Die deutsche Katastrophen-Arroganz

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Hunderte Tote täglich, zehntausende Neuinfektionen und ein Gesundheitssystem, das zunehmend Risse bekommt. Deutschland darf Weihnachten zuhause verbringen, tausende Rentner leider nicht mehr. Obwohl viele Menschen sich fragen, wie es hierzulande nach der überstandenen Welle im Frühjahr so schlimm kommen konnte, sieht man im Umgang mit der Pandemie viele Parallelen zum Umgang mit anderen Naturkatastrophen. So wie auch Erdbeben, ein aktiver Vulkan oder die jährlichen Winterstürme: Covid-19 wird befeuert durch die deutsche Katastrophen-Arroganz. Ein Kommentar.

Um direkt die Eingangsfrage aufzugreifen, die sich viele Menschen stellen: Wie kann ein Land, das in der ersten Pandemiewelle hervorragend reagiert hat, in der zweiten Welle derart versagen?

Ein Land, das in seiner Geschichte mehr Kriegstote als Katastrophenopfer zu beklagen hatte.

Ein Land, wo 95% der Bewohner Katastrophen nur aus dem Abendprogramm von RTL kennen.

Ein Land, in dem Erdbeben und Vulkane kaum mehr als eine Seite im Geographie-Schulbuch füllen.

Ein Land, in dem es kaum allgemeine Katastrophenübungen gibt.

Ein Land, das sich für Sirenentests rechtfertigen muss.

Ein Land, in dem Gefahrenanalysen als Panikmache verlacht werden.

Ein Land, in dem kein Erdbebendienst 24/7 arbeitet.

Ein Land, in dem Menschen Erdbeben für Befreiungsaktionen von misshandelten Kindern halten.

Ein Land, das trotz eines aktiven Vulkans kein Vulkanobservatorium hat.

Ein Land, in dem Medien offizielle Warnungen erfinden dürfen.

Ein Land, in dem Medien Wetterberichte massiv dramatisieren.

Link: https://weather.com/de-DE/wetter/deutschland/news/2020-02-06-monster-orkan-sabine-wird-lebensgefahrlich-160-kmh-orkanboen

Ein Land, in dem Vorhersagen des Wetterdienstes falsch oder garnicht weitergetragen werden.

Ein Land, dessen Bewohner Unwetterwarnungen ignorieren.

Ein Land, wo Opfer vom Unwetter „überrascht“ wurden.

Ein Land, dessen Bewohner eigene Erfahrung über Expertisen setzen.

Ein Land, in dem subjektive Empfindungen die Meinungshoheit über Fakten haben.

Ein Land, in dessen Sprache es verharmlosende Synonyme für „Tornado“ gibt. 

Ein Land, in dem normale Menschen für Youtube-Klicks in eine „Windhose“ fahren.

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Ein Land, in dem jährlich tausende Menschen durch Hitzewellen sterben.

Ein Land, das Hitzewellen als „Super-Sommer“ feiert.

Link: https://www.rtl.de/cms/super-sommer-finale-die-hitze-hoert-nicht-auf-4390587.html

Ein Land, das sein Recht auf Luxus über die Gesundheit anderer stellt.

Ein Land, in dem wirkungslose „Heilmittel“ teuer verkauft werden dürfen.

Ein Land, in dem wirkungslose „Heilmittel“ vom Staat gefördert werden.

Ein Land, in dem gesundheitsschädlicher Luxus vom Staat gefördert wird.

Ein Land, in dem jeder Katastrophenprävention behindern darf.

Ein Land, in dem dem Rettungsdienst Ruhestörung vorgeworfen wird.

Nachfolgendes Schreiben erreicht uns am heutigen Morgen.

Da der Verfasser bedauerlicher Weise, und natürlich rein…

Gepostet von Rettungswache Rommerskirchen – DRK am Donnerstag, 4. Juli 2019

Ein Land, dem ein kollektives Amen wichtiger ist als kollektives Atmen.

Ein Land, dem kollektive Gesundheitsschädigung wichtiger ist als kollektives Atmen.

Ein Land, in dem Experten für ihre Expertisen Morddrohungen erhalten.

Ein Land, das es witzig findet, „83 Millionen Virologen“ zu haben.

Ein Land, in dem jeder für die Überschätzung seiner Kompetenz gefeiert wird, dabei auf seine unendliche Freiheit pocht, einen Scheiß auf die Freiheit anderer gibt, sich nicht vorschreiben lassen will, auf dumme Sachen zu verzichten und sich unterdrückt fühlt, sobald er eine Maske tragen muss und deswegen trotzig wie ein scheidender US-Präsident reagiert und sich absichtlich noch dümmer verhält.

