„The Big One“: Besser früher als später

Kennt man: Irgendwo auf der Welt geschieht ein größeres Erdbeben oder eine Erdbebenserie. Es muss nicht gefährlich sein, sondern nur so stark, dass es Aufmerksamkeit erhält. Idealerweise in einer Region, die aufgrund ihrer Erdbebengefährdung sowieso regelmäßig im Fokus steht. Meist dauert es nicht lange, bis in den Facebook-Kommentaren (oder sonst wo) Stimmen aufkommen, die dafür hoffen oder beten, dass es keine Vorbeben sind und kein noch größeres Erdbeben, kein „Big One“, folgen wird. Jüngst zu beobachten nach der ungefährlichen Erdbebenserie vor Vancouver Island.
Ein Verhalten, das zwar gut gemeint, aber auch sinnlos, egoistisch und respektlos ist. Ein Kommentar.

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Lasst uns mit einem Grundsatz beginnen, der unantastbar, omnipräsent wie die Schwerkraft und doch (offensichtlich) vielen nicht bewusst ist. Ein Grundsatz, so wichtig, dass ich zum Niederschreiben einen anderen Schrifttyp wähle:

Schwere Erdbeben sind immer unvermeidlich!

Bamm bamm bammmm. Ganz egal wo auf der Welt. Sei es in Kalifornien, Accra oder Bielefeld. Wenn es in der Vergangenheit ein „Big One“ gegeben hat, in Kalifornien zuletzt 1908, in Accra zuletzt 1939, in Bielefeld zuletzt vor 14.000 Jahren, wird es auch in Zukunft, sei es in 10 Sekunden, 18 Monaten oder 7400 Jahren, wieder ein „Big One“ geben. Punkt. Ende vom Lied. Aus.

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Sich zu wünschen, zu hoffen, zu beten, aktuelle Aktivität möge doch bitte kein Vorbeben sein, das große Erdbeben doch bitte nicht jetzt passieren, mag zwar gut gemeint sein. Schließlich wünscht man als normaler Mensch niemandem Tod und Elend, schon garnicht sich selbst oder Angehörigen. Dennoch sind solche Wünsche bei Erdbeben aus oben genannten Grund (und weils sowieso nichts ändern würde) absolut sinnlos und in vielen Fällen sogar äußerst egoistisch. Denn tatsächlich ist es oft sogar besser, wenn „The Big One“ sich bitte nicht mehr so viel Zeit lässt, sondern endlich Städte zerstört.

Was sich zunächst seltsam anhört und für die aktuellen Bewohner von Los Angeles, Accra, Bielefeld und vielen anderen Orten äußerst makaber klingen mag, ist über einen längeren Zeitraum betrachtet offensichtlich, wenn man den oben stehenden Grundsatz im Hinterkopf behält.

  1. Auch wenn es in Deutschland zur Zeit vielerorts nicht so ist (sorry, Bielefeld!), die meisten Großstädte auf der Welt wachsen. Los Angeles zum Beispiel vermeldete zwischen 2010 und 2018 einen Bevölkerungszuwachs von 200.000 Einwohnern. Auch in Accra nimmt die Einwohnerzahl stetig zu. In beiden Fällen ist in den kommenden Jahren nicht mit einem umgekehrten Trend zu rechnen.
    Viele Einwohner bedeuten viele potentielle Todesopfer, viel Schaden bei einem Erdbeben. Dies gilt überall, unabhängig von der Bauweise der Gebäude. In wachsenden Städten gibt es somit in Zukunft mehr potentielle Todesopfer, mehr potentielle tödliche Gefahren durch herabstürzende Trümmer, als es jetzt der Fall wäre. Somit würde ein Erdbeben im Jahr 2018 weniger verheerend sein als ein Erdbeben gleicher Stärke im Jahr 2050. Die logische Folge wäre also, zu hoffen, zumindest für jemanden, der aktuell nicht dort wohnt und keine Angehörigen dort hat, dass ein Erdbeben möglichst bald eintritt, bevor noch mehr Menschen sterben als sowieso. Vor allem, da sich der Zeitpunkt eines Erdbebens auch auf die
  2. Erdbebensichere Bauweise auswirkt. So hat es zum Beispiel in Kalifornien viele „Mini – Big Ones“ (nach 1906) gebraucht, um die heutigen erdbebensicheren Gebäudestandards zu ermitteln. Sei es das Long Beach Erdbeben 1931, das San Fernando Erdbeben 1971 oder das Northridge Erdbeben 1994: Alle haben dazu geführt, dass die Bauvorschriften von Gebäuden stufenweise angepasst wurden. Auch bei zukünftigen Erdbeben wird es wahrscheinlich Anpassungen geben, besonders nachdem „the Big One“ aufgetreten ist. Für die Einwohner im Los Angeles von 2050 wäre es also besser, wenn vor ihrer Lebenszeit bereits ein großes Erdbeben aufgetreten ist, um die Bauvorschriften noch weiter verbessert zu haben – Ein weiterer Faktor, der die Opferzahl in Zukunft reduzieren wird und der ohne den Katastrophenfall nur schwer umzusetzen ist.
    Ein Beispiel, das sich auf auf Bielefeld übertragen ließe. Gemäß dem deutschen Erdbebengefährdungsmodell gehört Bielefeld nicht zu den Gebieten, in denen in absehbarer Zeit schwere Erdbeben zu erwarten sind. Entsprechen gelten für normale Gebäude keine besonderen Bauvorschriften. Bis der Extremfall in naher oder sehr ferner Zukunft eingetreten ist, dürfte sich daran auch wenig ändern. Aber zumindest in Regionen mit sehr niedriger Erdbebenaktivität wie Bielefeld besteht die realistische Chance, dass die Menschheit schon vor dem nächsten großen Beben den Folgen der Klimaerwärmung oder anderer Katastrophen zum Opfer gefallen ist und die Stadt somit das Beben garnicht mehr erleben wird.

