Erdbebenfrühwarnungen für Europa: Googles Meilenstein in Bosnien

Die Balkan-Halbinsel hat eine lange Erdbebengeschichte. Viele schwere und zerstörerische Erdbeben hat es allein in den letzten 100 Jahren gegeben, die jüngsten Beispiele aus Kroatien (2020) und Albanien (2019) dürften vielen Bürgern noch im Gedächtnis sein. Seit Freitagabend ist diese Geschichte um ein Element reicher: In Bosnien-Herzegowina traf ein Erdbeben der Stärke 5.7 den Süden des Landes. Eine Person starb, weitere wurden verletzt. Das Ausmaß der Schäden in vielen Dörfern soll ersten Medienberichten zufolge ernst sein, genauere Daten werden aber noch ermittelt. Doch das Erdbeben hat nicht nur wegen möglicher schwerer Auswirkungen einen Platz in der Geschichte sicher.

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Erdbeben kommen normalerweise überraschend. Es gibt keine Anzeichen und keine Vorhersagemöglichkeiten. Frühwarnungen sind zwar möglich, aber waren bisher vor allem mit enormen technischen Investitionen möglich. Für den Balkan in naher Zukunft eigentlich ein unrealistisches Szenario. Eigentlich. Einwohner von Sarajevo (BiH), Split (Kroatien) oder aus Podgorica (Montenegro) haben am Freitag einige Sekunden vor Eintreffen der Erdbebenwellen eine Notfallmeldung auf ihre Android-Smartphones bekommen. Dabei wurde die ungefähre Stärke des Erdbebens, das Epizentrum sowie die Distanz dazu und das erwartete Eintreffen der Erschütterungen relativ präzise angekündigt.

Bereits 2020 kündigte Google an, ein weltweites Erdbebenfrühwarnsystem errichten zu wollen. Statt teure seismologische Instrumente zu verwenden, wie es zum Beispiel bei den Erdbebenfrühwarnsystemen in Japan, Mexiko oder China der Fall ist, werden hier Kunden zu Erdbebensensoren. Genauer gesagt Smartphones: Im jedem Mobilgerät befindet sich ein Beschleunigungssensor, der spürt, wenn sich das Smartphone bewegt. Nutzer kennen diese Funktion zum Beispiel von Schrittzählern oder von der Winkelanzeige der Kamera. Doch die Technik kann mehr, nämlich Erdbeben registrieren.

Wie funktioniert die Erdbebenfrühwarnung?

Befindet sich das Smartphone in einer ruhenden Position, zum Beispiel auf dem Nachttisch, können die Erschütterungen des Erdbebens registriert werden. Bei aktivierter Standortfreigabe werden diese Registrierungen weiter verarbeitet und mit den Daten anderer Smartphones verglichen. Bei zeitgleichen Erschütterungen an Geräten in der gleichen Stadt, weiß das System, dass ein Erdbeben stattfindet. Über die Intensität der Bewegungen und den Zeitpunkt des Einsetzens können binnen weniger Sekunden Stärke und Epizentrum abgeschätzt werden und Warnungen an Nutzer geschickt werden. Da Erdbebenwellen sich mit rund vier Kilometern pro Sekunde ausbreiten, dauert es eine Zeit, bis weiter entfernte Städte erreicht werden. Ab einer bestimmten Distanz zu Epizentrum, abhängig von der Rechenzeit, kann somit eine Erdbebenfrühwarnung ermöglicht werden. In der direkten Umgebung des Epizentrums, wo in der Regel die schlimmsten Schäden auftreten, ist dies nicht möglich.

Für Bosnien-Herzegowina und Nachbarländer kam diese Erdbebenfrühwarnung überraschend. 2020 begann das System erst mit einem Testlauf in Kalifornien, der später auf die US-Bundesstaaten Washington und Oregon ausgeweitet. International sind seit 2021 zudem die Philippinen, Griechenland und Neuseeland beteiligt. Eine offizielle Ankündigung, dass nun auch andere Länder abgedeckt sind, gab es bislang nicht. In dieser Hinsicht kam das Bosnien-Erdbeben früher als die Google-Ankündigung. Auch auf der Support-Seite von Android fehlen entsprechende Hinweise noch.

Warnungen bisher nur für vier Länder

Dabei kann das Bosnien-Erdbeben als erster wirklicher Stresstest angesehen werden: Während des Testlaufs in Kalifornien und später in Oregon und Washington gab es in diesen Bundesstaaten keine großen Erdbeben. Zwar wurden erfolgreich Warnungen für kleinere Erdbeben verschickt, eine wirkliche Notwendigkeit zur Warnung hat sich jedoch nicht ergeben. Ähnlich sieht es in Neuseeland und Griechenland aus, wo seit Ende 2021 offiziell Frühwarnungen verfügbar sind. Erfolgreiche Benachrichtigungen zum Beispiel vor einem (harmlosen) Erdbeben bei Kreta gab es auch hier. Schäden wie jetzt in Bosnien gab es aber in keinem Fall.

