Studie: Höhere Erdbebengefahr zwischen Leipzig und Halle

Leipzig / Halle – Die Erdbeben von Kabelsketal (Mw3.2) und Schkeuditz (Mw2.8) in den Jahren 2015 und 2017 gelten als die stärksten instrumentell registrierten Erdbeben im Ballungszentrum Leipzig-Halle. Beide Beben traten in der Nähe des Flughafens auf und ließen noch in 50 Kilometern Entfernung die Wände wackeln. Eine neue Studie von Forschern des Geoforschungszentrums Potsdam, der Universitäten Leipzig und Halle und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hat diese Beben und ihre Auswirkungen näher untersucht. Dabei stellten sie bisher als inaktiv geltende Störungszonen als Ursprung fest. Durch die Reaktivierung dieser Störung könnten in Zukunft auch starke Schadensbeben die Region heimsuchen. Die Studie wurde im „Journal of Seismology“ veröffentlicht.

„Ich lag im leicht dösenden Zustand im Bett. Merkte, dass das Haus anfing zu wackeln, ohne dass draußen Autos vorbei fuhren oder ein Kampfjet zu hören war. Das wackeln wurde stärker. Unser Schrank war zu hören. Es steigerte sich innerhalb von wenigen Sekunden und war auf einen Schlag vorbei. Keine Schäden. Ich war nervös und unruhig und unsicher was passiert sei.“

So und so ähnlich haben uns hunderte Zeugen am 29. April 2017 das Erdbeben von Schkeuditz (Sachsen) beschrieben, das vor allem im Raum Leipzig deutlich zu spüren gewesen ist. Da es sich um 3 Uhr morgens ereignet hat, wurden viele Menschen aus dem Schlaf gerissen. Schäden infolge des Bebens sind aber nicht aufgetreten.
Nur zwei Jahre zuvor bebte es das erste Mal, damals im angrenzenden Kabelsketal (Sachsen-Anhalt). Dieses Beben, das um 08:40 Uhr aufgetreten ist, war ebenfalls bis nach Leipzig und auch im südlichen Sachsen-Anhalt zu spüren.

Zeugenmeldungen zum Erdbeben in Schkeuditz 2017

Beide Erdbeben, so das Ergebnis der Studie, ereigneten sich in einer relativ großen Tiefe. So konnte die Herdtiefe beider Beben mit 26 bis 29 Kilometern bestimmt werden. Eine Folge davon: Der große Schütterradius von in beiden Fällen mehr als 50 Kilometern. Dass diese Beben in so ungewöhnlich großer Tiefe aufgetreten sind, ist nach Ansicht der Forscher ein Zeichen, dass sie auf größere Störungszonen zurückzuführen sind. Im Falle von von Leipzig-Halle befinden sich in dieser Tiefe Gesteine des Mesozoikum, das von zahlreichen großen Störungen mit einem Versatz von mehreren hundert Metern durchzogen ist. Diese Störungszonen weisen herzynisches Steichen auf, also einen Verlauf von Nordwest nach Südost, etwa die gleiche Ausrichtung wie der Nordrand des Harzes, das namensgebende Mittelgebirge.

Durch neue Analysemethoden war es das erste Mal überhaupt möglich, den Bruchmechanismus der beiden Erdbeben so präzise zu bestimmen. Demnach handelt es sich bei beiden Erdbeben um Brüche an Abschiebungen, die herzynisches Streichen aufweisen. Sehr wahrscheinlich liegen die Bruchflächen beider Beben auf der selben Störung in einer Distanz von nur wenigen Kilometern zueinander. Dies lässt nach Ansicht der Forscher die Möglichkeit offen, dass das gesamte Segment der Störung zwischen den beiden Herdflächen reaktiviert werden könnte. Sollte dies eintreten würde es zu einem großen Erdbeben über Magnitude fünf führen, was in einer dicht besiedelten Region wie Leipzig-Halle Bewohner und Infrastruktur gefährden würde.

Um die Folgen eines solchen Erdbebens besser abschätzen zu können, wurde in der Studie die Wellenausbreitung und die daraus resultierende Intensität der Erschütterungen simuliert. Das Ergebnis: Ein starkes Erdbeben in der Region Leipzig-Halle hätte ähnlich starke Auswirkungen wie das Roermond-Erdbeben 1992 in der Niederrheinischen Bucht, wo tausende Gebäude beschädigt wurden. Anders als die Niederrheinische Bucht liegen Leipzig und Halle aber nicht in der durch die DIN-4149 klassifizierten Erdbebengefährdungszonen 2, bzw. 3. Während Leipzig in Zone 0 liegt, wird Halle garnicht in die Klassifizierung eingeordnet. Das bedeutet, Infrastruktur und Wohnhäuser unterliegen dort anderen Auflagen, was sie weniger resistent gegenüber große Erdbeben machen.

Zeugenmeldungen zum Erdbeben in Kabelsketal

In der Geschichte traten rund um Leipzig mehrfach Erdbeben bis Magnitude 5 auf, die gelegentlich zu Gebäudeschäden geführt haben. Solche Erdbeben traten unter anderem in den Jahren 1616 und 1711 auf. Stärkere, bisher nicht näher beschriebene Beben könnten im 9. Jahrhundert nach Christus aufgetreten sein. Bekannter und aktiver als die Leipziger Bucht ist die Erdbebenzone zwischen dem durch Schwarmbeben geprägten Vogtland und dem thüringischen Gera, wo im Jahr 1872 ein starkes Beben zu schweren Gebäudeschäden und Todesopfern geführt hat.

Um diese neu erkannte Gefährdung besser einschätzen zu können, sollen in Zukunft weitere geophysikalische Untersuchungen stattfinden.

Zur Pressemitteilung (Universität Leipzig)

„Seismicity in the block mountains between Halle and Leipzig, Central Germany: centroid moment tensors, ground motion simulation, and felt intensities of two M ≈ 3 earthquakes in 2015 and 2017“, DOI: 10.1007/s10950-018-9746-9

In eigener Sache
„Juskis Erdbebennews“ führt seit Jahren bei spürbaren Erdbeben in Deutschland Befragungen durch, bei der Zeugen aufgerufen sind, uns Ihre Erdbebenbeobachtungen zu melden. Wir freuen uns sehr, dass wir mit dieser Befragung zur Studie beitragen konnten. Die rund 200 Intensitätsbeschreibungen, die wir nach dem Schkeuditz-Erdbeben 2017 erhalten haben, wurden von uns (anonymisiert) den Autoren der Studie überlassen und hatten so Anteil an der Ergebnisfindung. Daher möchten wir uns nochmals bei den rund 200 Menschen bedanken, die sich damals die Zeit genommen haben. Ein großes Lob natürlich auch an die Autoren, für ihre hervorragende und erfolgreiche Arbeit. Wir hoffen, dass wir auch in Zukunft externe wissenschaftliche Projekte unterstützen können.

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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.

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