Hualien: Erdbebenschwarm mit Domino-Effekt?

Taiwan – Auf den Tag genau zwei Jahre nach dem katastrophalen Hochhauseinsturz in Tainan infolge eines Erdbebens traf es am Dienstag eine andere Taiwanesische Stadt – mit ähnlichen Auswirkungen. Doch dies könnte nur ein Vorgeschmack auf das sein, was noch kommt.

Schon seit drei Tagen erleben die Bewohner der Stadt Hualien an der Ostküste von Taiwan unruhige Stunden. Am Samstagabend hat die Erdbebenserie begonnen, ehe sie am Sonntagabend ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Das Erdbeben erreichte laut USGS Magnitude (Mw) 6,1. Die Behörden Taiwans sprechen von Lokalmagnitude (ML) 5,8 mit Nachbeben bis ML 5,5.
Es war ein typischer Schwarm, der sich überwiegend vor der Küste abgespielt hat, wenn auch nur in geringer Distanz (15 Kilometer). Rund 150 Vor-, Haupt-, und Nachbeben hat es bis Dienstagmittag gegeben. Auswertungen ergaben, dass es sich um Erdbeben entlang einer Überschiebung gehandelt hat. Möglicherweise dem südwestlichen Ende der Ryukyu-Subduktionszone, die von Taiwan bis Japan verläuft.
Die Lage von Epi- und Hypozentrum (16 Kilometer Tiefe), die bei den Beben des Schwarms sehr ähnlich waren, hat verhindert, dass es große Auswirkungen gegeben hat. Ebenso die Ausbreitung des Bruchs nach Osten und somit von der Küste weg.
Wie bereits bei einzelnen Vorbeben wurde beim Hauptbeben in Hualien Intensität 5 verzeichnet. Das entspricht auf europäischen Skalen Intensität VI. Was in den meisten Ländern zu Schäden führt, kann der meist erdbebensicheren Bauweise in Taiwan wenig anhaben. Entsprechend blieb es bei einzelnen Stromausfällen und einem umgestürzten Wassertank nahe Taipeh.

Wäre es dabei geblieben hätte folgende Meldung, die am Dienstagmorgen in Taiwanesischen Medien verbreitet wurde, wohl weniger Beachtung gefunden. Demnach hat ein Erdbebenforscher der National Central University die Befürchtung geäußert, dieser jüngste Erdbebenschwarm könne ein Zeichen sein, dass nun ein sogenannter Erdbebenzyklus in Taiwan beginnt.
Gemeint ist hiermit eine Phase hoher seismischer Aktivität, die mehrere Jahre andauern kann. Solche Phasen hat es in der Vergangenheit sowohl in Taiwan, als auch in anderen Ländern / Regionen immer wieder in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen gegeben.

In Taiwan hat es so eine Phase zuletzt rund um das Jahr 1920 gegeben. Damals mit einem Erdbeben der Stärke 8,3 in Hualien. Beben dieser Stärke seien auch in zukünftigen Zyklen zu erwarten.

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Die Äußerung war und ist umstritten und fand schnell Gegenstimmen.

Doch noch am selben Abend wandelte sich der öffentliche Gegenwind in Rückenwind, als ein neues Erdbeben Hualien getroffen hat. Mw 6,4, ML6,0 sagen die Auswertungen und damit geringfügig stärker als das Erdbeben am Sonntag. Unter normalen Umständen, die der vorherige Erdbebenschwarm geboten hat, hätte es auch in diesem Fall bei oberflächlichen Schäden bleiben müssen. Doch war es nun nicht mehr mutmaßlich die Subduktionszone, die dieses Beben hervorgebracht hat.

Luftbild von Taiwan mit Erdbeben (EMSC, Rote Kreise) und Longitudinaltal (Rote Linie)

Schaut man sich die Topographie von Taiwan an und vor allem die Lage von Hualien, gibt es ein signifikantes Objekt, das schnell ins Auge fällt und für die seismische Gefährdung Taiwans von besonderer Bedeutung ist: Das Longitudinaltal an der Ostküste (mit Hualien am nördlichen Ende gelegen).
Nicht nur in Taiwan sind Longitudinaltäler parallel zu Gebirgsketten ein fast untrügliches Zeichen, dass sich hier eine geologische Störung verbirgt. Je breiter das Tal, umso größer die Störung. Im Falle des Taiwanesischen Longitudinaltals handelt es sich um die aktivste Störung des Landes mit einer Bewegungsrate von 1 cm / Jahr. Der Bewegungssinn umfasst neben strike-slip auch eine Überschiebungskomponente.

