Zeit im Unglück

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Sekunden reichen, um zu sterben. Wenige Sekunden, um ein Uhrwerk zu zerstören. Unvorbereitet. Ein Augenblick nur, ein Wimpernschlag und alle Uhren laufen rückwärts. Mit Lichtgeschwindigkeit. Wer ist schon darauf vorbereitet, zu sterben?
Was haben Menschen in den Sekunden zuvor gedacht? Hatten sie Hoffnung, der Hölle zu entkommen? Wussten sie, dass sie keine Chance haben? Hatten die Instinkte überhaupt die Zeit, die Lage zu begreifen?

Minuten später. Wo sind die Jahre geblieben. Die Uhr ist stehen geblieben. Der Zufall hat seine Entscheidung getroffen. Menschen leben, Menschen leben nicht mehr. Leben heißt Denken. Zum Denken muss man Realisieren. Doch ist das Leben real? Die Uhr läuft weiter, mit Lichtgeschwindigkeit.

Stunden später. Das Licht hat die Katastrophe in die Welt getragen. Den Schock in Bildern und Worten verarbeitet. Die Welt will zusammen halten. Zusammen hoffen. Sie kommen, um die geschehene Katastrophe zu verhindern, die Sekunden des Todes hinauszuzögern, Leben wiederherzustellen. Mensch schaut zu und realisiert: Die Uhr läuft weiter.

Tage später. Es wird real. Abschied wird genommen. Das neue Leben muss beginnen. Mit den Liebsten werden die Trümmer des Lebens zu Asche. Doch wo ist die Hoffnung? Die Welt ist noch da und sie hat Brot und Wasser eingekauft. Die Großen spielen eine goldene Zukunft vor. Die Kleinen suchen weiter den Phönix. Die Uhr läuft weiter.

Monate später. Schweiß und Tränen sind getrocknet, Mensch badet allein. Die Augen sind verschwunden, die Stimmen verhallt. Mensch blickt nach vorn und sieht das Leben, eine Zukunft. Der Schock steht auf, aber die Erinnerung bleibt sitzen. Der Hersteller verspricht zwei Jahre Garantie auf das neue Gerät. Die Uhr läuft noch.

Jahre später. Wo sind die Minuten geblieben. Alltag hat die Erinnerung überholt. Sein Schatten ist groß. Mensch denkt, Mensch lebt. Licht bewegt sich in einem homogenen Medium mit konstanter Geschwindigkeit. Gibt es Instinkte für die dielektrische Leitfähigkeit? Die Uhr zeigt kurz vor Mitternacht. Ein neuer Tag wird kommen.

Viele Jahre später. Menschen leben, Menschen sterben. Die Wellenlänge bleibt konstant, mit allen Hoch- und Tiefpunkten. Die Uhr ist stehengeblieben und wird ersetzt. Wie spät ist es nochmal?

Sekunden später. Unvorbereitet. Ein Augenblick nur, ein Wimpernschlag und die Uhr läuft rückwärts. Mit Lichtgeschwindigkeit.

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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