Das Geheimnis der Erdbebenlichter: Was steckt dahinter?

ForsPeru, Mexiko oder jüngst auch in China: Das seltene Phänomen sogenannter Erdbebenlichter, also Lichterscheinungen am Himmel, die während oder kurz vor einem Erdbeben beobachtet werden können, ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Durch Überwachungskameras, Internet in Social Media werden entsprechende Beobachtungen in den letzten Jahren immer häufiger. Besonders in dicht besiedelten Gebieten wie Mexiko-Stadt, Lima oder auch in Teilen des Iran treten diese inzwischen fast schon regelmäßig auf und sorgen für entsprechende Schlagzeilen in lokalen und internationalen Medien. Während kaum Forschung auf diesem Feld stattfindet, wird durch die häufigere Beobachtung der Erklärungsbedarf immer größer – ein Nährboden für Gerüchte und Verschwörungsmythen. Dabei ist der Grund für die Lichter oft sehr naheliegend.

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Die wohl älteste dokumentierte Aufzeichnungen von Erdbebenlichtern stammt aus dem Jahr 869. Während des großen Sanriku-Erdbebens vor der Ostküste der japanischen Insel Honshu, einem Vorgänger des Tohoku-Erdbebens 2011, habe es entsprechende Himmelserscheinungen gegeben. Weitere historische Fälle gibt es aus China, Italien, später den USA und auch aus Deutschland. Alle Berichte eint die Beobachtung von Lichterscheinungen, die entweder am Himmel / Horizont oder direkt aus dem Boden heraus auftreten. Meist während eines Erdbebens beobachtet gibt es auch Einzelfälle von Lichtern unmittelbar vor einem Erdbeben. Zwar lassen sich, gerade bei historischen Quellen, entsprechende Berichte kaum überprüfen. Doch die recht große Anzahl der Beobachtungen spricht zunächst für einen realen Zusammenhang.

Mythos ohne Erklärung?

– Vermeintliche Erdbebenlichter beim M6.6 Erdbeben in China am 7. Januar 2022

Entsprechend gab es seit dem 19. Jahrhundert auch immer wieder Versuche, das Auftreten von Erdbebenlichtern zu erklären. Anders als bei Gewittern oder Polarlichtern gibt es bei Erdbeben keinen einheitlichen Faktor, der atmosphärische Lichteffekte zweifelsfrei erklären könnte. Elektrische Ströme und Ladungen innerhalb der Erdkruste durch die Verschiebungen oder vorherigen Spannungsaufbau sind Ansätze. Ebenso die Ionisierung von Gasen. Nur erklären diese Theorien keine Beobachtungen in größerer Entfernung zum Epizentrum.
Andere Forschungsarbeiten liefern eine Einschätzungen, wo Erdbebenlichter am ehesten auftreten können. Die geologischen (Quarzanteil in Gesteinen) und tektonischen (vertikale Störungen) Bedingungen seien demnach ausschlaggebend. Möglichkeiten der Überprüfung gibt es aber wegen der fehlenden Messbarkeit nicht. Schließlich weiß man vorher nicht, wo man was messen sollte. Zudem mangelt es an belastbaren Beobachtungen von Erdbebenlichtern.

Eine der wenigen Ausnahmen ist das L’Aquila-Erdbeben 2009. Dieses Erdbeben forderte mehr als 300 Menschenleben in der italienischen Region Abruzzen und ist bekannt dafür, dass im Vorfeld ungewöhnliche Phänomene von der Bevölkerung beobachtet wurden, darunter neben Erdbebenlichtern auch seltsames Tierverhalten, hydrologische Änderungen aber auch eine intensive Vorbebenserie. Die Beobachtungen der Erdbebenlichter sind in dieser Studie dokumentiert. Doch neben Zeugenaussagen gibt es keine belastbaren Daten, die Erdbebenlichter als solche zweifelsfrei nachweisen.

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Moderne Häufung der Erdbebenlichter

Auch wenn es zunächst wie ein Widerspruch erscheinen mag: Die vielen Sichtungen der letzten Jahre führen eher zu einer Verschlechterung der Datenlage. Denn für viele, wenn nicht alle der jüngeren Beobachtungen, gibt es einen anderen Grund: Strom.

Erdbebenlichter Explodierende Transformatoren in Mexiko-Stadt nach einem Erdbeben im September 2021

Oft kommt es, gerade in Ländern mit schwächerer Infrastruktur, zu Störungen in der Stromversorgung. Leitungen werden zerstört, Kurzschlüsse entstehen, Funken fliegen, „Blitze“ zucken und Transformatoren explodieren. Passiert dies alles bei Nacht unter einem wolkenbedeckten Himmel, haben wir künstliches Wetterleuchten, das gerne viele Kilometer weit zu sehen ist. Damit unter Umständen sogar, bevor die Erdbebenwellen den Betrachter erreichen. Die Erdbeben in Mexiko 2017 und 2021 sowie oft auch in Peru sind Beispiele für anfällige Stromleitungen – und leider auch Beispiele, wie der Begriff „Erdbebenlicht“ fälschlicherweise für diese Beobachtungen verwendet wird. Denn mit den Erdbebenlichtern aus historischen Aufzeichnungen hat das ganze nichts mehr zu tun, mit natürlichen Effekten auch nicht.