Genau diese Störung ist es, bzw. der nördlichste Ausläufer (Milun-Störung), der Hualien das destruktive Erdbeben am 6. Februar gebracht hat. Da die Störung genau unter der Stadt liegt, fällt die schützende Distanz weg. Ebenso die Herdtiefe, da die Störung hier näher an der Oberfläche verläuft. Zudem lag der Nukleationspunkt nördlich der Stadt, sodass sich der Bruch genau auf Hualien zu bewegt hat.
Aus Intensität 5 mach Intensität 7 (Höchstwert). Aus Intensität VI mach Intensität IX. Zu viel für sieben Hochhäuser, die bei dem Erdbeben teilweise eingestürzt sind.
Wie genau der Bruch abgelaufen ist, ist zur Zeit noch offen. Ein sehr geringer (39%) double-couple Anteil (heißt: asymmetrische Verschiebungen bzw. große volumetrische Änderungen) deutet auf sehr komplexes Verhalten hin.

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Stand Mittwoch, 11 Uhr (MEZ) sind sieben Todesopfer geborgen. Es gibt rund 250 Verletzte und noch immer werden dutzende Menschen im Inneren der Gebäude vermisst. Die gute Nachricht: Da nur die unteren Stockwerke der Gebäude eingestürzt sind, konnten hunderte Menschen gerettet werden.

Beim Erdbeben in Tainan 2016 war es Baupfusch, der zum Einsturz der Gebäude und den 117 Todesopfern geführt hat. Was in Hualien am Ende entscheidend war, werden weitere Untersuchungen zeigen. Zu berücksichtigen ist, dass Taiwan nach dem verheerenden Chi-Chi Erdbeben 1999 (M7.7) zwar landesweit die höchsten Baurichtlinien zur Erdbebensicherheit eingeführt hat, aber noch immer viele ältere Bauwerke existieren, die nicht von Grund auf so konstruiert wurden. Ebenso ist es möglich, dass Sekundäreffekte wie Bodenverflüssigung die Stabilität des Bauwerks beeinträchtigt haben.

Was jetzt gilt ist die Rettung der noch Vermissten, denn starke Nachbeben könnten den angeschlagenen Bauwerken den Todesstoß versetzen. Ob es denn bei Nachbeben bleibt, oder sich möglicherweise mehr anbahnt, ist eine andere Frage.

Die Prognose des Erdbebenforschers im Hinterkopf fürchten viele Bewohner nun, dass das gefürchtete große Beben kommt und Hualien verwüstet (sieben eingestürzte Gebäude sind bei Intensität VIII bis IX immer noch eine äußerst positive Quote, trotz der Todesopfer). Ein Blick in die Zukunft bleibt trotzdem verwehrt. Sicher ist nur, dass das Erdbeben am Dienstag nicht zum vorangegangenen Schwarm zu zählen ist, sondern von diesem getriggert wurde. Sicher ist ebenfalls, dass nur der nördlichste Abschnitt der Longitudinal-Störung zu diesem Beben geführt hat. Ein viel größerer wartet noch auf sein nächstes Erdbeben. Die Ereignisse von Dienstag dürften diese Wartezeit verkürzt haben. Aber um wie viel?

Haben Sie dieses Erdbeben gespürt? Falls ja, teilen Sie uns dies bitte über das verlinkte Meldeformular oder per Kommentar mit. Ihre Meldung hilft uns dabei, unsere Berichterstattung und die Auswertung von Erdbeben zu verbessern. Vielen Dank.

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Allgemeine Informationen zu diesem Erdbeben:

Uhrzeit (Mitteleuropäische Zeit): 6. Februar, 16:50 Uhr

Magnitude: 6,4

Tiefe: 11 km

Spürbar: ja

Haben Sie dieses Erdbeben gespürt?

Schäden erwartet: ja

Opfer erwartet: ja

Ursprung: tektonisch (getriggert)

Tsunami-Gefahr: nein

Epizentrum:

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In Regionen wie diesen kann es immer wieder zu schweren Erdbeben kommen. Nicht nur sichere Bauweise kann bei solchen Ereignissen Menschenleben retten, sondern auch richtige Verhaltensweisen. Daher empfehlen wir allen, die eine Reise in eine erdbebengefährdete Region planen, sich zuvor mit den richtigen Verhaltensweisen bei schweren Erdbeben auseinanderzusetzen.
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Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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