Kommentar: Wenn der Klimawandel ein Erdbeben wäre

Induzierte Erdbeben sind mancherorts in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Problem geworden. Teils wurde dieses Problem so groß, dass ganze Industriezweige nicht nur an öffentlichem Ansehen eingebüßt haben, sondern ihnen staatlich ein Riegel vorgeschoben wurde. Dabei waren die Erdbeben in den meisten Fällen harmlos, haben nur selten ernsthaft Schäden angerichtet und blieben generell weit davon entfernt, als Katastrophe bezeichnet werden zu können. Aber es hätte ja noch dazu kommen können… Wenn jedoch eine reale (aber abstrakte) Katastrophe droht, fällt es vielen offenbar schwer, richtige Maßnahmen zu ergreifen. Daher stelle ich mir die Frage: Was würde passieren, wenn der Klimawandel ein Erdbeben wäre? Ein Kommentar.

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Saarland 2008. Der über Jahrzehnte bestehende wirtschaftliche Anker einer gesamten Region wird nach einem unrühmlichen Vorfall eingeholt: Ein Erdbeben der Stärke 4.2 beschädigte Häuser, Kirchen, brachte Menschen den Schock ihres Lebens und transportierte den totkranken Patienten Steinkohlebergbau mit der politischen Guillotine vorzeitig ins Grab.
Niederlande seit vielen Jahren. Einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes lässt über Jahrzehnte die Erde in Groningen Beben. Zuletzt wurden die Beben stärker. Hunderttausende Schadensfälle musste das Erdgasunternehmen NAM kompensieren – der wirtschaftlichen Stärke hat dies nicht geschadet. Doch den Protesten der Bevölkerung wurde nachgegeben: In wenigen Jahren wird der Erdgashahn vorzeitig zugedreht. Die Angst vor einer Erdbebenkatastrophe war zu groß.
England 2019. Acht Jahre nach dem letzten gescheiterten Versuch hat es die Kohlenwasserstoffindustrie wieder nicht geschafft, mithilfe des Frackings im Nordwesten Englands die Gasförderung zu erleichtern. Ein Beben der Stärke 3, viel stärker als noch Jahre zuvor. Die wenigen Risse in Wänden und die Angst der Bevölkerung hat aller Wahrscheinlichkeit nach ausgereicht, das Kapitel Fracking auf der Insel für immer zu schließen.

Dass der Mensch durch seinen Einfluss auf die Umwelt auch sich selbst gefährden kann, zeigen diese Beispiele. Oft reicht die Vernunft aus, um die Bremse zu betätigen, bevor es zur Katastrophe kommt. Manchmal reicht schon Unbehagen aus, wenn ein Zusammenhang so eindeutig ist wie in den genannten Fällen, um Handlungen auszulösen, auch wenn eine tatsächlich lebensbedrohliche Situation oft nicht wahrscheinlich ist. Es ist das Restrisiko, dem auch schon diverse Geothermie-Kraftwerke zum Opfer gefallen sind, aber auch die Kernkraft in Deutschland wegen einer Ausnahmekatastrophe in Japan. Beispiele, wenn der Wille der Mehrheit des Volkes ausschlaggebend ist und sowohl Wirtschaft als auch in manchen Fällen Wissenschaft einstecken müssen.

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Bei Beispielen, bei denen der Einfluss des Menschen nicht eindeutig ist, wo uns das Problem als solches nicht direkt auf den Kopf fällt, fällt auch ein logischer nächster Schritt schwer. Sowohl SPD- und Union-Politikern als auch vielen Einzelpersonen. So können wir nicht mit Sicherheit sagen, dass die Rekordhitze in Mitteleuropa des vergangenen Sommers eine direkte Folge des Klimawandels ist, trotz Aussage grünradikaler Umweltaktivisten. Auch Hurrikan Dorian, der Teile der Bahamas verwüstete, könnte genauso gut auf einer Erde ohne Menschen mit selber Stärke und Geschwindigkeit die selbe Zugbahn gehabt haben, selbst wenn uns das der Weltuntergangsjournalismus nicht so verkaufen möchte. Genauso wie die seit über einem Jahr in Teilen Deutschlands andauernde Dürre auch schon den Landwirten im Mittelalter in ähnlicher Form zu schaffen gemacht hat, als auch Politiker noch nicht zwischen Fakt und Propaganda unterscheiden mussten.
Katastrophen, die Menschenleben fordern, der Wirtschaft erheblich schaden können und dem Wohlbefinden von Millionen Dachgeschosswohnungsmietern nicht besonders zuträglich sind. Was wir nur mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wissen: Solche Katastrophen werden mit fortschreitenden (zunehmenden) CO2-Emissionen weltweit häufiger werden. Wir wissen jedoch nicht, welcher Mensch wann davon betroffen sein wird. Es ist wie bei unseren typischen mitteleuropäischen Sommerunwettern: Die meisten können unbeschwert ihr wöchentliches Spanferkel grillen oder im Baggersee schwimmen, während ein paar wenige ordentlich am Arsch sind.

