Wenn Falschbehauptungen zur Normalität werden (Beispiel: Kalifornien)

Man kann es wieder und wieder beklagen, korrigieren, anprangern, aber leider gibt es in unserem postfaktischen, nach Hass, Zerstörung und Drama gierenden Zeitalter keine Chance mehr, Falschmeldungen zu entkommen. Das Ziel eines wahrheitsgemäßen oder sogar bildenden Informationskonsums ist zusehends ins Abseits geraten – sowohl beim Nutzer als auch beim Anbieter. Ein YouTube-Video zu inhalieren und alle Behauptungen ungeprüft als Fakten abzuspeichern ist einfacher, als sich mit einer komplexen Materie vertraut zu machen und die eigene Schädelfüllung zu nutzen. Nicht nur, dass immer mehr Menschen ihre Gier nach Aufmerksamkeit mithilfe der Macht des Internets und eben solcher Nachdenkverweigerer stillen. Auch Medien verfallen zusehends der Versuchung, dieser riesigen sensationsgeilen Onlinezombiehorde die Füße zu küssen – getarnt als „harmloses“ Clickbaiting. Am Beispiel des jüngsten Erdbebens in Kalifornien war diese ungleiche Verteilung von Fake News und sachlichen Informationen bestens auszumachen – sehr zum Leid der örtlichen Seismologen, die nicht nur ihren eigentlichen Job mit vielen Überstunden erledigen, sondern zusätzlich den Strom an Falschmeldungen unterbinden mussten. Letzteres meist erfolglos.

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Um vielleicht noch einzelnen Menschen den rechtzeitigen Absprung vom Zug nach Trumpistan zu ermöglichen, stelle ich im folgenden fünf in den letzten Tagen häufig gelesene Falschmeldungen am Beispiel des Kalifornien-Erdbebens dar und erkläre, wie jeder einzelne, unabhängig von Beruf, Bildungsgrad oder Bauchumfang, deren Unrichtigkeit nachweisen kann – größtenteils durch einfaches Nachdenken! Ja, Nachdenken kann und möchte (!!) ich euch nicht ersparen. Das ist deutlich gesünder, als den teils wirren Gedankengängen von dubiosen YouTubern oder Onlineredakteuren englischer Boulevardmedien zu vertrauen.
(Jedes dieser Beispiele kann auf ein beliebiges anderes Erdbeben übertragen werden. Es sind fast immer dieselben Behauptungen, die aufkommen)

1. Das Erdbeben wird einen Supervulkanausbruch im Yellowstone auslösen
Behauptung: Nach einem schweren Erdbeben irgendwo auf der Welt kursieren oft Gerüchte, ein nahe gelegener Vulkan könne dadurch zum Ausbruch gebracht werden. Basis dieser Behauptung ist in der Regel der Fakt, dass in der jüngeren Vergangenheit einzelne wenige schwere Erdbeben einen Vulkanausbruch ausgelöst haben. Am Beispiel Kalifornien wird gerne der Yellowstone-Supervulkan (YS) als potentieller Ausbruchskandidat genannt, aber gelegentlich auch das Coso-Vulkanfeld oder auch der Mt. St. Helens (MSH). Obwohl YS und MSH recht weit vom Epizentrum entfernt liegen, es gibt einige deutlich nähere Kandidaten, sind es wahrscheinlich gerade sie, die genannt werden, 1. wegen ihres Bekanntheitsgrads und 2. wegen ihres bekannten Potentials, Dinge kaputtzumachen. #Paniksucht

