Rückblick: Winterquartal 2018

Selten war die Dichte der Anfragen, ob es zuletzt vermehrt Erdbeben gegeben hat, so hoch wie in den vergangenen Monaten. Möglicherweise wegen der medial aufbereiteten Aussage einiger US-Forscher, ab 2018 sei aufgrund der Erdrotation möglicherweise mit einer leichten Zunahme großer Erdbeben zu rechnen (Im Boulevard-Jargon heißt das „Forscher sicher: Weltweit katastrophale Erdbeben 2018“ oder ähnlicher Schwachsinn). Einen anderen Grund für die Häufung der Anfragen ist zumindest anhand der Statistiken des ersten Quartals nicht auszumachen. Auf jeden Fall ein Grund für mich, hier nochmal auf die letzten drei Monate einzugehen und mit den Vorjahren zu vergleichen.

Zahlen und Fakten
Im Folgenden werden Daten von Geofon verwendet. Nachbeben finden sich in der Statistik ebenso wie Erdbebenschwärme und induzierte Erdbeben.

Anzahl der Erdbeben ab der jeweiligen Magnitude von Januar bis März des jeweiligen Jahres. Durchschnittswerte (Zahl der Beben pro Tag) in Klammern.

2018201720162008
Magnitude 5302 (3,35)300 (3,33)275 (3,02)408 (4,48)
Magnitude 628 (0,31)16 (0,18)27 (0,30)43 (0,47)
Magnitude 75 (0,06)2 (0,02)3 (0,03)7 (0,08)
Magnitude 80 (0)0 (0)0 (0)0 (0)
Stärkstes Beben7,97,87,77,4

Verglichen sind hier das aktuelle Jahr mit den beiden Vorjahren und dem Jahr 2008. Eine Auswahl, die die Spannweite dessen zeigt, was möglich ist (wobei die ausgewählten Jahre bei weitem keine Extremwerte darstellen!). Bei Erdbeben mit Magnitude 5 zeigen sich in diesem Jahr kaum Unterschiede zum Vorjahr. Rund 300 Beben, was ungefähr Durchschnitt ist.
Bei höheren Magnituden, 6 und 7, zeigt sich ein deutlicher Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings muss man in diesem Fall berücksichtigen, dass 2017 das Jahr mit den wenigsten starken Erdbeben seit Jahrzehnten war. Vergleicht man mit 2008, was wiederum ein sehr aktives Jahr gewesen ist, fällt 2018 eher mäßig aktiv aus. Einzig die fünf Erdbeben über Magnitude 7 sind leicht über der langjährigen Statistik und der durchschnittlichen Gutenberg-Richter Relation, aber auch hier noch deutlich unter den Werten von 2008.

Zusammengefasst: 2018 war, was die Erdbebenanzahl betrifft, bislang ein durchschnittliches Jahr. Wie in jedem Zeitraum gab es Phasen mit sehr niedriger Aktivität (jahresübergreifend Dezember und Januar sowie Mitte März mit mehreren Wochen ohne Magnitude 6) und höherer (Drei Erdbeben über Magnitude 7 im Januar).

Erdbebenopfer und -schäden

Vergleicht man die Anzahl der Erdbebenschäden und Erdbebenopfer im vergangenen Quartal mit dem ersten Quartal des Vorjahres, wird in der Summe ein deutlicher Anstieg sichtbar. Jedoch ist dieser Sprung größtenteils auf die Erdbebenkatastrophe in Papua-Neuguinea zurückzuführen (bzw. auf das Fehlen einer vergleichbaren Erdbebenkatastrophe im ersten Quartal des Vorjahres).
Zum Vergleich wird hier der Impakt-Wert herangezogen, der Erdbebenschäden und -opfer mit einem einheitlichen Häufigkeitsfaktor verrechnet und logarhitmisch beschreibt.
So führten alle Erdbeben des Jahres 2018 bisher zu einen Impakt-Wert von 3,55. Im Vorjahr wurde zum gleichen Zeitpunkt lediglich ein Wert von 3,06 erreicht. Auf einer linearen Skala entspräche dies mehr als eine Verdreifachung in diesem Quartal.
Die Erdbebensequenz in Papua-Neuguinea (Impakt-Wert: 3,49) ist für rund 86% der weltweiten Erdbebenschäden in diesem Jahr verantwortlich und somit allein schon knapp das Dreifache aller Erdbebenschäden im ersten Quartal des Vorjahres.
Außerhalb von Papua-Neuguinea ergibt sich somit im Vergleich zum Vorjahr bis einschließlich 1. April ein deutlicher Rückgang der Erdbebenschäden, was sich allein in der Zahl der Schadensbeben wiederspiegelt. Im Vorjahr waren es insgesamt 75 Erdbeben, 2018 nur 67, wovon nochmals vier auf Papua-Neuguinea entfallen.

In folgender Übersicht dargestellt sind alle Erdbeben in den Vergleichszeiträumen, die Todesopfer und/oder mindestens 50 Verletzte gefordert haben.

 

Insgesamt ergibt sich für 2018 bisher folgende Statistik:

174 Todesopfer (inkl. nicht zuzuordnender Erdbebenopfer in Papua-Neuguinea)
15573 Verletzte
46598 Obdachlose
ca 30000 beschädigte Gebäude
14457 zerstörte Gebäude

Die vollständigen Listen sind der Earthquake Impact Database zu entnehmen: 2018 und 2017.

Zusammenfasst ist das Jahr 2018 bisher nicht das Katastrophenjahr, wie es von der Boulevardpresse vorhergesagt wurde. Die mit Abstand schlimmste Erdbebenkatastrophe bisher infolge des M7.5 und zahlreicher schwerer Nachbeben in Papua-Neuguinea war und ist für die Menschen vor Ort verheerend, aber im langjährigen Vergleich würde selbst das Ereignis weit zurück fallen.
Ein wenig glücklich verlief dieses Jahr vor allem, weil zwei der fünf Magnitude 7 Erdbeben, Honduras und Alaska, abseits besiedelter Gebiete auftraten und aufgrund ihres Strike-Slip Mechanismus nicht zu Tsunamis führten. Zwei weitere, Mexiko und Peru, blieben zwar nicht folgenlos, doch hielten sich die Auswirkungen aufgrund der Umstände (Herdtiefe und Bevölkerungsdichte) im Rahmen.

Angesichts der hier gezogenen Vergleiche muss man natürlich sagen, dass ein zufällig gewählter Zeitraum in keinem Fall eine statistische Relevanz hat, besonders wenn dieser nur wenige Monate umfasst. Gerade bei Ereignissen wie Erdbebenkatastrophen, die im besten Fall teils nur einmal im Jahr auftreten, ist es vom Zufall abhängig, ob der gewählte Zeitraum mit einem solchen Ereignis zusammenfällt. Auch lassen die Statistiken des ersten Quartals keine Rückschlüsse auf den Rest des Jahres zu.

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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.

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