Erdbebenpropaganda in China: Lieber Steine als Tibeter

Panische Menschen. Mütter, die ihre Kinder beschützen. Eine Armee von Rettern vor zerstörten Gebäuden. Die Bilder, die China nach schweren Erdbeben an die Weltöffentlichkeit sendet, sind immer die gleichen. Inszenierungen, die die Stärke des Landes zeigen sollen, aber auch präzise Schadenszahlen, die die wahre Dramatik des Erdbebens quantifizieren. Doch manchmal gibt es Abweichungen im Sendeplan. So zeigte sich auch nach den jüngsten Erdbeben in Sichuan anfangs ein ähnlicher Ablauf. Doch während am 1. Juni über Staatsmedien schnell das Ausmaß der Zerstörung bekannt wurde, kamen eine Woche später mehr Fragezeichen als Antworten. Eine Analyse der chinesischen Erdbebenpropaganda.

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Hinweis: Bei einem Großteil der in diesem Artikel verlinkten externen Quellen handelt es sich um chinesische Staatsmedien und damit nicht um unabhängigen Journalismus.

Die Auswirkungen eines Erdbebens schnell und zeitnah bekanntzugeben, hat mehrere Vorteile. Neben der Organisation nationaler und internationaler Hilfe geht es auch um langfristige Katastrophenschutzplanung. China, ein Land mit einer langen Geschichte schwer Erdbeben, musste im Laufe der Zeit lernen, mit Katastrophen umzugehen. Heutzutage existiert mit dem chinesischen Katastrophenschutz eine Mechanik, die wie auf Knopfdruck funktioniert. Rettungskräfte sind binnen weniger Stunden vor Ort und protokollieren Gebäudeschäden, helfen Verletzten, errichten Notunterkünfte und sperren gefährdete Bereiche. Präzise und effiziente Arbeit, die der Welt in Form von Schadensstatistiken präsentiert wird.

245.101 beschädigte Gebäude in China seit 2019

Meistens. Denn dieses perfekte Abbild eines modernen, resilienten Landes dient vor allem dem Zweck der Selbstinszenierung. Während der Rest der Welt am Ende das trockene Ergebnis serviert bekommt, ist dies für Menschen in China nur der Abspann der Propagandasendung. Staatsmedien zeigen zuvor eine perfekt ausgerüstete Armee von Rettern. Menschen, die im Moment der Katastrophe ihren kranken Nachbarn helfen. Lehrer, die sich schützend über ihre Schüler beugen. Ihr eigenes Leben für die Gemeinschaft riskieren. Oder kurzum: Der Staat und die Bürger funktionieren. Ihr seid sicher. Wir kümmern uns. Gemeinsam. Doch sobald es um Menschen geht, die wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit kein Teil der Gemeinschaft sind, scheint sich dieser Sendeplan zu ändern.

Anfang Juni trafen zwei starke Erdbeben die Region Sichuan. Das erste mit Magnitude 6.1 am 1. Juni am Westrand des Sichuan-Beckens. Das zweite am 9. Juni mit M6.0 im äußersten Westen der Provinz. Der Unterschied zwischen beiden Erdbeben: Unerheblich. Der Unterschied zwischen den betroffenen Menschen: Han-Chinesen und Tibeter. Nicht zum ersten Mal beklagt die Medienorganisation Radio Free Asia (RFA), dass die chinesische Regierung Informationen über die Auswirkungen eines Erdbebens zurückhält und gleichzeitig auch die Rettungsmaßnahmen schlechter sind. Durch den direkten Vergleich zweier ähnlicher Erdbeben innerhalb von acht Tagen wird hier besonders deutlich, dass die Vorwürfe von RFA plausibel sind.

Schadenserdbeben in China seit 2019
Schadenserdbeben in China und Umgebung seit 2019 (Daten: Earthquake Impact Database). Besonders der Süden des Landes ist häufig von Erdbeben betroffen, die wegen der hohen Bevölkerungsdichte teils erhebliche Schäden verursachen.

Allein der Vergleich der offiziell gemeldeten Schadenszahlen zeigt Unterschiede. Beim ersten Erdbeben kamen vier Menschen ums Leben, 42 weitere wurden verletzt und rund 4600 Gebäude beschädigt. Zudem mussten 14.000 Menschen ihre Häuser verlassen.
Anders beim zweiten Erdbeben. Dort sprechen offizielle Berichte zwar von über 25.000 evakuierten Menschen und vier Verletzten, doch nur von rund 200 beschädigten Gebäuden.

Propagandainstrument Katastrophenschutz

Grundsätzlich vorab der Hinweis: Trotz ähnlicher Stärke des Erdbebens gibt es auch regionale Unterschiede, die die Abschätzung möglicher Verluste beeinflussen. Zum einen ist dies die Bevölkerungsdichte, die in der zuerst betroffenen Region deutlich höher ist. Zum anderen ist es die Erdbebensicherheit der Gebäude, wo ebenfalls die erste Region durch andere Erdbeben in jüngerer Vergangenheit höhere Standards hat. Zudem waren beim ersten Erdbeben viele Opfer die direkte Folge von Erdrutschen. Eine ähnliche Stärke heißt also nicht, dass ähnliche Schäden und Opferzahlen zu erwarten sind.