So wie bei den oben genannten induzierten Erdbeben: Nur ein kleiner Teil (wenn überhaupt) der Bevölkerung hat tatsächlich drunter gelitten, auch wenn es (fast) jeder erlebt hat. So wie in Mitteleuropa (fast) jeder schonmal ein Gewitter erlebt hat, ohne dadurch Verluste zu erleiden.

Die Hoffnung, die jeder Mensch hat, zu den glücklichen Nichtopfern des Klimawandels zu gehören, mag die garantierten Konsequenzen unserer Handlungen verschleiern. Und selbst wenn nächste Woche Hurrikan Lorenzo Sylt in der Nordsee versenken sollte, bleibt uns ja immer noch die Resthoffnung, dass das alles ja garnicht unsere Schuld ist. Schließlich hat Lorenzo uns keine „Take this, bitches!“-Nachricht im Briefkasten des Bundeskanzleramtes hinterlassen. Das heißt wir können unser Gewissen auch weiterhin damit beruhigen, dass es noch keine Beweise für spezifische Katastrophen aufgrund des menschengemachten Klimawandels gibt, den Dr. D. Trump und Prof. A. Gauland ja sowieso anzweifeln.
Die weltweite Opferzahl induzierter Erdbeben seit 2010: Etwa 50.
Die weltweiter Opferzahl des Klimawandels seit 2010: Zwischen 0 und 10 Millionen, etwa?

Aber wären die Konsequenzen der modernen Zivilisation etwas greifbarer, unmittelbarer und mit weniger Wenns und Vielleichts versehen, hätten Politik und Gesellschaft dann die Courage, mit radikalen Maßnahmen solche Katastrophen zu verhindern?
Nehmen wir an, der Klimawandel ist ein Erdbeben, das ab einem atmosphärischen CO2-Gehalt von 500 ppm Deutschland zerstört? Würde Andreas Scheuer dann immer noch mit einem SUV durch Berlin fahren? Würde Christian Lindner dann seinen Urlaub im Erzgebirge statt in Spanien verbringen? Und was noch viel wichtiger ist: Würden die 83 Millionen anderen Experten zwischen Ostsee und Alpen bereit sein, ihr Leben radikal zu ändern, um mit diesem Zeichen auch andere Länder ins Boot zu holen?

Oder verlegen wir das Oktoberfest dann einfach nach Malle und machen weiter wie bisher?

Wenn ein Restrisiko im Promillebereich unterhalb des Durchschnittsbayern ausreicht, um aus Atomkraft, Kohle-, und Erdgasförderung auszusteigen, sollte eine garantierte Katastrophe der selben Kategorie wohl für CO2-Steuer, autofreie Innenstädte, kostenlosen Nahverkehr, 100% erneuerbare Energien und ein Verbot von Massentierhaltung reichen. Von weniger radikalen Schritten wie Fahrradnutzung, Stromsparen und Urlaub daheim ganz zu schweigen.

Leider haben wir nicht die glückliche Gewissheit, alle bei einem selbstverschuldeten Erdbeben draufzugehen. Stattdessen wird es in den nächsten Jahrzehnten nur einige Millionen gesichtslose Menschen erwischen, die irgendwo auf der Welt verstreut sind und von denen keiner weiß, wann, wo und wie sie sterben. Auch das „Warum“ wird sich nie abschließend klären lassen. Schließlich hinterlassen Klimawandelopfer bei ihrem Ableben keine E-Mail in meinem Postfach: „Danke Jens, dass du 2017 13 mal quer durch Europa geflogen bist“.

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Jens Skapski

Data Analyst bei Risklayer
Jens ist 25 Jahre alt und studierte von 2013 bis 2019 an der Ruhr-Universität Bochum, zunächst Geowissenschaften (B.Sc. Abschluss) und später mit Spezialisierung auf Erdbebenphysik und -gefährdung. Seit Sommer 2019 arbeitet er als Data Analyst in Karlsruhe.

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