 

Relativierungen und Verharmlosungen von Katastrophen und Naturgefahren sind in Deutschland weit verbreitet. Vor allem bei vielen Anwohnern, aber auch in der Politik. Eine Volkskrankheit, die wegen ihrer zumindest teilweise gerechtfertigten Präsenz, dem tatsächlich relativ seltenen Auftreten von Katastrophen, bisher größtenteils harmlos blieb, sich dank des Internets aber schneller verbreiten konnte. Nun kam mit dem Coronavirus eine bisher unbekannte Katastrophe und alle zuvor bekannten Symptome tauchten wieder auf. Doch diesmal schien dies fatal gewesen zu sein, wie die jüngsten Statistiken zeigten. Viele Menschen in Deutschland sollten diese Gesundheitskatastrophe als Anlass nehmen, ihr Selbstverständnis von Sicherheit und Grundrechten überdenken. Auch wenn kaum eine andere Naturkatastrophe ähnlich verheerend sein kann, ausgeschlossen ist sie nicht. Das Unerwartete sollte 2020 in den Köpfen hängen bleiben.

Ein Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Skapski,
    das ist sind einige interessante Beobachtungen und Gedanken, welche Sie hier wiedergeben. Meiner Meinung nach ließe sich das möglicherweise unter dem Stichwort einer, sich immer weiter verbreitenden, Naturfremdheit subsummieren. Damit meine ich, dass zumindest die meisten Mitteleuropäer Natur immer häufiger nur touristisch oder medial inszeniert erleben wollen. Natur wird dabei oftmals nur noch als eine Art von Wellness- oder Sportpark genutzt und wahrgenommen.
    Man ist dabei nicht mehr gewillt das, auch der scheinbar idyllisch vor sich dümpelnden Natur innewohnende Gefahrenpotential zu realisieren sondern verlässt sich einhundertprozentig etwa auf Wetterberichte und darauf, dass die Wanderwege doch DAV-TÜV-oder-sonstwas-gesichert-und-überprüft sind. Wenn dann doch etwas schief gehen sollte, dann meint man dies oft durch noch einen weiteren Sicherheitsstandart oder notfalls eben eine Totalsperrung auch noch beherrschen zu können.

    Oder aber, wenn die Natur einmal gar nicht richtig mitspielt, verfällt die Öffentlichkeit wiederum schnell in den Katastrophenmodus. Dieser ist aber auch keine angemessene Haltung, denn die „Katastrophe“ suggeriert wiederum völlige Machtlosigkeit. Der Gedanke an eine solche ist von daher aber auch nicht geeignet in Erwartung derselben, vorher rational zu entscheiden und etwa Vorsorge zu treffen.
    Ernstzunehmende Naturgefahren kommen in der Wahrnehmung einer berechenbaren und gänzlich den eigenen Wünschen nach gestaltbaren Natur also entweder gar nicht vor und wenn doch, dann nur noch als überwältigendes Großereignis, dem sowieso in keinster Weise mehr beizukommen wäre.
    Und so verweigert man, teilweise eben auch aus gedanklicher Bequemlichkeit, sich einmal Gedanken zu so etwas wie beispielsweise einem stärkeren Schadensbeben in Mitteleuropa zu machen.

    Die Coronapandemie ist sicher ein gutes Beispiel für ein, nun einmal nicht menschenfreundlich gesonnenes, Naturphänomen. Die Reaktionen darauf sind manchmal schon erstaunlich, wenn manche Zeitgenossen geradezu beleidigt reagieren und mit kindlichen Slogans wie „Ich will mein Leben zurück!“ daher kommen. Von einer iranischen oder türkischen Familie, der durch eine Erdbeben gerade das Haus zusammengefallen ist, dürfte man diesen Tonfall wahrscheinlich nicht zu hören bekommen.

    Der Umgang mit unwahrscheinlichen, aber sehr wirkmächtigen Ereignissen ist einerseits schwierig, sollte aber dennoch ins Auge gefasst werden. Ich bin ehrlich gesagt, auch ein wenig erstaunt zu lesen, dass hierzulande Erdbeben nicht einmal rund um die Uhr überwacht werden. Wenn eine durchgehende Überwachung stattfindet, dann demnach wahrscheinlich nur temporär, so wie endlich bei uns im Südwesten im Zusammenhang mit den Beben auf der Zollernalb.
    Auch so etwas wie die Aktivitäten SW vom Laacher See schienen einer systematischen Observation wohl würdig. Aber wie vermittelt man einer Öffentlichkeit, dass in nächster Zeit höchstwahrscheinlich nichts passieren würde, es sich aber trotzdem lohnen dürfte genauer hin zu schauen? – Ein wirkliches Dilemma in unseren, immer mehr nur auf Kurzfristigkeit hin ausgerichteten Zeiten.

    PS: Danke auch für Ihre kommentierte Erdbebenseite, auf die ich immer wieder gerne einen Blick werfe.

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