Automatisierungen und das Problem mit Social Media

Es ist Samstag, 9 Uhr morgens und ich bin bereits seit fünf Stunden wach. Die Temperatur in meiner Dachgeschoss-Wohnung kratzt an der 30° Marke und die Placebowirkung von drei Tassen koffeinfreiem Eiskaffee (ohne Zucker) lässt so langsam nach. Immerhin: Die Erdbebenaktivität macht es momentan nicht notwendig, sich länger mit ihr zu beschäftigen. Da es die Bedingungen aber auch nicht zulassen, irgendwelche Programme zu schreiben (mein Computer hat bereits bei der normalen Nutzung der vergangenen Tage eine bedenkliche Temperatur erreicht), möchte ich die noch kühlen 28,9° nutzen, um mit euch über die Themen sprechen, die mich in den letzten zwei Wochen beschäftigt haben: Automatisierte Inhalte und Social Media. Ein Kommentar (und ein kleines bisschen Eigenwerbung).

Einschub: Weil erfahrungsgemäß nur ~10% aller Leser mehr als drei Absätze lesen, hier direkt zu Beginn: Erdbebennews hat neue Social Media Kanäle. Die Links dazu findet ihr hier, Beweggründe ab Absatz vier.

Vielleicht haben die regelmäßigen Leser dieser Seite es schon gesehen: Die Beiträge auf Erdbebennews haben seit einigen Tagen eine neue Struktur sowie zusätzliche Inhalte. Dies betrifft zum Einen die normalen Erdbeben-Beiträge: Neben der interaktiven ShakeMap, ein paar Worten zum Geschehen und den üblichen Erdbebendaten gibt es jetzt ein paar Statistiken zur aktuellen Erdbebenaktivität sowie einen Bezug zur historischen Aktivität. Weitere Ideen warten auf Umsetzung. Zum Anderen aber auch unsere Erdbeben in Deutschland Seite mit zusätzlichen Inhalten. Der große Vorteil neben optischen und inhaltlichen Aspekten ist die Zeitersparnis, da Veröffentlichung und Aktualisierung nun größtenteils Teilautomatisiert erfolgen. Zeitersparnis und Schnelligkeit sind das Eine, aber Fehleranfälligkeit das Andere. Daher ist die Frage: Wie weit darf Automatisierung bei Erdbebenmeldungen gehen und wie weit sollte diese an ein professionelles Umfeld gekoppelt sein?

Erdbebendienste machen es vor: Fast alle besitzen eine wissenschaftliche Software, die innerhalb von wenigen Minuten ein Erdbeben lokalisieren und auswerten kann. Je nach Erdbebendienst sind diese Auswertungen mehr oder weniger präzise und fehleranfällig. Einige entscheiden sich trotz der Fehleranfälligkeit, automatische Daten zu veröffentlichen. Andere warten, bis ein Seismologe die Daten überprüft hat. Die vorzeitige Veröffentlichung ist oft sinnvoll: Nach einem signifikanten Erdbeben ist der Wunsch nach Informationen groß und Erdbebendienste sind in der Bringschuld, diese Nachfrage möglichst schnell zu decken. Eine manuelle Auswertung ist jedoch etwas zeitintensiver. So bieten automatische Registrierungen eine gute Übergangslösung mit dem meist deutlichen Vermerk, dass die Daten ungeprüft sind und korrigiert werden können. So weit so sinnvoll. Problematisch wird es jedoch, wenn diese automatischen Daten ungeprüft von Bots abgegriffen und ohne Chance auf Korrektur weiter verarbeitet werden. Dies mag bei Erdbebendiensten mit guten Autodetektionen unproblematisch sein, führt oft aber zu Falschmeldungen.

Unprofessionelle Drittanbieter, die diese Daten ohne Überprüfung beziehen, verarbeiten und veröffentlichen, gibt es im Internet hunderte. Meist gibt es sie als App, Twitter-Bot oder Website, die nichts anderes tut, als Daten von Erdbebendiensten zu kopieren. Durch die Masse an Daten und die Präsenz in Sozialen Netzwerken gelangen sie oft an große Reichweite. Falschmeldungen, die von Erdbebendiensten normalerweise schnell gelöscht würden und nicht weiter auffielen, verbreiten sich so jedoch ziemlich schnell und können, mit dem „richtigen“ Framing versetzt, die falschen Botschaften vermitteln und, wenn sie unaufgeklärt bleiben, auch Nutzer massiv irritieren.
Für Erdbebennews heißt das: Eine weitere Automatisierung, hin zu mehr und schnellen Inhalten, ist mit einem Risiko verbunden und daher nicht sinnvoll. Unser Ziel war es nie, Erdbebendienste zu kopieren, sondern ergänzende Informationen zu liefern, wenn es sie gibt und wenn sie sinnvoll sind. Für alles andere gibt es die Erdbebendienste.

