Jahresrückblick: Die Erdbeben in Deutschland 2020

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Nur noch wenige Stunden, dann ist das Horrorjahr 2020 voller schlechter Nachrichten endlich vorbei, werden sich viele denken. Ein Horrorjahr mit einem alles dominierenden Virus, mit Katastrophen, mit sozialen und wirtschaftlichen Unruhen. Und ein Jahr, das Deutschland eine Vielzahl an spürbaren Erdbeben einbrachte. 125 mal bebte die Erde hierzulande seit Januar. Oft lag das Epizentrum außerhalb der deutschen Grenzen. Oft waren es Erdbebenserien oder -schwärme, die binnen kurzer Zeit mehrere Beben an einem Ort brachten. Zudem führten induzierte Erdbeben wieder an einigen Orten für Diskussionsstoff. 2020 zusammengefasst:

Abb. 1: Die 10 stärksten Erdbeben auf deutschem Staatsgebiet 2020.

Das stärkste Erdbeben innerhalb Deutschlands war das Beben der Stärke 3.9 bei Jungingen im Zollernalbkreis am 1. Dezember. Es war zugleich das erste Beben des Jahres, das in Deutschland geringe Schäden verursacht hat. Fast ganz Baden-Württemberg war von diesem Beben betroffen. Es riss Millionen Menschen aus dem Schlaf. Mehrere spürbare Nachbeben folgten, darunter eines mit Magnitude 2.6, das sich ebenfalls in dieser Liste wiederfindet.
Am gleichen Tag bebte es auch im äußersten Südwesten Baden-Württembergs, ebenfalls mit relativ weit reichenden Erschütterungen. Vor allem im Schwarzwald war es eher ein Grollen, das teilweise bis zu 50 Kilometer weit zu hören waren.
Der Zollernalbkreis ist mit zwei weiteren Beben vertreten: Einem M3.6 im Januar, das ähnlich wie das Beben Anfang Dezember fast in ganz Baden-Württemberg zu spüren war, allerdings eine geringere Intensität hatte und ohne Auswirkungen blieb. Bemerkenswert war bei diesem Erdbeben allerdings eine intensive Vorbebenserie innerhalb weniger Stunden sowie das komplette Ausbleiben von Nachbeben.

Das stärkste induzierte Erdbeben des Jahres traf wie so oft Niedersachsen. Bei Staffhorst, einem in den letzten Jahren eher seismisch inaktiven Gasfördergebiet, bebte es am 17. Dezember.

Abb. 2: Die 10 Erdbeben mit der höchsten Maximalintensität innerhalb Deutschlands.

Das Jungingen-Erdbeben war gleichzeitig auch das Beben mit der höchsten Intensität in Deutschland. Bei den sonstigen Beben sind vor allem starke Beben im Ausland sowie induzierte Erdbeben, die aufgrund ihrer geringen Tiefe oft besonders stark zu spüren sind, vertreten.
So das M3.6 an einer inzwischen still gelegten Geothermie-Anlage nördlich von Straßburg. Diese war seit über einem Jahr im Testbetrieb und hatte bereits Ende 2019 spürbare Erdbeben ausgelöst. Das am 4. Dezember war jedoch das mit Abstand stärkste und konnte weit entlang des südlichen Oberrheins verspürt werden. Auf beiden Seiten der Grenze gab es Schäden. Mehr als 300 Meldungen sind beim Betreiber eingegangen. Zudem folgten einige Nachbeben.

Als Folge des Bergbaus, bzw. des Anstiegs des Grubenwasser kam es am 2. November zu einem deutlich spürbaren Erdbeben in Hamm. Das intensivste von hunderten kleinen Beben, die seit Beginn der Aktivitätsphase etwa ein Jahr zuvor registriert wurden. Die geringe Tiefe und die Lage der Epizentren unter den Stadtteilen Pelkum und Herringen sorgen dafür, dass selbst kleinste Erdbeben vereinzelt von Anwohnern wahrgenommen werden. Das schwächste mit entsprechenden Meldungen hatte Magnitude 0.4, auch wenn dies wohl ein Einzelfall war. 15 spürbare Erschütterungen konnten wir in Hamm im Laufe des Jahres detektieren.

Das wohl am weitesten spürbare Erdbeben des Jahres in Deutschland hatte seinen Ursprung in Kroatien. Das dortige M6.4 südlich von Zagreb, das vor Ort mehreren Menschen das Leben kostete und hunderte Gebäude zerstörte, war mit sehr geringer Intensität in weiten Teilen Süddeutschlands zu spüren. Aufgrund der geringen Stärke der Erschütterungen und der Tageszeit waren es aber nur wenige Menschen, die bewusst die Bewegungen wahrgenommen haben. Am deutlichsten war das Beben in Bayern südöstlich von München sowie in Hochhäusern.

