (teils mit der Formation Asperatus), die mit ihren wellenartigen Aussehen einen teils beeindruckenden Anblick bieten. Dass diese ein Vorläuferphänomen von Erdbeben seien, wurde bereits im 6. Jahrhundert nach Christus im heutigen Indien behauptet. Damals hat man nach Anzeichen und Erklärungen für die meist tödliche Naturgewalt gesucht. Mit der auffälligen „Wellenwolke“, die wohl vor einem Erdbeben gesichtet wurde, fand man dieses. Auch in späteren Jahrhunderten und selbst noch in der Moderne kam es zu solchen Beobachtungen. Doch eine statistische Korrelation von Undulatus und Erdbeben wurde in wissenschaftlichen Studien nicht nachgewiesen. Dennoch bleibt der Mythos, vor allem in China, noch heute erhalten.
Die als „Erdbebenfische“ bekannten Riemenfische werden immer wieder, vor allem in Pazifik, nahe der Küsten gefangen oder an Strände gespült. Diese bis zu 10 Meter langen Meeresbewohner gelten als Ursprung des Geschichten von Seeschlangen. Ein Zusammenhang mit Erdbeben wurde zuerst im antiken Japan aufgestellt. Dort galt der Riemenfisch als Bote des Meeresgottes. Ein massenhaftes Auftreten sei ein Zeichen eines bevorstehenden Erdbebens. Tatsächlich gab es in der Geschichte immer wieder Sichtungen, auf die kurz darauf ein Erdbeben folgte. Eine eindeutige Korrelation besteht aber auch hier nicht, somit ist die These sehr umstritten. Als Meeresbewohner flacher Tiefen gelten Riemenfische jedoch als besonders empfindlich für Veränderung an Subduktionszonen.
Nachgewiesen ist, dass Welse, die in vielen japanischen Seen und Flüssen beheimatet sind, Vorläuferphänomene eines Bebens wahrnehmen und darauf entsprechend nervös und unruhig reagieren. Eine Fähigkeit, wegen die die japanischen Mythologie einen riesigen Wels am Meeresgrund für Erdbeben verantwortlich macht.

Fazit: Beide Mythen stammen aus früheren Jahrhunderten und basieren auf Versuchen der Erdbebenvorhersage. Wissenschaftlich fundiert sind diese aber nicht.

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Induzierte Erdbeben sind ein Phänomen der letzten Jahre
Auch hier gilt: Mehr mediale Aufmerksamkeit bringt eine Sache eher ins Bewusstsein. Das heißt aber nicht, dass es diese Sache vorher nicht gab.
Induzierte Erdbeben durch Kohlenwasserstoffförderung, Bergbau, Staudämme, Geothermie und ähnliches sind in den letzten Jahren immer wieder ein Thema, vor allem in den Online-Medien. Tatsächlich nimmt auch die Anzahl solcher Erdbeben in einigen Regionen seit etwa 10 Jahren zu (Beispiel Oklahoma). Die ersten induzierten Erdbeben wurden aber in Europa bereits im späten 19. Jahrhundert, eventuell sogar noch früher verursacht. Vor allem aus England und den deutschen Bergbaurevieren an der Ruhr und im Harz kennt man Beispiele. Beispiele auch für Regionen, wo die Bebenaktivität mit der Abnahme / dem Ende des Bergbaus in den letzten Jahrzehnten rückläufig war. In Texas (USA) gibt es seit fast 100 Jahren Erdbeben durch die Erdölförderung. (Als Info: Das vielfach fälschlicherweise für Erdbeben verantwortlich gemachte Fracking wird erst seit 1947 in den USA verwendet)

Global betrachtet sind induzierte Erdbeben weiter auf dem Vormarsch und vielerorts ist ein Anstieg zu beobachten. Die Förderung von Erdöl und Erdgas wird an vielen Orten immer intensiver, teilweise auch der Abbau von Erzen und Kohle. Bessere Sicherheitsvorkehrungen und strengere Gesetzesvorgaben verringern zwar das Risiko großer Beben, doch werden kleine Erschütterungen billigend in kauf genommen.