Kein Naturgesetz verlangt, dass Bielefeld irgendwann von einem Tornado zerstört wird. Keine natürlichen Gegebenheiten machen einen Meteoriteneinschlag genau in Accra unausweichlich. Hoffnungen, dass dies niemals geschehen wird, sind berechtigt. Wünsche, dass Los Angeles niemals von einem schweren Erdbeben getroffen wird, werden sich nicht erfüllen. „The Big One“: Besser früher als später!

Aber es gibt Ausnahmen!

In einigen Regionen ist es tatsächlich „besser“, im Hinblick auf die potentielle Opferzahl, wenn „The Big One“ eher später als früher anklopft. Nicht nur Orte, die langfristig gesehen schrumpfen werden (Bielefeld), sondern auch solche Regionen, die sich ihrer Gefährdungslage durchaus bewusst sind und wo bereits entsprechende Präventivmaßnahmen im Aufbau sind. Dazu gehören Erdbeben- und Tsunamifrühwarnsysteme, wie sie zur Zeit unter anderem in Indien, China und Kalifornien getestet und auf-/ausgebaut werden. Maßnahmen, die im Erfolgsfall Menschenleben retten können. Aber auch die stetige Nachrüstung von bestehenden Gebäuden, wie es mancherorts geschieht, kann Leben retten. Nicht immer, aber manchmal. Ein baldiges schweres Erdbeben könnte dort nicht nur die Bevölkerung ohne angestrebte Vorwarnzeit treffen, sondern auch die bereits installierte Infrastruktur massiv beschädigen und entsprechend das Projekt zurückwerfen.

Dennoch: In der Geschichte des Siedlungsbaus benötigte es meist erst den Katastrophenfall, um entsprechende Vorkehrungen zu treffen, die den Worst Case in Zukunft verhindern sollten. Nicht nur aus Unwissen oder mangelnder Aufklärung der Bevölkerung, sondern auch aus wirtschaftlichen Aspekten und dem „guten (Irr)Glauben“, dass die aktuelle Generation dies nicht benötigte und entsprechende Maßnahmen auf später verschoben wurden. Auch das „Schützen“ der eigenen Kultur wird immer wieder als Ausrede genommen, um Fortschritt und Verbesserungen zu vermeiden, besonders in europäischen Ländern. Egoistisch gegenüber späteren Generationen, die darunter leiden müssen. Respektlos gegenüber früheren Generationen, die für unser heutiges Wohl kämpfen und leiden mussten.
Gründe, die aktuell und in Zukunft dazu beitragen (werden), dass Menschen unnötig bei Erdbeben (und manch anderen Naturkatastrophen) sterben. Nachher ist man immer schlauer und für die kommenden Generationen, die sowieso schon viele Altlasten zu stemmen haben werden, sollte diese Intelligenz zumindest bereit gestellt sein. Selbst wenn „The Big One“ dies möglich machen muss.

Schwere Erdbeben sind immer unvermeidlich! Der Tod von Menschen durch Erdbeben nicht.


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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.

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