Aber unabhängig davon: 25.000 Evakuierte bei nur 200 beschädigten Gebäuden passt nicht zusammen, zumal rund 30% dieser Gebäude Scheunen (und damit keine Wohnhäuser) sein sollen. Dass Behörden die korrekten Schadenszahlen (bisher) nicht offiziell kommuniziert haben, scheint also sehr wahrscheinlich. Zumal einzelne Bilder in Staatsmedien durchaus zeigen, dass es zur Zerstörung von Gebäuden kam. Auch die offiziell mitgeteilte Maximalintensität von VIII in einigen Dörfern würde für größere Zerstörungen sprechen.

Auch bei der Berichterstattung selbst zeigten sich Unterschiede. Während beim ersten Sichuan-Erdbeben viele Bilder und Meldungen über das Soziale Netzwerk Weibo schnell einen ersten Einblick bekam, wie die Lage vor Ort ist, blieb es eine Woche später vor allem bei Propaganda-Bildern: Rettungskräfte, die in Reih und Glied für die Kamera posieren und auf ihren Einsatz warten, Notunterkünfte aufbauen oder zerstörte Gebäude durchsuchen. Bilder wie diese sind normal nach jedem Erdbeben und gehören zum Propagandaelement. Bilder, die vermitteln sollen, dass die Regierung jede Katastrophe beherrschen und Menschen beschützen kann.

Keine Hilfe für Tibeter?

Wie RFA kritisiert, sind viele Rettungskräfte nicht oder nur sehr langsam im Katastrophengebiet angekommen. Statt Bildern vor Erdbebenruinen gab es diesmal, bestenfalls, Bilder von Rettungskräften vor blockierten Straßen, vor Erdrutschen und Felsbrocken. Steine statt Menschen. Dazu mehrfach der Hinweis, dass zerstörte Straßen das Erreichen betroffener Dörfer erschweren. Bilder beschädigter Häuser gab es, vielleicht deshalb, nur wenige und nur solche ohne staatliche Uniformträger. Fokus der offiziellen Berichterstattung war die Zerstörung von Straßen und Stromleitungen. Andererseits wurde die Zahl der Evakuierten bereits acht Stunden (!) nach dem Erdbeben bekannt gegeben (und seitdem nicht mehr aktualisiert).

Auf der einen Seite also eine sehr schnelle, präzise und hohe Zahl an Evakuierten in Notunterkünften. Andererseits keine Bilder, die die Schadensaufnahme vor Ort durch Rettungskräfte zu diesem Zeitpunkt tatsächlich belegen und zugleich die Kritik, eine derartige Schadensaufnahme (oder Versorgung der Menschen) habe zumindest mancherorts nicht stattgefunden. Dazu der Bericht, dass die Hauptzufahrtsstraße zu einem betroffenen Ort erst am 11. Juni, zwei Tage nach dem Erdbeben, frei geräumt werden konnte und generell dramatische Schilderungen der Erdrutsch-Folgen. Eine Störung im Sendeplan?

Widersprüche in der Berichterstattung, die mindestens dafür sprechen, dass die Rettungsmaßnahmen diesmal nicht so funktioniert haben, wie es sich die Regierung gewünscht hätte. Die Versorgung der Opfern funktionierte nicht so, dass man damit Propaganda machen könnte. Auch die Schadenserhebung hat wegen versperrter Straßen möglicherweise lange gedauert, sodass man sich frühzeitig dazu entschieden hat, lieber Zahlen zu schätzen und es schließlich dabei zu belassen.
Die alternative Interpretation, dass eine bewusste Verschleierung der genauen Situation in einem überwiegend von Tibetern bewohnten Landkreis stattfindet, lässt sich weniger untermauern. Auffällig jedoch, dass bereits vor einem Jahr das gleiche passierte.

Lücken in der Schadensstatistik von China

Am 21. Mai 2021 traf ein Erdbeben der Stärke 7.4 einen Teil der Provinz Qinghai, der ebenfalls überwiegend von Tibetern bevölkert ist. Auch bei diesem Erdbeben kam es zu unvollständiger Meldung von Schäden und einer mutmaßlich deutlichen Unterschätzung der Schäden. Wenig später folgte auch hier ein Bericht von RFA, der von verschleierten Opferzahlen und mangelnder Hilfe sprach.

Nicht nur Tibetische Landkreise sind von diesen auffälligen Datenlücken betroffen. In der Vergangenheit kam es auch in der Provinz Xinjiang, in der überwiegend Uiguren leben, zu Erdbeben, bei denen Medien wider erwarten wenig oder kaum Verluste meldeten. Bekanntestes Beispiel das Hotan-Erdbeben 2014, bei dem nach offiziellen Angaben zwar mehr als 33.000 Gebäude beschädigt, aber keine Menschen verletzt wurden.

Chinesische Staatsmedien sind im Bezug auf Erdbebenschäden im eigenen Land die zuverlässigste und schnellste Datenquelle der Welt. Meistens. Zwar hat China in den vergangenen Jahren nur dank der ausführlichen Berichterstattung eine der längsten und detailliertesten Listen von Schadenserdbeben der Welt. Doch zeigen jüngste Beispiele, dass die Realität noch immer nicht korrekt abgebildet ist. Manchmal fehlen Daten, manchmal gibt es Daten, die unrealistisch erscheinen.

In allen Fällen bleibt es unklar, was verschleiert werden soll: Eigene Mängel durch (unerwartete) Probleme, oder die reale Situation in von Minderheiten bewohnten Gebieten. So oder so: Es wird verhindert, dass Bilder gezeigt werden, die von der Regierung nicht erwünscht sind. Seien es Störungen im Betriebsablauf oder das Vermeiden ungewollter politischer Botschaften. Je weniger man sieht, umso geringer das Risiko. Für die Sicherheit der Gemeinschaft.