Nordamerika zerbricht? Über Risse in Mexiko und wütende Marsianer

„Nordamerika zerbricht“. So oder so ähnlich lautete am Wochenende die Headline vieler russischsprachiger Nachrichtenportale. Quelle dieser Behauptung seien angeblich Wissenschaftler, die Bodenrisse in Mexiko untersuchen. Eine Quellenanalyse zeigt den Weg dieser Meldung von Mexiko über den Mars bis hin nach Moskau und Minsk. Von Wissenschaft keine Spur.

(Achtung: Alle Links in diesem Artikel verweisen auf externe Artikel, teilweise auf Webseiten mit äußerst dubiosen Inhalten. Sie sind nur aus Gründen der Transparenz angegeben, um die Quellen der hier behandelten Meldung nachvollziehen zu können.)

Erdbeben und andere geowissenschaftliche Themen sind oft ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker und Fake News Liebhaber. Viele Phänomene, und sind sie noch so alltäglich und harmlos, erscheinen bedrohlich und geheimnisvoll, sind für Laien meist nicht einfach zu erklären und auch Wissenschaftler sind oft nicht sehr kommunikativ. Das bietet viel Freiraum für Spekulationen, die sich in der Welt der Sozialen Medien schnell verbreiten und viele Anhänger gewinnen können.

Eine dieser Geschichten hat am vergangenen Wochenende vor allem im russischen Sprachraum eine große Reichweite erlangt und ist sogar bei einigen halbwegs seriösen Medien aus Belarus und Kirgisistan im Newsfeed gelandet. Englischsprachige Webseiten haben dies bisher aber nur vereinzelt aufgegriffen. Es geht um einen Riss in der Wüste des mexikanischen Bundesstaates Chihuahua, der laut „Wissenschaftlern“ ein Zeichen dafür ist, dass der gesamte Nordamerikanische Kontinent in naher Zukunft zerbrechen wird, ausgelöst von gigantischen Erdbeben und Supervulkanen.

Eine äußerst dubiose (und aus geowissenschaftlicher Sicht eindeutig schwachsinnige) Meldung, die man eigentlich sofort ins Reich der Verschwörungstheorien verbannen und keines weiteren Blickes würdigen sollte. Hätte ich vielleicht tun sollen. Aber der Verweis auf Aussagen von „Wissenschaftlern“ sowie die weite Verbreitung im russischen Sprachraum haben mein Interesse geweckt, weshalb ich nach der Ursprungsquelle gesucht habe. Die Ergebnisse dieser Suche sind ein perfektes Beispiel dafür, wie kontextlose Zitate und Bilder, Spekulationen und falsche Quellenangaben zur Verbreitung von Fake News beitragen.

Aber fangen wir ganz harmlos mit den Fakten an: Mitte September, offenbar am 15., wurde in der Wüste von Chihuahua von Einheimischen ein langer Riss im Boden beobachtet. Mexikanische Medien berichteten seriös und neutral und beschrieben Ort und Größe. Da sich dieser Riss abseits von besiedelten Gebieten auftat, bestehe keine Gefahr für Menschen. Über eine Ursache des Phänomens gab es keine Angaben, Geologen seien aber dabei, diese zu ergründen.

Ein Einschub von mir: Solche Risse haben meist eine harmlose Ursache und gehen in der Regel auf Erosion infolge meteorologischer Phänomene wie Starkregen oder Dürre zurück. Von letzterer ist Chihuahua aktuell stark betroffen. (Link zu mexikanischen Medien, seriös!) Erdbeben spielen meist keine Rolle und wenn, dann nur starke Erdbeben, die es in Chihuahua zuletzt aber nicht gegeben hat.

Nun ja, überall dort, wo keine eindeutigen Erklärungen geliefert werden, fangen Menschen mit Spekulationen an, sowohl in Sozialen Netzwerken wie Twitter, die dort tagelang rumschwirrten, als auch in Foren wie strangesounds.org. Letzteres ist ein unter Verschwörungstheoretikern sehr bekanntes Portal, in dem „Meinungen“ über Naturphänomene aller Art diskutiert werden. Wissenschaftlich fundierte Erklärungen sind bei den dortigen Diskussionen eher selten. Der Fokus liegt eher auf Verschwörungen und übernatürlichen Phänomenen, auch wenn zumindest der Blog dieses Portals in seinem Post von 23. September darauf verzichtet.

Dennoch ist Strangesounds hier Ausgangspunkt der „Nordamerika zerbricht“ – Meldung. Denn vom dortigen Blog hat es die Meldung in diverse andere esoterisch-verschwörerisch-spekulative Blogs geschafft, unter anderem am 24. auf die Webseite thebigtheone.com, die nach meinen Erkenntnissen erste russischsprachige Website, in der diese Meldung auftauchte. Anders als beim zitierten Strangesounds verzichtet der Eigentümer des Blogs, der in der Ukraine registriert ist, aber nicht auf Spekulationen. So bringt er diesen Riss mit diversen möglichen Erklärungen in Verbindung. Hier tauchen so das erste Mal mögliche Zusammenhänge zu unbekannten Supervulkanen, bevorstehenden Erdbeben und der San Andreas Störung auf. Für letzteres Thema bedient sich der Verfasser einer Skizze des Chilenischen Bloggers David de Zabedrosky, der bereits am 20. September auf seinem Twitter-Account über den Riss berichtete und dort mithilfe dieser Skizze Spekulationen über einen Zusammenhang mit San Andreas verneinte.