Viele dieser Erdbebendienste sind inzwischen auch mit professionellen Websites, Apps und Social Media Kanälen vertreten. Aktueller Vorreiter ist definitiv das EMSC, aber auch lokalere Erdbebendienste, vor allem im asiatischen Raum, machen inzwischen einen hervorragenden Job und lassen eigentlich auch keinen Raum für Kritik mehr. Die stärkere Präsenz auf Twitter und Co. ist zwar bei offiziellen Diensten eher noch die Ausnahme, sollte aber langfristig zur Regel werden. Denn durch die zunehmende Dichte an Falschmeldungen, Verschwörungsmythen und Gerüchten, die durch das Netz geistern, gibt es eine fortschreitende Entfremdung von der Realität. Falsche Erdbebendaten sind da noch das Harmloseste: Überdramatisierungen, pseudowissenschaftliche Erklärungen und Behauptungen über geheime Militäroperationen, die von Wissenschaftlern als Erdbeben getarnt oder zensiert würden, sind leider extrem weit verbreitet, den Algorithmen der Plattformen und der Überpräsenz entsprechender Anhängerschaften sei dank.

Manche Erdbebendienste sehen sich sogar inzwischen gezwungen, solche Social Media Gerüchte öffentlich zu dementieren – ein richtiger Schritt meiner Meinung nach. Doch viel zu oft bleiben, vor allem im deutschsprachigen Raum, Erdbebenfalschmeldungen ohne professionelle Wiederworte, auch weil das altbewährte Schema der Öffentlichkeitsarbeit durch Pressemitteilungen noch nicht überarbeitet wurde.

Auch wir auf Erdbebennews müssen uns immer wieder mit dem Thema auseinandersetzen, teils aus eigener Überzeugung heraus, aber auch, weil es irgendwann notwendig wird und man nicht mehr drum herum kommt. So war der Tag mit den meisten Seitenaufrufen auf Erdbebennews in den letzten Wochen war der Tag, als eine Falschmeldung die Runde machte, wonach ein angebliches Erdbeben in Berlin, Falschmeldung einer oben erwähnten Erdbebenapp, eine unterirdische Militäraktion sei. Dass diese Meldung eines Bebens in Berlin es sogar in die Google News schaffte, führte dann zu entsprechenden Suchen. Fake News verkaufen sich leider besser als Fakten.

Entwicklung der Seitenaufrufe von Erdbebennews in den letzten 30 Tagen.

Derartige Verschwörungsmythen sind leider überhaupt nicht selten und für Erdbebennews leider auch an anderen Tagen nicht weniger „lukrativ“. Es gibt inzwischen Telegram-Kanäle, die sich auf entsprechende „Behauptungen“ spezialisiert haben und gerne auf Erdbebennews als „Nicht-Mainstream-Quelle“ verweisen und das ganze mit ihren eigenen „Interpretationen“ schmücken. Das führt dazu, dass derartige Telegram-Kanäle inzwischen einen Großteil des Social Media Traffics von Erdbebennews ausmachen und wir leider bei manchen Personen inzwischen einen entsprechenden Ruf genießen…

Darum habe ich mich dazu entschlossen, die Social Media Präsenz ein wenig zu erweitern. Neben den bisherigen zwei Facebook-Seiten und dem Twitter-Account sind weitere Kanäle und Seiten auf Instagram, VK und Telegram eingerichtet. Neben der Aktivität, wie es sie bisher auf Facebook und Twitter gab, soll vermehrt auf Richtigstellung entsprechender Falschmeldungen gesetzt werden. Ihr könnt uns auf folgenden Kanälen folgen, aufgeteilt nach „Erdbebennews“ (allgemeine Meldungen) und „Erdbeben in Deutschland“ (nur Erdbeben in Deutschland):

Facebook „Erdbebennews“
Facebook „Erdbeben in Deutschland

Twitter „Erdbebennews“
Twitter „Erdbeben in Deutschland“

Instagram „Erdbebennews“
Instagram „Erdbeben in Deutschland“

VK „Erdbebennews“

Telegram „Erdbebennews“
Telegram „Erdbeben in Deutschland“

Soziale Netzwerke sind nützlich, aber im Falle von Falschmeldungen auch sehr gefährlich. Der zunehmend raue Umgangston und die fehlende Diskussionskultur sind zudem ein Grund, warum ich mich privat außer auf Twitter weitestgehend von Sozialen Netzwerken fern halte. Aber als Seitenbetreiber ist dies leider die beste Möglichkeit, die Personen zu erreichen, die man erreichen möchte und die Informationen weiterzugeben, die man weiter geben möchte und daher irgendwie essentiell. Wenn dabei noch die Option besteht, aktiv gegen Falschbehauptungen vorzugehen, die einen selbst betreffen, ist dies ein sinnvoller Schritt. Gleichzeitig haben wir mit den eingangs erwähnten neuen Website-Inhalten auch mehr Möglichkeiten, die jeweiligen Kanäle ihren plattformabhängigen Bedingungen entsprechend zu füllen. Darum hoffe ich, dass alle, die bis hierhin gelesen haben, auch bei 30° im Dachgeschoss einen kühlen Kopf behalten, wenn sie in Sozialen Netzwerken unterwegs sind.