Ob man von einem erfolgreichen Stresstest sprechen kann, muss aber noch genauer analysiert werden. Sowohl positive als auch negative Aspekte, so der erste Eindruck, sind vorhanden. Positiv ist, dass Magnitude der Frühwarnung (laut diversen Screenshots zwischen M5.2 und 5.5) und Epizentrum nicht weit von den Realwerten entfernt sind. Auch schien die Warnung relativ viele Menschen erreicht zu haben. Schäden des Erdbebens waren relativ verbreitet, da viele Häuser in Bosnien nicht erdbebensicher sind. Für eine Frühwarnung war also auch eine Notwendigkeit gegeben. In Mostar, wo Schornsteine und Fassaden einstürzten, waren es immerhin knapp zwei Sekunden. In Sarajevo, wo sich Risse in Mauern bildeten, knapp zehn Sekunden Warnzeit.

Frühe Warnung kam zu überraschend

Damit diese Frühwarnzeit aber auch effizient genutzt wird, benötigt es mehr als ein Warnsymbol auf dem Display. Allen voran müssen die Menschen wissen, wie sie auf eine Warnung reagieren sollen. In diesem Fall, wo die Funktion ohne jede Vorankündigung freigeschaltet wurde, fehlte dieses Wissen komplett. Viele Nutzer äußerten sich in Sozialen Netzwerken eher irritiert von der Warnung, bis das Erdbeben sie tatsächlich erreichte. Zwar wurden im Warnbildschirm Hinweise angezeigt, wie die Warnung funktioniert und welche Verhaltensweisen empfohlen werden. Allein um diese zu lesen hätte die Frühwarnzeit aber nicht ausgereicht. Einen wirklichen Nutzen hatte diese Warnung somit nicht.

Als Testlauf betrachtet kann man aber durchaus positive Schlüsse ziehen, da Frühwarnung für potentiell gefährdete Gebiete gegeben war. Bei Erdbeben mit Magnitude 5.7 sind Schäden in der Regel auf einen kleinen Radius ums Epizentrum beschränkt. Dass es dennoch für Orte wie Mostar Warnungen gab, spricht für eine schnelle Rechenzeit und würde bei größeren Erdbeben, zum Beispiel bei Magnitude 7, einen enormen Vorteil bieten. Wenn auch Städte wie Sarajevo, Podgorica oder Split ernsthaft gefährdet wären und eine 10 Sekunden Frühwarnung hätten, könnten viele Menschenleben gerettet werden. Vorwissen vorausgesetzt!

Warnungen nun für ganz Europa?

Mit dem überraschenden Testlauf hat Google einen ersten Meilenstein erreicht. Das Ziel, weltweit Erdbebenfrühwarnungen zu ermöglichen, scheint einen großen Schritt näher gekommen. Die technischen Voraussetzungen sind offenbar vorhanden. Für wirklichen Nutzen sind jedoch kompakte Informationen, Aufklärung, Übung (wiederholte Ernstfälle) und vor allem eine Vorankündigung essentiell, was auch Google wissen sollte. So bleibt es offen, ob die Warnung für den Balkan tatsächlich schon so beabsichtigt oder vielleicht ein technischer Fehler war. Vielleicht erfolgte, so der Zufall es wollte, die Freischaltung auch unmittelbar vor dem Erdbeben und eine offizielle Ankündigung war erst für die kommenden Tage vorgesehen.

Welche Erklärung auch immer der Grund ist: Einen Erfolg in Form eines echten Stresstests, ob beabsichtigt oder nicht, kann Google auf jeden Fall verzeichnen. Bleibt die Frage, ob und wo das Erdbebenfrühwarnsystem nun dauerhaft aktiv ist. Sind es nur die Balkanländer oder vielleicht auch Italien? Vielleicht sogar Deutschland?

Die Einstellungen für die Erdbebenfrühwarnung befinden sich bei Android unter „Einstellungen – Sicherheit und Notfälle“. Dort besteht die Möglichkeit, die standardmäßig aktivierte Funktion (Standortaktivierung vorausgesetzt) auszuschalten. Beim Verfasser dieser Zeilen, Standort an der Deutsch-Niederländischen Grenze, ist diese Funktion auch nach dem aktuellsten Android-Update noch nicht verfügbar. Schreibt gerne in die Kommentare zu diesem Beitrag, wie es bei euch aussieht.


Bosnien-Herzegowina und Kroatien können auf jeden Fall das Positive sehen: Beim nächsten großen Erdbeben wird es die Frühwarnung aus der Hosentasche sehr wahrscheinlich wieder geben. Nun liegt es auch an den Behörden und vor allem an den einzelnen Nutzern, das Beste aus dieser Chance zu machen. Katastrophen werden sich zwar nicht verhindern lassen, so wie sich auch die Opfer und Verletzten gestern Abend nicht damit hätten verhindern lassen, aber zumindest die Auswirkungen können begrenzt werden.