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So kann auch die Beobachtung aus China gestern auf eine Störung bei Stromleitungen zurückgeführt werden. Der entsprechende Stromausfall, von dem mehrere Tausend Nutzer betroffen waren, ist inzwischen behoben. Die Anfälligkeit der Stromleitungen beim nächsten Erdbeben vermutlich nicht. Auch in Mexiko-Stadt und Lima, regelmäßig Beobachtungsort vermeintlicher Erdbebenlichter, dürfen wir nach dem nächsten größeren nächtlichen Beben mit entsprechenden Aufnahmen und Medienberichten rechnen. Ob überhaupt eine der vielen Aufnahmen von vermeintlichen Erdbebenlichtern ein echtes zeigt, ist mehr als fragwürdig. Denn dort, wo es Kameras gibt, gibt es in der Regel auch Strom. Und Beobachtungen aus Ländern, in denen derartige Probleme mit der Stromversorgung bei Erdbeben nicht zu erwarten sind, gibt es nicht.

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Historische Berichte aus einer Zeit vor der Entdeckung der Elektrizität erklärt das natürlich nicht. Doch auch hier hegen viele Wissenschaftler Zweifel. Hauptargument: Nur zu einem verschwindend kleinen Anteil aller historisch überlieferten Erdbeben gibt es auch Überlieferungen von Erdbebenlichtern. Dass es sich bei diesem Anteil um die kleine Menge zufälliger zeitlicher Korrelation mit Wetterleuchten, Polarlichtern, Leuchtenden Nachtwolken oder irgendwelchen anderen meteorologischen oder astronomischen Phänomenen handelt, ist durchaus denkbar. Zudem fehlt es, wie zuvor erwähnt, noch an einer überprüfbaren wissenschaftlichen Erklärung möglicher Erdbebenlichter.

Auch der vermeintlich gut dokumentierte Fall von L’Aquila 2009 kann bei genauerer Betrachtung der Umstände keinen eindeutigen Nachweis erbringen. Die intensive Vorbebenserie führte in der Stadt zu großer Unruhe. Viele Menschen blieben aus Angst nächtelang wach und waren durch die ständige Furcht vor dem nächsten Beben hochsensibilisiert und gleichzeitig in ihrem Urteilsvermögen eingeschränkt. Vermeintliche Erdbebenlichter könnten durchaus normale und harmlose Phänomene gewesen sein, die die Beobachtenden in dem Moment einfach nicht zuordnen konnten. Ein ähnliches Beispiel ist oft beobachtetes seltsames Tierverhalten vor Erdbeben, das aber keiner statistischen Überprüfung standhält. Auch Halluzinationen sind in derartigen Ausnahmesituation nicht auszuschließen.

Langweilige Erklärung statt spektakulärer Erdbebenlichter?

Dass die Vorstellung von unerklärbaren Lichtern in einer sowieso schon gefährlichen Situation eine unheimliche Faszination auf Menschen ausübt, wissen auch viele Medien, die oft wider besseren Wissens oder mangels Recherche-Willens die vermeintlichen Meldungen von Erdbebenlichtern in die Welt hinaus tragen und dabei der realen, langweiligen Erklärung schuldig bleiben. So werden Erdbebenlichter zunehmend zu einem pseudowissenschaftlichen Phänomen, das Anhänger von Verschwörungsmythen mobilisiert und die Menge an Fake News exponentiell steigen lässt. Für seriöse Wissenschaft eine wenig reizvolle Zielgruppe. Gleichzeitig steigt das Risiko von Zeugen, reale Beobachtungen, die zunächst nicht erklärbar scheinen, mit falschen Dingen zu verknüpfen, weil man von diesen vermeintlichen Zusammenhängen zuletzt häufiger gelesen hat. Für zukünftige Arbeiten wird es somit immer anspruchsvoller, mögliche wenige echte Fälle von vielen falschen zu unterscheiden. Gerade weil es außer Zeugenaussagen keine Datengrundlage gibt und, wenn überhaupt, nur ein sehr kleiner Anteil aller Erdbeben überhaupt Erdbebenlichter erzeugen würde.

Ob Forscher Erdbebenlichter jemals zweifelsfrei nachweisen und vor allem auch erklären werden, bleibt offen. Es ist durchaus plausibel anzunehmen, dass Erdbebenlichter ein real existierendes Phänomen sind. Somit wird es hoffentlich auch weitere Forschungen daran geben, die vielleicht ein paar Fragen beantworten können. Stand jetzt wissen wir nur, dass es entsprechende nicht belegbare Beobachtungen aus historischer Zeit gibt und auch entsprechende Erklärungsansätze existieren. Videoaufnahmen und Zeugenaussagen aus neuerer Zeit, die eigentlich ein kaum widerlegbarer Beweis sein könnten, sind aber entweder durch Schäden am Stromnetz erklärbar oder aufgrund der Umstände wenig belastbar. Bleibt also nur zu hoffen, dass irgendwann die richtige Kamera im richtigen Winkel zur richtigen Zeit am richtigen Ort hängt. Und dass Mexiko-Stadt irgendwann eine erdbebensichere Stromversorgung hat.

Ein Kommentar

  1. Zitat:

    „Ein ähnliches Beispiel ist oft beobachtetes seltsames Tierverhalten vor Erdbeben, das aber keiner statistischen Überprüfung standhält.“

    Ich lebe seit Ende 2009 in den Abruzzen. Ich kann nur bestätigen, dass bei jedem Erdbeben, die Tiere Kurz vor jedem Erdbeben sich anderst verhalten. Unsere Hündin und die Nachbarshunde wurden inruhig und begangen an zu bellen.
    Ich finde es komisch, dass dies keiner statistischen Überprüfung standhält.

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