Abb. 3: Kumulierte ShakeMap aller in Deutschland spürbaren Erdbeben im Jahr 2020. Dargestellt ist für jeden Ort die Maximalintensität durch eines oder mehrerer Erdbeben. Nicht berücksichtigt sind Erdbeben, die innerhalb Deutschlands nicht verspürt wurden. Darstellungen für angrenzende Länder sind entsprechend unvollständig. Grafik und Intensitätsberechnung: Jens Skapski, erdbebennews.de. Durch lokale Effekte kann eine ergibt sich eine Unsicherheit von +/- 1. Intensitäten unter 4 (IV) werden in der Regel nicht von allen Anwohnern verspürt. Intensität 2 (II) wird nur von sehr wenigen verspürt. Map tiles: Esri, HERE, Garmin, Intermap,increment P Corp., GEBCO, USGS, FAO, NPS, NRCAN, GeoBase, IGN, Kadaster NL, Ordnance Survey, Esri Japan, METI, Esri China (Hong Kong), (c) OpenStreetMap contributors, and the GIS User Community

Fast überall in Süddeutschland wäre es durch die Beben im Zollernalbkreis, in Kroatien, in der Schweiz und im Elsass möglich gewesen, ein Erdbeben zu spüren. Die dunkelblaue Farbe, Intensität II, bedeutet jedoch auch, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung tatsächlich was spürt. Erst ab Intensität IV kann man davon ausgehen, dass ein Großteil der Anwohner Erschütterungen wahrnimmt.
Weiter nach Norden fällt vor allem das Cluster im Vogtland auf, wo ebenfalls im Dezember ein Erdbebenschwarm einsetzte und innerhalb von zwei Wochen rund 45 spürbare Erdbeben hevorbrachte. Diese lagen zum einen im tschechischen Luby und zum anderen im sächsischen Triebel. Da die Beben aber im Gegensatz zum großen Schwarm 2018 klein blieben, blieb es bei räumlich begrenzten und schwachen Wahrnehmungen, ohne Schäden zu verursachen.

Unabhängig vom Vogtland-Schwarm bebte die Erde am 9. Mai in Chemnitz. Trotz schwacher Magnitude 2.0 war das Beben wegen des Epizentrums genau im Stadtgebiet von vielen Menschen verspürt worden.

Entlang des Rheins manifestierte sich in der ersten Jahreshälfte eine Erdbebenserie im hessischen Gernsheim. 24 Erdbeben über Magnitude 1 registrierte das Hessische Landesamt (HLNUG) bis einschließlich Juli, acht davon waren nach unseren Informationen für die Anwohner spürbar. Mit maximal Magnitude 2.4 blieb die Intensität allerdings gering.

 

Abb. 4: Anzahl der Erdbeben ab Magnitude 1 pro Landkreis.

Diese Erdbebenserie ist jedoch maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Landkreis Groß-Gerau das Jahr als Kreis mit den drittmeisten Erdbeben beendet, lediglich überboten von den Bergbaufolgen in Hamm und dem Zollernalbkreis, der vor allem aufgrund der Serie im Januar doppelt so viele Erdbeben hatte wie 2019. Direkt danach folgen mit der Südlichen Weinstraße (Rheinland-Pfalz) und Steinfurt (NRW) zwei weitere Kreise mit induzierten Erdbeben. Während in RLP am Geothermie-Kraftwerk Insheim auch in diesem Jahr Mikrobeben auftraten, war es in Mettingen im Kreis Steinfurt, ähnlich wie in Hamm, der ehemalige Bergbau, der zu Beben führte.

Im Rheingau-Taunus-Kreis ist weiterhin, im inzwischen dritten Jahr, die Heidenrod-Sequenz aktiv gewesen, dieses Jahr ohne spürbares Beben. In Mayen-Koblenz war die Aktivität wie im Vorjahr auf mäßigem Niveau. Deutlich rückläufig war die Erdbebenaktivität im Vergleich zu 2019 in Breisgau-Hochschwarzwald. Auch am Braunkohletagebau Hambach im Rhein-Erft-Kreis gab es 2020 weniger Erdbeben als ein Jahr zuvor.

Der tektonisch aktivste Kreis NRWs ist in diesem Jahr Bonn gewesen. Dort kam es zu sechs Beben über Magnitude 1, weitere gab es im direkten Umfeld in Meckenheim sowie in Wesseling. Zwei der Beben dort wurden schwach verspürt.

Abb. 5: Anzahl der Erdbeben ab Magnitude 1 pro Bundesland im Jahr 2020.

Fazit

Mit 83 spürbaren Erdbeben, ausgeklammert 42 weitere im Vogtland, bebte es 2020 so häufig spürbar in Deutschland wie schon lange nicht mehr. Grund für diese Häufung sind vor allem Serien induzierter Erdbeben in Frankreich und im Ruhrgebiet, aber auch einige größere Erdbeben im Ausland, die bis Deutschland reichten. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die zunehmende Relevanz von Erdbebennews.de, wodurch uns mehr spürbare Erschütterungen gemeldet werden. Vielen Dank an alle, die es in diesem Jahr mit ihren Meldungen ermöglicht haben, dass wir diesen Intensitätskatalog so zusammenstellen konnten. Die Zahl der im Land registrierten Beben ist trotz angestiegener Aktivität induzierter Beben insgesamt konstant geblieben. Ein starkes Erdbeben mit großen Schäden blieb Deutschland auch 2020 erspart. Ein Horrorjahr war es, zumindest im Bezug auf die Erdbebenaktivität, damit auch nicht. Durchschnittliche Erdbebenaktivität wie fast überall auf der Welt in diesem Jahr, besonders hervorgehoben durch lokale Bebenserien.

Vollständige Erdbebenliste 2020

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Hinweis: Alle in diesem Text dargestellten Daten sind Stand: 30. Dezember 2020, 12 Uhr. Erdbeben, die nach diesem Zeitpunkt aufgetreten sind oder nach diesem Zeitpunkt registriert wurden, finden keine Berücksichtigung, werden aber in der Erdbebenliste nachgetragen.
Quellen: Alle Intensitätsdaten stammen von erdbebennews.de. Die sonstigen Erdbebendaten stammen von Erdbebendiensten. Eine vollständige Liste aller für Deutschland relevanten Erdbebendienste ist hier zu finden.