Fazit: Induzierte Beben gibt es seit mehreren Generationen. Ihre Häufigkeit ist vor allem von der Intensität des Bergbaus abhängig, aber auch von lokalen geologischen Bedingungen.

Erdbeben in „politisch brisanten“ Regionen werden zensiert.
Ein Gerücht, dass sich fast schon als Verschwörungstheorie abstempeln lässt. Gelegentlich kommt es vor, dass die großen Erdbebendienste (Geofon, USGS) Falschmeldungen veröffentlichen. Dies sind meist Erdbeben an ungewöhnlichen Orten, die automatisch von einem Computer errechnet und veröffentlicht wurden. Ursache sind meistens uneindeutige seismische Signale oder einfach technische Defekte. Wenige Minuten später erfolgt meist eine manuelle Korrektur der Daten, bei der diese Fake-Beben in der Regel gelöscht werden. Meist zu spät für den RSS-Feed, der zu diesem Zeitpunkt bereits bei dutzenden „Drittanbietern“ ein falsches Erdbeben in der Liste auftauchen lässt (dass dann meist nicht entfernt wird).
Häufige Beispiele sind von Geofon registrierte Erdbeben im Nordpazifik, ca 1500 km vor der Küste von Japan. Diese tauchen meist 15 Minuten nach einem echten Erdbeben im Raum Fidschi-Tonga auf und sind eben auf solche uneindeutigen Signale zurückzuführen.
Seltener sind bei USGS Fake-Beben vor der Küste von Grönland. Lokale europäische Erdbebendienste registrieren gelegentlich (ebenfalls nach Fidschi-Beben) tiefe Erdbeben (ca. 300 km) in Teilen des Balkans.
Interessant wird es, wenn solche Falschmeldungen in Kriegs- oder Krisengebieten auftauchen, so wie vor einigen Jahren während des Konfliktes in Libyen. Als das M8.4 Beben Minuten später wieder gelöscht wurde, kamen Gerüchte auf, jemand hätte die Region angegriffen und das Erdbeben sei der Beweis, den man zensieren wolle.
Überall auf der Welt gibt es seismologische Messeinrichtungen, die Erdbebensignale vom gesamten Globus erfassen. Schwere Erdbeben irgendwo auf der Welt, sind praktisch auf jeder Station erkennbar und werden von fast jedem Erdbebendienst registriert. Teils werden Daten in Echtzeit ins Internet gestreamt. Somit wäre eine Zensur aller Daten unmöglich und eine Zensur bei einem Erdbebendienst sinnlos.
Auch seismische Signale an öffentlichen Stationen von großen Vulkanen (Bsp. Yellowstone) werden immer wieder von Laien als Erdbeben interpretiert. Fehlen entsprechende Beben in den Erdbebenlisten und ist die Dummheit und Klickgeilheit groß genug, macht man damit ein Youtube-Video und wirft den Behörden Zensur vor.

Fazit: Taucht ein schweres Erdbeben bei nur einem offiziellen Erdbebendienst in den Daten auf, ist es in der Regel eine Falschmeldung. Außerdem ist nicht jedes Signal auf einem Seismogramm ein Erdbeben. Vielfach sind es Störungen. Mit Zensur hat dies nichts zu tun.

 

Es gibt viele Meldungen im Internet, die unglaublich erscheinen. Alte und moderne Mythen spielen dabei eine große Rolle. Denn sie liefern immer wieder Stoff für solche Meldungen. Leider bewegt man sich in vielen Fällen am Rand zur Falschmeldung. Daher sollte man Berichte, die solche Mythen aufgreifen, immer kritisch hinterfragen und sich im Zweifel auf offizielle Quellen verlassen.

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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