Indonesiens Erdbebenjahre

Ob ein Erdbeben zu einer großen Katastrophe wird, oder ohne nennenswerte Auswirkungen bleibt, hängt neben der Stärke und Tiefe vor allem vom Ort des Auftretens ab. Trifft es eine unbewohnte Insel, passiert in der Regel nichts. Trifft es eine Millionenstadt mit entsprechender Härte, kann die Opferzahl schnell vier- oder fünfstellig werden.
Indonesien hat in seiner Geschichte viele Erdbeben erlebt. Sowohl solche, an die sich keiner mehr erinnert, als auch solche wie im Dezember 2004, die für immer im Gedächtnis haften bleiben. Da Erdbeben in ihrer Stärke und in ihrem Ereignisort keinem bestimmten Muster folgen, kann es auch in Indonesien längere Phasen geben, in denen es kaum größere Auswirkungen gibt, aber auch solche Phasen, in denen gefühlt eine Katastrophe auf die andere folgt. Die Jahre 2018 und 2019 fallen eher in die zweite Kategorie.

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Mit nun schon 31 Schadensbeben hat Indonesien im Jahr 2019 so oft gelitten wie kein anderes Land und ist nur noch ein Schadensbeben von der Zahl des Vorjahres entfernt. Auch bei der Schadenssumme liegt Indonesien in diesem Jahr im weltweiten Vergleich wieder an der Spitze, dicht gefolgt von den Philippinen.
2018 waren es die großen Katastrophen auf Lombok und Sulawesi mit tausenden Todesopfern, die weltweit Schlagzeilen machen. 2019 waren es mehrere kleine, regionalere Katastrophen, die die Zahl in die Höhe trieben. Acht von weltweit bisher 43 tödlichen Beben des Jahres ereigneten sich Indonesien. Zwei davon in den letzten drei Tagen.

Schadensbeben (farbige Kreise) und unschädliche Erdbeben (schwarze Punkte) in Indonesien seit 2018 (Daten: Earthquake Impact Database / USGS)

Mit dem Großen Sumatra-Erdbeben (Mw9.2) und dem folgenden Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 sind die Gedanken an Erdbeben in Indonesien unweigerlich verknüpft: Sogenannte Megathrust-Erdbeben, bei denen Subduktionszonen über hunderte bis tausende Kilometer Länge am Meeresgrund aufbrechen und nicht nur durch ihre starken Erschütterungen sondern auch den meist folgenden großen Tsunamis erhebliches Zerstörungspotential haben. Solche Beben, auf die weltweit Katastrophenpläne ausgelegt werden. Solche Beben, die 2018 und 2019 komplett ausgeblieben sind.
Die katastrophale Erdbebenserie auf Lombok (M6.5 bis 6.9) war die Folge einer Überschiebung an der „Rückseite“ der Subduktion. Palu wurde auf einer Strike-Slip-Störung ähnlich der San Andreas Störung erbaut, die das schwere Erdbeben (M7.4) im September 2018 auslöste. Auch das tödliche Erdbeben (M6.0) in Madura nur 12 Tage später ging auf eine Strike-Slip Störung zurück, ebenso die tödliche Erdbebenserie im Westen Sulawesis (bis M5.5) im November. 2019 setzte sich die Serie tödlicher Strike-Slip-Erdbeben fort: Zunächst im April im Osten Sulawesis (M6.8), später im Juli auf Halmahera (M7.3) und im September auf Ambon (M6.5). Einzig die trotz mehrerer Todesopfer vergleichsweise harmlosen Erdbeben vor der Küste von Java (M6.8) im Juli 2019 sowie das gestrige Erdbeben zwischen Halmahera und Sulawesi (M7.1) gingen auf Subduktionszonen zurück.

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Strike-Slip Störungen sind weltweit deutlich häufiger als Subduktionszonen, meist nicht direkt mit Plattengrenzen verknüpft und zudem seltener aktiv. Viele der zuvor genannten Strike-Slip Störungen haben in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten kein großes Erdbeben hervorgebracht, entsprechend „überraschend“ kamen diese Katastrophen für die Betroffenen. Durch ihre geringe Tiefe und meist geringere räumliche Nähe zu Siedlungsgebieten geht von Strike-Slip Beben zudem oft eine größere Zerstörungskraft aus als von Subduktionsbeben, wenn auch auf einem räumlich begrenzteren Gebiet und in der Regel ohne Tsunami-Gefahr. Mit einer Ausnahme.

Es waren in den letzten 23 Monaten oft nicht nur die Erdbeben und ihre Auswirkungen selbst, mit denen Bewohner und Behörden zu kämpfen hatten. Die zeitliche Häufung dieser Katastrophen blieb natürlich nicht unbemerkt, sodass vor allem in Sozialen Netzwerken oft Gerüchte die Runde machten, die die Bevölkerung verängstigten. Angst, ein oft niedrigeres Bildungsniveau und die Möglichkeiten von Facebook und Co. trugen nicht nur dazu bei, sondern wurden auch von vielen Menschen gezielt ausgenutzt, um Angst zu schüren. Falsche Erdbebenprognosen, teilweise als offizielle Mitteilungen getarnt, gingen ebenso viral wie angebliche Tsunami-Warnungen. Erst am 14. November 2019 kam es im Norden Balis nach einer mäßigen Erdbebenserie zu Evakuierungen, weil eine angebliche Tsunami-Warnung verbreitet wurde. Weiterhin sorgen nach den Katastrophen von Palu und Lombok YouTuber wie „Dutchsinse“ mit wiederholten Warnungen vor neuen schweren Erdbeben für Unsicherheit und trugen zudem dazu bei, das sowieso schon angekratzte Vertrauen der Bevölkerung in offizielle Erdbebendienste weiter zu beschädigen.