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Faktencheck: Zunächst geht des darum zu prüfen, wie häufig der entsprechende Vulkan ausbricht und wie oft im Vergleich dazu Erdbeben in der Region sind. Am Beispiel YS liegt der letzte (kleine) Ausbruch 70.000 Jahre zurück. Die letzte Supereruption war vor 640.000 Jahren. Schwere Erdbeben in Kalifornien, bzw. teils viel näher am Vulkan in Idaho, Wyoming oder Nevada waren dahingehend deutlich häufiger: 1999, 1992, 1983, 1959 (Epizentrum im YS-Nationalpark!), 1952, 1915, 1906… Hat eines dieser Erdbeben den YS oder den MSH, der 1980 ausbrach, aus dem Schlaf gerissen? Nein! Wieso sollte es also jetzt passieren? Ganz davon abgesehen, dass über eine solche Distanz schon aus physikalischen Gründen keine Vulkanausbrüche getriggert werden können, zudem davon abgesehen, dass zu einem Vulkanausbruch noch deutlich mehr gehört…

2. Das Erdbeben wurde durch (geheimes) Fracking ausgelöst
Behauptung: Fracking ist böse und wird uns alle töten! So oder so ähnlich lautet die verbreitete öffentliche Wahrnehmung gegenüber dieser Technik zur Erschließung von Lagerstätten. Weil ja auch in der Vergangenheit, besonders in den USA, Fracking zu Erdbeben geführt hat, wäre ja auch jetzt ein Zusammenhang naheliegend. Oder?

Faktencheck: Eine wichtige Grundvoraussetzung, damit Fracking ein Erdbeben auslösen kann, ist, dass Fracking überhaupt angewendet wird. Mit ein bisschen Recherche wird man feststellen können, dass dies am Epizentrum in Kalifornien nicht der Fall ist. Um für die ganz konspirativen Heulbojen auch „geheimes“ Fracking ausschließen zu können, kann man sich folgende Fragen stellen (und die entsprechenden Antworten z.B. im USGS-Archiv prüfen): Seit wann wäre Fracking in der Region theoretisch (technisch) möglich – hat es in der Zeit dort erhöhte Erdbebenaktivität gegeben? Ist die entsprechende Region seismisch eher inaktiv? Begann die Erdbebensequenz in fracking-üblicher Tiefe von (weniger als) 5 Kilometern?
Für jedes „nein“ auf eine der Fragen geht die Wahrscheinlichkeit für „geheimes“ Fracking als Auslöser ein sehr großes Stück zurück – Am Beispiel Kalifornien sind es drei Neins.

3. Das Erdbeben wurde durch einen Waffentest ausgelöst
Behauptung: In der Regel reicht es schon, wenn sich in der „Nähe“ des Epizentrums eine Militäranlage einer beliebigen Nation befindet, damit dieses Gerücht aufkommt. Manchmal nicht mal das. Spekulationen über einen geheimen Kernwaffentest, so wie es in Nordkorea (nicht ganz so geheim) in den vergangenen Jahren mehrfach geschah, kursieren durch Soziale Netzwerke. Besonders die USA, Lieblingsfeindbild vieler Überdenker, ist da doch ein großartiger Kandidat für Gerüchte.

Faktencheck: Es gibt aus physikalischer Sicht einen großen Unterschied zwischen (starken) Explosionen und Erdbeben. Für das geübte Auge ist es sehr einfach, die seismischen Signale beider Ereignisse, die schließlich als „Erdbeben“ ausgewertet werden, auseinander zu halten. In der Regel folgt darauf, dass entsprechende Events aus den Listen der Erdbebendienste entfernt werden – oder garnicht erst auftauchen (die aller aller aller häufigste dieser Explosionsquellen sind Sprengungen in Steinbrüchen oder Bergwerke). Ausnahme dann, wenn sie besondere Aufmerksamkeit erzeugen, wie eben ein Kernwaffentest. In einem solchen Fall wird aber bei eigentlich jedem guten Erdbebendienst ein entsprechender Hinweis neben das Event geschrieben, dass es sich um eine entsprechende Explosion handelte – nicht nur bei den einheimischen Diensten, die ja zensieren könnten…
Sollte es also ein großes Erdbeben geben, das von vielen Erdbebendiensten weltweit registriert wurde und von keinem davon als „Explosion“ oder ähnliches deklariert ist, kann man sich sicher sein, dass es auch ganz sicher ein Erdbeben war und keine Sprengung, Explosion, Kernwaffentest.
Übrigens: Mehr als 10.000 seismologische Stationen weltweit, ausreichend um jedes größere Erdbeben (ab M4.5) weltweit zu detektieren, sind für JEDEN öffentlich einsehbar. Falls man also schon aus Prinzip allen Erdbebendiensten weltweit misstraut, darf man auch gerne selbst die Daten überprüfen.

