Kommentar: Die Katastrophe nach den Fracking-Erdbeben

Stell dir vor, du schreibst einen Text über fracking-induzierte Erdbeben in England. Ein Text, der erklären soll, was es mit diesen Erdbeben auf sich hat, warum diese eigentlich ganz normal sind und was dagegen getan wird, dass für Anwohner irgendeine Gefahr besteht. Ein Text also, der dem Hydraulic Fracturing als Auslöser sehr neutral gegenüber steht, fast schon positiv.
Du hast diesen Text auf Facebook gepostet und wunderst dich, warum er haufenweise von Fracking-Gegnern geteilt wird, die sich, entgegen der Aussagen im Text, mit wütenden Emojis über Fracking echauffieren.
Ein Kommentar.

Wenn du diesen Link auf Facebook gesehen hast und bis hierhin gelesen hast, kann ich dir schonmal sagen: Herzlichen Glückwunsch, du bist besser als die meisten Social Media Nutzer! Und nein, in diesem Text möchte ich nicht erklären, warum Fracking uns alle töten wird. Ich möchte dir zeigen, warum manche deiner Social-Media-Freunde vielleicht ein großes Problem haben, warum die menschlichen Reaktionen in Sozialen Netzwerken die eigentlichen Katastrophen sind, ein Spiegelbild für die Missstände der Cyber-Gesellschaft.

So wie in der Einleitung geschrieben geschah es am Samstagmittag. Ich teilte diesen Text auf Facebook mit dem limitierten Kommentar, dass Fracking in England erneut zu Erdbeben geführt hat, in der Hoffnung, dass die Leute ein bisschen mehr über diese Beben in Erfahrung bringen möchten und auf den Link klicken. Das sah dann so aus:

Facebook-Beitrag zum Artikel: Blackpool: Neue Fracking-Erdbeben – Ein Test für das Ampelsystem

Versuchtes Clickbaiting, das irgendwie nicht funktioniert hat. Zumindest nicht auf die Art, die ich erhofft hatte. Zwar haben überdurchschnittlich viele Benutzer auf den Link reagiert und ihn auch geteilt – bis 16:30 Uhr waren es 135 Reaktionen, davon 36 Shares – aber nur ein recht kleiner Teil von ihnen, 44 Personen, haben auf den Link geklickt. Wie viele davon tatsächlich den gesamten Text gelesen haben, ist eine andere Frage.
Das heißt, allein von den Nutzern, die bis 16:30 Uhr auf den Link reagierten, haben mindestens 50 den Text nicht gelesen und damit keine Ahnung gehabt, was sie dort überhaupt bewertet haben. Vermutlich der Grund, warum sie ihn überhaupt reagiert haben. Die Kommentare dazu ließen jedenfalls nicht den Verdacht aufkommen, die Nutzer seien an einer neutralen Information zum Thema Fracking interessiert. Stattdessen ging es ihnen nur um Wut, Hass und Verachtung gegenüber der Technologie – ob begründet oder unbegründet sei erstmal dahingestellt.

Anzahl der Reaktionen auf den Facebook-Beitrag, Stand: 16:30 Uhr. Daten: Facebook

Wenn also so viele Nutzer, und darunter sind auch einige „Aktivisten“ der Anti-Fracking-Bewegung, einen Text verbreiten ohne diesen gelesen oder gar verstanden zu haben, nur weil im Teaser die Worte „Fracking“ und „Erdbeben“ vorkommen, stellen sich natürlich einige Fragen:

  • Wie viele vermeintliche „Fakten“ werden von solchen und anderen Aktivisten ungeprüft verbreitet, weil die Information auf dem ersten Blick mit dem eigenen Weltbild („Fracking = böse“) übereinzustimmen scheint?
  • Wie bilden sich dutzende neutrale Nutzer, die fast ausschließlich negativ reagieren, eine Meinung über ein komplexes Thema, wenn alles, was sie bisher in Erfahrung gebracht haben, einer gezielten Informationsreduktion (Clickbait) entstammt?
  • Wieso gibt es noch Menschen in Deutschland, die sich über die Zunahme von Fake News und rechtspopulistischer Propaganda im Internet wundern, wenn selbst seriöse Inhalte durch mutwillige Missinterpretation zum Zwecke politischer Manipulation verbreitet werden?