Seit Jahren steht die indonesische Geologiebehörde BMKG in der öffentlichen Kritik, weil sie nach schweren Erdbeben nicht oder erst sehr spät wichtige Informationen und auch Tsunami-Warnungen herausgegeben hatte. Ein Problem, was schlicht den mangelnden Mitteln geschuldet war. Dieses wurde in den vergangenen Jahren angegangen, indem sowohl Tsunamifrühwarnsysteme als auch Webinformationssysteme erheblich verbessert wurden. Zudem erfolgte eine engere Zusammenarbeit mit dem Katastrophenschutz BNPB, dessen ehemaliger Kommunikationsleiter Sutopo Purwo Nugroho besonders nach den Katastrophen 2018 eine sehr wichtige Rolle spielte. Durch schnelle, sachliche und zuverlässige Verbreitung von wichtigen Infos in Sozialen Netzwerken, einfach verständlichen Erklärungen der Hintergründe und seiner stetigen Präsenz trotz schwerer Krankheit wurde er auch für internationale Journalisten zum ersten Ansprechpartner und für die Bevölkerung zu einem vertrauenswürdigen Sympathieträger.

Doch auch Sutopo schaffte es nicht, die wichtige Beziehung zwischen Behörden und Bevölkerung wiederherzustellen. Nicht nur, weil er wegen seines reichweitenstarken Einsatzes gegen Fake News zu einem Feindbild von Verschwörungstheoretikern wurde.

Bei der Katastrophe von Palu kam es trotz der eigentlich ungewöhnlichen Umstände nach dem schweren Erdbeben zu einem massiven Tsunami, der viele Häuser zerstörte und Menschen tötete. Eine nicht vorhersehbare Katastrophe, die den Behörden (zu Unrecht) angelastet wurde. Ebenso die hunderten Todesopfer nach dem Tsunami infolge eines Hangrutsches am Vulkan Anak Krakatau im Dezember 2018, wo es eigentlich mit vorhandenen Mitteln auch nicht möglich gewesen wäre, eine rechtzeitige Warnung herauszugeben. Hinzu kommen (berechtigte) Warnungen wie nach der Lombok-Erdbebensequenz, die aber nicht eingetroffen sind.
Zusätzliche Dramatisierung vieler Ereignisse in Medien und auch in Darstellungen in Sozialen Netzwerken erzeugten zudem Diskrepanzen zu offiziellen Aussagen.

BNPB und Sutopo schafften es trotz korrekten und intensiven Bemühungen nicht, diese oft unglücklichen Umstände der Bevölkerung glaubhaft zu erklären.
Nach dem krankheitsbedingten Tod Sutopos im Juli 2019 ist nun auch dieser Leuchtturm des Vertrauens verschwunden. Sutopos gewählter Nachfolger Agus Wibowo schaffte es bisher nicht (und wird es auch in Zukunft schwer haben), diese Lücke zu füllen.

Am 12. November forderte ein Nachbeben auf Ambon zwei Todesopfer. Nicht das erste fatale Nachbeben in einer angespannten Situation. 28 Stunden später zerstörte ein Erdbeben am Vulkan Lemongan auf Java zwölf Gebäude. Der Bebenserie auf Bali am 14. November folgten ebenfalls Gebäudeschäden und zusätzliche Unsicherheit durch falsche Gerüchte. Trotz überschaubarer Schäden endete nur wenige Stunden später ein Erdbeben der Stärke 7.0 im Norden des Inselstaates tödlich. Eine Tsunami-Warnung wurde hier oft übertrieben verbreitet, der eigentliche Tsunami war harmlos (11 cm Höhe).
Die letzten drei Tage spiegelten eine kurze Zusammenfassung dessen wieder, was Indonesien seit nun fast zwei Jahren erlebt:
Eine statistische und nicht ungewöhnliche Häufung von Schadensbeben, wovon einige katastrophales Ausmaß erreichten.
Probleme in der öffentlichen Nachbearbeitung sowie teilweise in der Bewältigung der Katastrophen durch fehlende Mittel und unglückliche Umstände.
Starke soziale Beeinträchtigung durch Verbreitung von Verschwörungstheorien und Fake News in Sozialen Netzwerken.

Ob nach einem Erdbeben eine katastrophale Situation entsteht, hängt neben dem Erdbeben selbst vor allem von den Umständen ab. Wie gut ist eine Gesellschaft auf dieses Ereignis vorbereitet? Wie gut läuft die Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Behörden, Hilfskräften, Wissenschaftlern und Bevölkerung? Wie schnell kann mit vorhandenen Mitteln der normale Alltag wiederhergestellt werden?
Indonesien hat es in den letzten Jahren oft nicht geschafft, die nötigen Reaktionen auf Erdbeben zu zeigen. Fehler und Versäumnisse der Behörden, fehlendes Vertrauen der Bevölkerung und eine trotz großer Anstrengungen oft nicht zielführende Kommunikation ebneten den Weg für Fake News und Gerüchte auf Kosten der Betroffenen. All das in einer Zeit mit überdurchschnittlich vielen Schadensbeben.
Auch in diesem Jahr wird Indonesien das Land mit den meisten Schadensbeben sein, die nächste Katastrophe ist nicht zu vermeiden. Doch ihr finales Ausmaß liegt zumindest teilweise in den Händen der Bevölkerung und Behörden.


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Jens Skapski

Data Analyst bei Risklayer
Jens ist 25 Jahre alt und studierte von 2013 bis 2019 an der Ruhr-Universität Bochum, zunächst Geowissenschaften (B.Sc. Abschluss) und später mit Spezialisierung auf Erdbebenphysik und -gefährdung. Seit Sommer 2019 arbeitet er als Data Analyst in Karlsruhe.

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