Magnitude 8.4 am Baikalsee? Wie ein Erdbeben die Netzwelt verwirrt

Magnitude 8.4 am Baikalsee. Magnitude 8.4 im dicht besiedelten Herzen von Sibirien. Magnitude 8.4 nahe der Großstadt Irkutsk. Mit solchen Schlagzeilen sorgten russische und internationale Medien in den vergangenen beiden Tagen für große Verwirrung. Nicht etwa, weil sie die Folgen einer großen Katastrophe schilderten, sondern weil ein derartiges Erdbeben katastrophalen Ausmaßes nicht gemeldet wurde. Zumindest von westlichen Erdbebendiensten. Manche Nutzer wittern Zensur oder Propaganda, andere einen Kriegsakt der USA. Doch wie so oft ist die Erklärung einfach.

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Am 8. Juni um 14:24 Uhr MESZ ist das fragwürdige Erdbeben passiert. Im südlichen Teil des Baikalsee hat sich eine der vielen aktiven Störungen der Region um wenige Zentimeter bewegt und dabei seine seismischen Wellen um den Globus geschickt. Es waren keine starken Wellen. Zwar stark genug, um die Hochhäuser in der nahe gelegenen Großstadt Irkutsk zum Schwingen zu bringen, stark genug, um Menschen an den nächst gelegenen Ufern des Baikalsees in Angst zu versetzen, aber nicht stark genug, um nennenswerte Schäden zu verursachen.

Das globale seismologische Netzwerk des USGS ermittelte aus den Erdbebenwellen eine Magnitude von 5.2. Das deutsche Geoforschungszentrum kommt mit seinem Netzwerk auf 5.0. Beide berechneten die Moment-Magnitude, also den Wert der Erdbebenstärke, der abhängig von der freigesetzten Energie ist. Eine Erhöhung um 1 bedeutet, dass 31x mehr Energie freigesetzt wurde. Abweichungen von 0,2 sind in Energie umgerechnet zwar sehr große Unsicherheiten, angesichts der sehr isolierten Lage (in Sibirien und Zentralasien haben beide Netzwerke kaum Stationen) nicht überraschend. Erdbebenbestimmung ist wie Darts. Alle wollen eine 180, aber manchmal geht auch ein Pfeil in die Einfach-20.

Oder noch weiter daneben. Könnte man auch in diesem Fall denken, wenn man die Magnituden der westlichen Erdbebendienste mit den Angaben vergleicht, die von russischen Behörden kommuniziert werden. „Magnitude“ 8.3 oder „Magnitude“ 8.4. Das wäre eine 100.000-fache Energiefreisetzung im Vergleich zum Wert des GFZ. Oder um bei der Darts-Metapher zu bleiben: Das Bierglas des Mannes mit Aston Villa Schal hinten links im Ally Pally. Für einen WM-Teilnehmer, bzw. einen global führenden Erdbebendienst ein ziemlich peinlicher Wurf.

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Doch wer aufmerksam liest, und genau das wird bei der Fragestellung entscheidend, wird sehen, dass „Magnitude“ in den entscheidenden Textpassagen garnicht vorkommt. Schauen wir uns dafür die exakte Formulierung der Nachrichtenagentur Ria Nowosti an. Mangels Russisch-Kenntnissen möge Google Übersetzer aushelfen:

Am Baikalsee sei ein Erdbeben mit einer Intensität von 8,3 Punkten aufgetreten, sagte der Leiter des Ministeriums für Notsituationen in der Region Irkutsk

Am Baikalsee sei ein Erdbeben mit einer Intensität von 8,3 Punkten aufgetreten, sagte der Leiter des Ministeriums für Notsituationen in der Region Irkutsk

Und später nochmal:

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Die Intensität am Epizentrum betrug 8,3 Punkte. In den Städten der Region waren bis zu fünf Punkte zu spüren“, heißt es in dem Bericht.

Aufmerksame Leser von Erdbebennews werden das entscheidende Wort wahrscheinlich gesehen haben: Intensität. Intensität und Magnitude, zwei verschiedene Paar Schuhe.