Und schlussendlich:

  • Wie kann es sein, dass der Drang zur Selbstdarstellung („Schaut mal, Facebook-Freunde, was ICH gefunden habe!“) bei manchen Menschen so übertrieben ausgeprägt ist, dass selbst Faktenfragmente (Clickbait) gedankenloses Teilen rechtfertigen?

Gut, wer die Seite länger kennt, mag vielleicht wissen, dass das Risiko überschaubar ist und zum Beispiel keine pornographischen Inhalte drohen. Dennoch haben Menschen, die diesen Artikel mit der Intention, negative Fakten über Fracking zu verbreiten, geteilt haben, diesmal ins Klo gegriffen.

Du magst dich fragen, warum ich mich darüber aufrege. Schließlich wurde der Beitrag oft geteilt und entsprechend eine hohe Reichweite erzieht. Doch tatsächlich geht es mir mit dieser Webseite und zugehörigen Social Media Accounts nicht nur darum, meinen Drang nach Selbstdarstellung zu befriedigen. Der Drang, Fakten korrekt darzustellen, Menschen zu informieren und damit vielleicht ein bisschen zu helfen, ist genauso vorhanden. Leider ist dieses Ziel dank der oben genannten Reaktionen nicht erfüllt worden. Außerdem, gaaaaanz uneigennützig: Webseitenaufrufe bedeuten Werbeeinnahmen 😛

Daher habe ich mich zu diesem Experiment entschlossen: Diesen Kommentar hier, den du gerade bis Wort 666 gelesen hast, geschrieben, mit einer noch klickhaschenden, frackingverteufelnden Überschrift versehen und einem entsprechenden Teaser bei Facebook und Twitter geteilt. Und ja, dass Menschen auf diese Art mit Informationen umgehen, finde ich katastrophal, daher ist die Überschrift nicht mal gelogen.
Solltest du diesen Kommentar in irgendeiner Weise mögen und teilen wollen, tue dies bitte mit den Worten „Gelesen bis Wort 666“ um mir und anderen zu zeigen, dass du nicht zur oben genannten Sorte Facebook-Nutzer gehörst. Außerdem like bitte mit „Daumen hoch“ und nicht mit dem wütenden oder traurigen Emoji, auch wenn sich das auf die besprochenen menschlichen Reaktionen beziehen sollte. Alle Nutzer, die wütend reagieren, mit Worten wie „Scheiß Fracking“ oder ähnlichem teilen, stellen sich hiermit als Nutzer bloß, die nur aus selbstdarstellerischen Zwecken teilen und nicht, weil sie Fakten verbreiten möchten, oder sich gar die Mühe gemacht haben, einen Text zu lesen. Um diesen Nutzern die „Freude“ nicht zu verderben, lasst bitte keine Hinweise auf die eigentliche Intention in den Facebook-Kommentaren verlauten. Wenn ihr dennoch kommentieren wollt, ergänzt auch dort bitte ein „Daumen hoch“ (y). Oder Daumen runter, falls ihr meine Aktion genauso scheiße findet wie (andere) Fracking. Vielen Dank!
Ach ja, und um zu zeigen, dass es mir bei dieser Aktion definitiv nicht um Werbeeinnahmen geht, sind Werbeanzeigen auf diese Seite deaktiviert 😉 .

Symbolbild oben: Bohrung Goldenstedt Z23, wo Fracking folgenlos (ohne spürbare Erdbeben) durchgeführt worden ist. Foto: Markus Stahmann / erdoel-erdgas-deutschland.de

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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.

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