4. Das Erdbeben wird „Big One“ auslösen
Behauptung: Weil ja jede Katastrophe noch gesteigert werden kann, #Paniksucht, und ein großes Erdbeben, zum Beispiel an der San Andreas Störung, viel lustiger ist, kommt von Außenstehenden oft die wunschartige Behauptung auf, eine noch größere Katastrophe stünde unmittelbar bevor und das jüngste Beben sei nur ein Vorbeben. Immerhin hatte das große Beben im Hollywood-Film auch ein (wissenschaftlich wenig vertretbares) Vorbeben in Nevada. Unter den direkt Betroffenen ist es meistens Angst und Unwissen, was solchen Gerüchten Antrieb verleiht.

Faktencheck: Grundsatz: Theoretisch kann jedes Erdbeben ein Vorbeben sein. Je größer das Erdbeben, umso unwahrscheinlicher ist dies aber. Der aller größte Teil aller Erdbeben sind aber keine Vorbeben.
Um die Wahrscheinlichkeit noch ein wenig weiter zu reduzieren, kann man sich, wie bei der Vulkantheorie, ansehen, wie es sich mit früheren Beben verhielt. Haben zum Beispiel die großen Erdbeben 1999, 1992, 1983, 1959, 1952 oder 1915 ein „Big One“ wie 1906 getriggert? Nein? Warum bist du dir dann jetzt so sicher?
Übrigens lässt sich dank der großartigen Arbeit einiger Forscher inzwischen berechnen, ob ein Erdbeben ein anderes großes Beben an einer anderen Störung wahrscheinlicher (oder unwahrscheinlicher) gemacht hat. Im Falle vom jüngsten Kalifornien-Beben und die San Andreas Störung zeigte sich, dass kein Einfluss besteht, dass „Big One“ genauso wahrscheinlich ist wie zuvor und ein mögliches baldiges Eintreten nicht mit dem anderen Erdbeben zusammenhängen würde. Etwas höher ist jedoch das Risiko eines großen Erdbebens an Garlock oder Sierra Nevada Störung geworden.
Dazu müsste man aber auf das hören, was Wissenschaftler sagen, am besten direkt ohne durch den Sensationsfilter vieler Medien – über Twitter, wo viele Seismologen regelmäßig aktuelles aus der Forschung über Erdbeben schreiben, ist dies sehr einfach möglich.

5. Das Erdbeben ist ein Zeichen dafür, dass weltweit die Zahl der Erdbeben massiv zunimmt
Behauptung: Die Vorstellung, die Erde steuere unausweichlich auf eine baldige Apokalypse zu, scheint für viele Menschen sehr erregend zu sein. Warum sonst wenn nicht triebgesteuert hält sich ein Gerücht wie eine weltweit massiv zunehmende (und sich zuspitzende) Erdbebenaktivität so lange, obwohl es so einfach zu widerlegen ist?