Schauen wir, was internationale Medien daraus machen, hier am Beispiel der Nachrichtenagentur Anadolu:

Aktuelles aus der Region  Google aktiviert Erdbebenfrühwarnungen in Deutschland

Magnitude 8.4 earthquake recorded in Russia

Magnitude!

Oder auf Spanisch am Beispiel der Marca:

Temblor de 8.4 sacude el lago Baikal en Rusia

Grados, immerhin. Auch wenn sich dies in der Regel auf Magnitudenskalen bezieht, hat man hier nicht spezifiziert. Was aber sicher nicht dazu beigetragen hat, dass Leser den Unterschied verstanden haben.

Internationale Medien (und noch mehr Blogger, YouTuber und Putinfluencer) haben also die von russischen Behörden gemessene Intensitätsangabe als vermeintliche Magnitudenangabe übernommen. Intensitäts- statt Magnitudenangaben sind in Russland Standard, so wie auch in Japan. Nur wenige russische Medien (zum Beispiel Lenta) haben in der Berichterstattung somit direkt darauf hingewiesen.
Magnitude 8.3 (oder 8.4) wäre eine Katastrophe mit vielen Todesopfern und das stärkste jemals gemessene Erdbeben in der Region. Viele Todesopfer und Schäden, die es nicht gegeben hat.

Manche mögen diese Vorlage aber auch bewusst für Clickbait genutzt haben. Manche haben das Ganze sogar auf die Spitze getrieben und das Epizentrum in die russische Hauptstadt verlegt.

8.4 magnitude earthquake shakes Moscow

„Aber Moment!“, könnten ganz aufmerksame, regelmäßige Leser von Erdbebennews nun sagen. Denn auch Intensität 8, oder gar 8,4, wäre definitionsgemäß ein Erdbeben mit schweren Schäden. Außerdem: Wann hat Magnitude 5 das letzte Mal zu so hoher Intensität geführt?
Gut beobachtet (zuletzt wahrscheinlich Anfang des Jahres in Afghanistan?) und ja, die Intensität entspricht nicht dem, was real beobachtet wurde und von einem Erdbeben dieser Stärke zu erwarten wäre.

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Aber auch hier ist die Erklärung simpel: Die gemeldete Intensität basierte auf den frühesten Auswertungen des Erdbebens und wird unmittelbar mit der Magnitude berechnet. Doch statt 5.0 oder 5.2 war die erste (automatische!) Auswertung der russischen Behörden Magnitude 6.4. Später, nach manueller Überprüfung, wurde auf Magnitude 5.2 korrigiert. Eine Abweichung, die zum Teil auf die verwendete Skala zurück geht. So greifen russische Behörden für lokale Erdbeben auf die Oberflächenwellenmagnitude zurück, während automatischer Daten globaler Netzwerke die Körperwellenmagnitude berechnen. Zudem galt die ursprüngliche Intensitätsberechnung für das Epizentrum, welches sich mitten im Baikalsee befunden hat. Realwerte an Land wären entsprechend geringer.

Erdbebenberechnungen sollen möglichst exakt sein. Es ist nicht nur eine zufällige Zahl, sondern am Ende entscheidend, um mögliche Schäden und damit Rettungsmaßnahmen schnell abschätzen zu können. Statt einer groben Magnitude, die bezüglich der möglichen Auswirkungen nichtssagend ist, greifen viele Länder wie Japan, Taiwan oder eben Russland auf Intensitätsangaben zurück. 180, ohne Einfach-20. Anders als in Japan und Taiwan wird die Intensität jedoch nicht gemessen, sondern berechnet. Das öffnet solchen falschen Angaben auf Basis falscher Magnituden die Tür.

Falsche Magnitudenangaben passieren schnell und können, gerade wenn automatisch ermittelt, weit daneben liegen. Nicht nur russische Erdbebendienste kennen das Problem. Eine Magnitude daneben kann passieren. Egal wie gut du Darts spielst, irgendwann triffst du die 1. Umso wichtiger ist es, mögliche Unsicherheiten und Unterschiede deutlich zu kommunizieren, um Verwirrung zu vermeiden.