Island: Neues Erdbebencluster am Kleifarvatn – Schäden in Reykjavik

Die seismische Krise auf der Reykjanes-Halbinsel im Südwesten von Island hält weiter an. Nachdem am Sonntag ein starkes Erdbeben in der Stadt Grindavik zu Schäden geführt hat, kam es in der Nacht zu einem neuen Erdbebencluster am See Kleifarvatn unmittelbar südlich der Hauptstadt Reykjavik. Sechs Erdbeben über Magnitude 4 sowie Hunderte kleinere wurden innerhalb von nur vier Stunden aufgezeichnet und haben den Einwohnern der Stadt eine schlaflose Nacht beschert. Stellenweise kam es sogar zu Gebäudeschäden.

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Ausgangspunkt der Aktivität ist, wie bereits in vorherigen Beiträgen erklärt, eine neue magmatische Intrusion am 2021 entstandenen Vulkan Fagradalsfjall. Seit Samstag steigt nahe des Vulkans neues Magma in die Erdkruste auf und sorgt für weitreichende tektonische Auswirkungen. Umliegende Gesteinsschichten werden großflächig verschoben und dadurch Störungen reaktiviert, frühere Intrusionen mobilisiert und schließlich Erdbeben ausgelöst.

Übersichtskarte: Was passiert auf Island?

Übersichtskarte der Erdbeben auf Island
Karte 1: Schematische Übersicht der ablaufenden tektonischen und magmatischen Prozesse auf der Reykjanes-Halbinsel. Die Kreise in weinrot ganz im Osten markieren die neue Erdbebenserie am Kleifarvatn. Diese erstrecken sich entlang einer vorhandenen Störungszone über eine Länge von rund acht Kilometern. Die stärksten Beben mit Magnitude 4.8 und 5.0 ereigneten sich im Zentrum dieser Linie. Erdbebendaten: vedur.is

Eine ausführliche Erklärung der in der Karte gezeigten Prozesse rund um den Vulkan findet ihr hier

Nach dem starken Erdbeben von Grindavik traf es nun eine Region ganz im Osten: Den See Kleifarvatn und das angrenzende geothermale Gebiet von Krýsuvík. um 23:31 Uhr Ortszeit (1:31 Uhr MESZ) ereignete sich hier das erste stärkere Erdbeben mit Magnitude 4.8. Das bisherige Hauptbeben mit Magnitude 5.0 folgte drei Stunden später (2:27 Uhr Ortszeit). Beide Erdbeben waren vor allem im nur 15 Kilometer entfernten Süden Reykjaviks stark zu spüren. Es gibt Meldungen über Objekte, die von Regalen stürzten. In einem Einkaufszentrum nahe des Stadtzentrums stürzten Teile einer Zwischendecke ein. Über mögliche Schäden an Wohnhäusern oder Verletzte gibt es noch keine Meldungen.

ShakeMap des Erdbebens am Kleifarvatn

Es sind die beiden Beben mit der bisher höchsten Intensität im Hauptstadtgebiet während der andauernden Erdbebenkrise. Die Serie von schwächeren Nachbeben dauert zur Zeit noch an. in den kommenden Stunden muss daher mit weiteren Erdbeben gerechnet werden. Aufgrund der Länge der aktuell aktiven Störung von acht Kilometern können auch neue stärkere Erdbeben in angrenzenden Gebieten nicht ausgeschlossen werden.

Die in der Analyse am Montag erläutert gehen die Erdbeben am Kleifarvatn nicht direkt auf den Zustrom von Magma zurück. Stattdessen reaktiviert der Druck des angrenzenden Vulkans vorhandene tektonische Störungszonen. Zahlreiche starke Erdbeben teils über Magnitude 6 haben sich im vergangenen Jahrhundert am Kleifarvatn ereignet. Es ist eine der seismisch aktivsten Regionen von Island. Starke Erdbeben sind somit keine Seltenheit und eine permanente Gefahr für den See und die Hauptstadtregion.

Solange die Bewegung des Magmas und vor allem die Bodendeformation andauert, ist auf der gesamten Reykjanes-Halbinsel das Risiko starker Erdbeben erhöht. Die größte Gefahr geht von diesen Erschütterungen aus. Ein Vulkanausbruch selbst, sofern es dazu kommt, würde wie im Vorjahr wahrscheinlich keine Menschen direkt gefährden. Für die Isländer wäre es wieder ein Spektakel, ein Touristenmagnet, der für die unruhigen Tage zumindest psychologisch entschädigt.