Diese Verneinung ist in der Ukraine aber offenbar nicht angekommen, denn der thebigtheone-Admin vertritt die These eines möglichen Zusammenhangs und geht mit seinen Spekulationen sogar noch weiter. So stellt er in seinem Text eine mögliche Verbindung zu den Erdbeben am Mittelatlantischen Rücken (Link zum USGS, seriös!) her, wirft die Theorie eines Supervulkans auf und krönt alles mit der fragenden Headline, ob Nordamerika bald zerbrechen wird. Diese Punkte werden in allen darauf folgenden Medien aufgegriffen werden und zur endgültigen Meldung beitragen. Dass thebigtheone in seinen Spekulationen noch deutlich weiter geht, von einem Versinken Chihuahuas, einem Auftauchen eines Yucatan-Atlantis und einem Angriff mit marsianischen Gravitationswaffen spricht, war den darauffolgenden Medien aber dann wohl doch zu krass.

Krass, aber nicht so krass, dass es die ebenfalls ukrainische Website planetanovosti abgeschreckt hätte, die diese Meldung einschließlich der Frage, ob der Kontinent zerbricht, übernommen hat. Schaut man sich dieses Portal genauer an, findet man viele sehr ähnlich-abstruse Meldungen voller wilder Spekulationen und Theorien. Der Schwerpunkt dieser Webseite scheint auf spirituellen Themen und Aliens zu liegen – Ein wenig überraschend eigentlich, warum es die wütenden Marsianer nicht in den Verschwörungsrecall geschafft haben.

Naja, anders als thebigtheone gibt planetanovosti aber nicht offen zu, dass es sich um Spekulation handelt. Vermutlich bewusst um eigene Seriosität vorzugaukeln wird sich anstatt auf die Aussagen eines anderen Bloggers auf die Aussagen von nicht näher genannten „Wissenschaftlern“ berufen. (Da thebigtheone von den ausstehenden Untersuchungen oben genannter mexikanischer Geologen spricht, möchte ich auch ein Missverständnis nicht ausschließen. Jedoch lässt die Struktur von planetanovosti auf ein Geschäftsmodell mit bewussten Falschmeldungen schließen) Wissenschaftler, die die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass der Riss das Zerbrechen eines ganzen Kontinents ankündigt. Dass die Originalquelle jedoch thebigtheone ist, scheint durch die ähnliche Struktur beider Artikel und die gleichen Einbettungen sehr wahrscheinlich. Zudem wurde der thebigtheone-Text laut Quelltext rund 40 Minuten vor planetnovosti veröffentlicht.

Als nächstes kommt dann das Moskauer Medienunternehmen Издательская группа Объединенная Европа (United Europe Publishing Group LLC“) ins Spiel, das über diverse kleine politische Nachrichtenportale im russischen Sprachraum verfügt, wo die planetnovosti Meldung weiter verbreitet wird, u.a. hier und hier, von wo es die Meldung auch schließlich in Nachrichtenagglomerationsportale wie theworldnews geschafft hat. Dies reichte mehreren größeren und vergleichsweise seriösen Portalen offenbar aus, um sich ebenfalls den vermeintlichen Aussagen vermeintlicher Wissenschaftler zu bedienen und das Zerbrechen von Nordamerika zu verkünden: So tat dies ein Portal aus Belarus und sogar profile.ru, das Webportal der Европейская медиагруппа (European Media Group), die jeweils sogar über eigene WikipediaArtikel verfügen und demnach sogar mit Gazprom-Media einen eigenen Fernsehsender betreiben.

So wurde also aus wirrer Spekulation eines alienaffinen ukrainischen Bloggers die Aussage von „Wissenschaftlern“, die es schließlich bis ins Portfolio der größten russischen Medienunternehmen geschafft hat. Sensationsgier, vermeintlich seriöse Aussagen und sicher auch eine gewisse Schadenfreude über Katastrophen in Nordamerika haben diesen Weg geebnet. Ob auch westeuropäische Medien in den kommenden Tagen diese Meldung aufgreifen werden und so auch hier diese Fake News weiterverbreiten, wird sich zeigen. Kandidaten für spekulative, sensationsgeile Headlines gibt es ja einige aber ich hoffe sehr, dass dies nicht passieren wird. Falschmeldungen über geologische Phänomene gibt es bereits haufenweise, ähnlich wie übers Wetter. Jede weitere Falschmeldung trägt dazu bei, das allgemeine Verständnis solcher Phänomene sowie das Vertrauen in Wissenschaftler (die hier ja angeblich für die Aussagen verantwortlich sind) zu schmälern. Wie leicht es heutzutage für solche Fake News ist, an Reichweite zu kommen, zeigt sich perfekt am Beispiel dieser Meldung.

Ein Kommentar

  1. Danke für diesen sehr, sehr guten Kommentar. Es ist sehr gut, wenn seriöse Seiten auf unseriöse Meldungen hinweisen, und hier wird nicht nur hingewiesen sondern sehr gut erklärt.
    somit, bin ich bestimmt gefeit über evtl. Fake news in diesem Falle.

    Danke
    Berghild

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