Nord Stream und das Ostsee-„Erdbeben“

Treffen politisch brisante Ereignisse auf Naturphänomene zusammen, besteht oft Raum für Spekulationen. Spekulationen für die Gesellschaft im Allgemeinen, manchmal aber auch nur interessant für eine politische Randgruppe. Eine solche Konstellation hat sich am Montag an den Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 ergeben. Zwischen Dänemark und Schweden wurden über den Tag verteilt mehrmals Schäden an den Rohren entdeckt, aus denen Gas austritt. Sabotage, bzw. ein Anschlag wird nicht ausgeschlossen. Ebenfalls am Montag ereignete sich ein angebliches Erdbeben zwischen Bornholm und Öland. Besteht ein Zusammenhang zwischen „Erdbeben“ und Gasleck?

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Vermeintliches Erdbeben in der Ostsee am 26. September. Epizentrum historische Erdbeben und Auswirkungen auf interaktiver Karte anschauen.

Die Ostsee gehört nicht zu den Gebieten hoher seismischer Aktivität. Kleine Erdbeben treten aber immer wieder auf. Vor allem durch die andauernden Hebungen der Erdkruste in der Region, eine Spätfolge der letzten Eiszeit, kommt es zu kleineren Verschiebungen im Gestein. Spürbar sind diese Beben selten, auch große Erdbeben wie 2004 bei Kaliningrad oder 2008 im Süden Schwedens sind kommen vor. Ein Erdbeben der Stärke 2.2 zwischen Bornholm und Öland wäre also nicht ungewöhnlich, wäre aber weder spürbar noch stark genug, irgendwelche Schäden zu verursachen.

Das vom Norwegischen Erdbebendienst NORSAR am Montagabend registrierte Beben wäre somit realistisch, aber eben harmlos. Ein tektonisches Erdbeben als Ursache für die Schäden an den Pipelines ist somit auszuschließen. Doch gibt es, nicht nur aufgrund des Sabotage-Verdachts, Zweifel an einem natürlichen Ursprung.

Erdbeben nur von einem norwegischen Dienst registriert

Der Datenfeed, aus dem die NORSAR-Registrierung stammt, besteht aus ungeprüften Registrierungen. Neben Erdbeben werden auch Steinbruch-Sprengungen, Bergbauaktivität, Explosionen und manchmal, bei Ereignissen außerhalb Norwegens, auch völlig gegenstandslose Registrierungen veröffentlicht. Tiefe und Epizentrum sind oft sehr ungenau. So ist zum Beispiel ein vermeintliches Beben vor der finnischen Küste am 21. September nicht real, gemäß den Daten des Finnischen Erdbebendienstes. Diese NORSAR-Daten sind auf dieser Website veröffentlicht, und werden auch ohne Prüfung von Drittanbieter-Apps weitervermarktet.

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Um die Daten zu überprüfen, kann man zum Beispiel andere Erdbebendienste konsultieren. Die Universität Bergen zum Beispiel registrierte kein natürliches Erdbeben am Montagabend in dem Gebiet, ist aber auch nicht für die Überwachung der Ostsee-Region zuständig. Auch das nationale seismologische Netzwerk Schwedens und der Geologische Dienst Dänemark veröffentlichten keine Daten. Dies wäre bei einem tektonischen Erdbeben dieser Art zu erwarten. Menschengemachte seismische Ereignisse werden bei diesen Diensten aber in der Regel vor Veröffentlichung rausgefiltert.

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Ein (fehleranfälliger) Erdbebendienst, der ungeprüfte Daten veröffentlicht. Mehrere Erdbebendienste, die nichts veröffentlichen. Was in der Regel ein echtes Erdbeben weitestgehend ausschließen würde, lässt sich abschließend noch durch Betrachtung der seismologischer Daten überprüfen. Mehrere Stationen des Überwachungsnetzes in Schweden sind öffentlich, darunter die Station in Delary, rund 150 Kilometer vom vermeintlichen Epizentrum entfernt.

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Aufzeichnungen der Station Delary (DEL) des Schwedischen Nationalen Seismologischen Netzwerks (SNSN (1904): Ein oder möglicherweise zwei Ereignisse im Abstand von wenigen Sekunden wurden registriert. Welleneigenschaften deuten ein nicht tektonisches Ereignis an. Daten: Swedish National Seismic Network. Uppsala University, Uppsala, Sweden. Other/Seismic network. doi:10.18159/SNSN)

In diesen Aufzeichnungen ist ein schwaches Signal, rund 30 Sekunden nach der von Norsar ermittelten Herdzeit erkennbar. Dies entspricht in etwa der Zeit, die Erdbebenwellen für eine Strecke von 150 Kilometern brauchen. Die Aufzeichnungen bestätigen somit, dass zu der Zeit wohl auch in dem Bereich des lokalisierten Epizentrums etwas passiert ist. Ein Erdbeben ist dies allerdings nicht. Die Welleneigenschaften eines Erdbebens wären anders. Ein möglicher Ursprung könnte eine Explosion sein.

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Seismologische Station Delary registriert Ereignis – Mögliche Explosion?

Der erste Schaden an den Nord Stream – Pipelines wurde bereits vor diesem Ereignis entdeckt und ist damit keine direkte Folge dieses Ereignisses. Ob es sich möglicherweise um eine Explosion durch austretendes Gas oder, im Falle einer gezielten Sabotage, um die Ursache späterer Beschädigungen handelt, ist nicht klar. In diesem Kontext interessant ist ein schwächeres aber ähnliches Signal rund 17 Stunden früher, das an der gleichen Station registriert, aber von keinem Erdbebendienst lokalisiert wurde.

Daten: Swedish National Seismic Network. Uppsala University, Uppsala, Sweden. Other/Seismic network. doi:10.18159/SNSN)

Eine weitere Station, bei der beide Ereignisse schwächer und einige Sekunden später detektiert wurden, ist Vikbolandet südwestlich von Stockholm.

Fazit: Bei dem von Norsar registrierten Ereignis am Montagabend handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um ein Erdbeben. Eine Explosion als Ursache, ob gezielt herbeigeführt, durch einen Unfall oder durch ausströmendes Gas der bereits zuvor beschädigten Pipeline, ist denkbar. Die Lage des Epizentrums ist aufgrund der großen Ungenauigkeit jedenfalls nicht präzise zu nehmen. Ein mögliches zweites Ereignis ähnlichen Ursprungs ereignete sich 17 Stunden früher in ähnlichem Gebiet.

Ein Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen und den Schäden an den Pipelines kann zu diesem Zeitpunkt nur gemutmaßt werden. Was wir auf jeden Fall haben, ist ein räumliches und zeitliches Zusammentreffen eines wahrscheinlich nicht ganz so natürlichen Ereignisses und einem politisch brisanten, möglicherweise terroristischen Vorfalls.

2 Kommentare

  1. Die Frage ist, wer außer USA und Polen, hat Interesse an einer endgültigen Stilllegung der
    Ostsee Pipeline.
    Außerdem ist sehr merkwürdig, dass die Ukraine sofort Russland für die Lecks verantwortlich macht.
    Sehr merkwürdig!

Kommentare sind geschlossen.