Faktencheck: Man geht auf eine Webseite, wo Erdbebenaktivität der letzten Jahrzehnte aufgelistet ist, zum Beispiel in das USGS-Archiv oder von mir aus auch Wikipedia. Dann schaut man sich die Erdbebenanzahl früherer Jahre an, vergleicht sie mit dem aktuellen Jahr ohne dabei die immer wieder geschriebenen Hinweise wie: „Durch stetiges Ausbau der seismischen Überwachung weltweit sind wir heute in der Lage, deutlich mehr Beben kleinerer Größenordnung zu registrieren als noch vor 20 Jahren“ zu missachten (heißt im Grunde: Vergleicht nur die großen Beben, die schon mit früheren technischen Mitteln problemlos identifizierbar waren und ignoriert alles unter Magnitude 5.5, wo selbst heute noch kein lückenfreies weltweites Überwachungsnetz existiert). Wer ganz fleißig ist, kann die Daten in eine Excel-Tabelle schreiben, ein lustiges Diagramm erstellen und erhält dann sowas wie das hier:

Wer dann in der Grafik eine massive Zunahme an starken Erdbeben sieht, sollte entweder die Brille putzen, weniger Alkohol trinken, oder den Matheunterricht der fünften Klasse wiederholen. Da ja, wie oben geschrieben, sehr sehr sehr viele seismologische Daten weltweit zur freien Verfügung stellen, sollte auch klar sein, dass „Zensur“ großer Erdbeben nicht möglich ist.

Also nochmal zusammengefasst: Falls ihr nicht zur Kategorie der paniksüchtigen Weltuntergangssirenen mit Hang zum Capslock gehört und irgendwo auf eine Meldung stoßt, die gut und gerne aus der Feder eines derartigen Autors stammen könnte, befolgt folgende Schritte:
1. Nachdenken: Macht das Sinn, was da geschrieben steht?
2. Überprüfen: Verfolgt die Quellen nach, sofern angegeben. Nutzt Google, verlasst euch auf seriöse Seiten. Bedenkt, dass es Betreibern von Internetplattformen fast immer nur um Klicks und Geld geht. Dies funktioniert dann besonders gut, wenn man der Zielgruppe Angst macht und so mit vermeintlichen „Breaking News“ auf die eigene Plattform lockt.
3. Expertise: Da nicht jeder ein Experte von jedem Fachbereich sein kann, ist es sinnvoll, im Zweifel einen ebensolchen zu kontaktieren. Wie oben geschrieben bietet Twitter eine gute Plattform zum direkten Austausch. Viele Forscher sind allein deswegen auf Twitter, um ihre Forschung unters Volk zu bringen und Fragen zu beantworten. Nur keine Scheu!
Aber auch offizielle Behörden, denen es tatsächlich auch um Wissenschaft geht, sind eine sehr gute Informationsplattform. So ziemlich alle großen Institute haben eine Website, wo zu relevanten aktuellen Ereignissen Informationen veröffentlicht sind, so zum Beispiel beim USGS, wo allgemeinere Fragen auch in den FAQs beantwortet sind.

(Sozusagen als Training habe ich im oben stehenden Text keine Links als Quelle angegeben. Wer möchte, muss also Suchmaschinen bemühen, um die Erklärungen zu überprüfen – oder mich ggf zu korrigieren 😉 )

Wer Antworten auf Fragen zu einem Thema wie Erdbeben sucht, kann eigentlich immer fündig werden, wenn man sich an die richtigen Personen und Institute wendet. Klickgeile Doomsday-Idioten erschweren durch ihre prominente Vertretung in der heutigen Medienlandschaft den Informationsfluss von Experten beliebiger Fachrichtung zu den anderen Bürgern jedoch erheblich. Verschlimmert wird die Situation durch die zunehmende Ignoranz vieler Bürger gegenüber Fakten, was in der massenhaften Verbreitung von Gerüchten und Falschmeldungen resultiert, unter der zumeist die Menschen leiden, die direkt betroffen sind. Katastrophen können für viele Menschen profitabel sein, und sei es nur um die Sensationslust zu befriedigen, drunter leiden möchte aber eigentlich niemand.


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Jens ist 25 Jahre alt und studierte von 2013 bis 2019 an der Ruhr-Universität Bochum, zunächst Geowissenschaften (B.Sc. Abschluss) und später mit Spezialisierung auf Erdbebenphysik und -gefährdung. Seit Juni 2019 lebt er in Karlsruhe und arbeitet im Bereich Katastrophenforschung.
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