Adventskalender: Das Bielefeld-Erdbeben 1612

Schon vor Beginn der instrumentellen Erdbebenüberwachung in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts hat es in der Bundesrepublik immer wieder größere Erdbeben gegeben. Viele blieben aufgrund der verursachten Schäden und anderer Effekte dank Chronisten in Erinnerung.
Zur Adventszeit werfen wir einen Blick in die Erdbebenvergangenheit von Deutschland und stellen jeden Tag bedeutende Ereignisse aus der vorinstrumentellen Ära vor. 

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11. Dezember: Das Bielefeld-Erdbeben 1612

Der Norden Deutschlands gehört aktuell zu den tektonisch stabileren Zonen Europas. Vor Millionen von Jahren sah die Situation anders aus. Im Laufe der Erdgeschichte verliefen durchs heutige Nordeuropa mehrfach Plattengrenzen oder große Störungszonen, an denen Kontinente kollidierten oder massive Gesteinsschollen verschoben worden. So entstanden teils noch heute markante Gebirgszüge wie der Harz. Die meisten dieser erdgeschichtlichen Störungszonen sind noch heute vorhanden, doch weisen sie keinerlei seismischer Aktivität auf – zumindest nicht im Zeitraum der gesicherten Aufzeichnungen. Die einzige markante Störungszone, an der es nachweislich in den vergangenen Jahrhunderten Erdbeben gegeben hat, ist die Osning Störung.

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Diese rund 120 Kilometer lange Störung, die bereits vor rund 200 Millionen Jahren entstanden ist, verläuft entlang des Teutoburger Walders an der Grenze von NRW und Niedersachsen bis rein nach Ostwestfalen. Dort, am südöstlichen Ende der Störungszone, haben sich in historischer Zeit zwei Erdbeben ereignet. Das stärkere traf die Region Bielefeld im Jahr 1612.

Es war das stärkste jemals in Bielefeld verspürte Erdbeben, was die Bewohner der Stadt am 1. November in Panik versetzte. Obwohl das Epizentrum etwas abseits der Stadt nahe des Ortes Oerlinghausen gelegen hat führten die Erschütterungen zu zahlreichen Gebäudeschäden. Auch in den Städten Herford, Lemgo und Gütersloh war das Beben noch zu spüren. Über Monate folgten Nachbeben.
Neuere Beurteilungen lassen darauf schließen, dass das Erdbeben mit Magnitude 4.5 bis 5 und Intensität VI eines der stärksten Beben in Norddeutschland war. Nachbeben blieben alle von geringer Intensität.

Paläoseismologische Untersuchungen haben zudem festgestellt, dass das Störungssegment bei Oerlinghausen in jüngerer Zeit mehrfach aktiv gewesen ist. In den Sedimenten finden sich Spuren von großen Erdbeben (deutlich) über Magnitude 5, die sich zum Ende der letzten Eiszeit im späten Pleistozän ereignet haben – Ein Zeichen dafür, dass die junge Aktivität an der Osning Überschiebung mit dem Abschmelzen der Gletscher und folgender Druckentlastung in der Kruste zusammenhängen könnte.

Jedenfalls folgen nach Abklingen der Nachbeben im Jahr 1613 keine weiteren Erdbeben in Bielefeld. Erst das spätere Erdbeben im nahe gelegenen Detmold im Jahr 1767 ließ die Bewohner Ostwestfalens erneut aufhorchen. Es war das bis heute letzte größere detektierte Lebenszeichen der Osning Störung. Einzig vereinzelte kleine Beben im östlichen Münsterländer Kreidebecken (unter Magnitude 3) sind in den vergangenen Jahrzehnten detektiert worden, zuletzt im Juli 2016 bei Paderborn.

Zwar würde im Laufe der Zeit das Risiko weiterer Erdbeben abnehmen, wenn das Abschmelzen der Gletscher in Norddeutschland für die Reaktivierung der Störung ursächlich gewesen ist, doch lässt es sich nicht ausschließen, dass noch Potential für weitere Erdbeben gegeben ist. Somit sind auch in Zukunft Schadenbeben in Bielefeld, Detmold und im gesamten Teutoburger Wald möglich, auch wenn deren Eintrittswahrscheinlichkeit im Vergleich zu anderen Regionen Deutschlands, beispielsweise der Niederrheinischen Bucht, sehr gering scheint.

(Geschätzte) Angaben zum Erdbeben 1612
Datum: 1. November 1612
Momentmagnitude: 4,6
Maximale Intensität: VI
Schäden: Ja
Opfer: Nein
Lage des Epizentrums:

Literatur
Brandes, C., & Winsemann, J. (2013). Soft-sediment deformation structures in Late Pleistocene alluvial-aeolian sediments caused by GIA induced seismicity along the Osning Thrust (northern Germany). EGU General Assembly.
Brandes, C., Winsemann, J., Roskosch, J., Meinsen, J., Tanner, D. C., Frechen, M., … & Wu, P. (2012).Activity along the Osning Thrust in Central Europe during the Lateglacial: ice-sheet and lithosphere interactions. Quaternary Science Reviews, 38, 49-62.
Leydecker, G. (2011). Erdbebenkatalog für Deutschland mit Randgebieten für die Jahre 800 bis 2008.
Sieberg, A. (1940). Beiträge zum Erdbebenkatalog Deutschlands und angrenzender Gebiete für die Jahre 58 bis 1799. na.
Vogt, J., & Grünthal, G. (1994).
Die Erdbebenfolge vom Herbst 1612 im Raum Bielefeld. Geowissenschaften12(8), 236-240.

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Jens Skapski

Data Analyst bei Risklayer
Jens ist 25 Jahre alt und studierte von 2013 bis 2019 an der Ruhr-Universität Bochum, zunächst Geowissenschaften (B.Sc. Abschluss) und später mit Spezialisierung auf Erdbebenphysik und -gefährdung. Seit Sommer 2019 arbeitet er als Data Analyst in Karlsruhe.

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