Der Krakatau-Tsunami: Umstände einer unvorhersehbaren Katastrophe

Nach dem katastrophale Tsunami mit rund 400 Toten und 1500 Verletzten auf den indonesischen Inseln Sumatra und Java wurde in den vergangenen Tagen viel Kritik an den indonesischen Behörden geäußert. Teils aufgrund von gezielten Falschmeldungen in manchen Medien, teils aufgrund missglückter Kommunikation, teils unbegründet. Daher eine Zusammenfassung der Ereignisse, welche Prozesse zu der Katastrophe geführt haben und warum eine Warnung mit den vorhandenen technischen Mitteln niemals möglich gewesen wäre.
Vorweg: Entgegen einiger Medienberichte, die auf falschen Daten beruhen, spielte ein Erdbeben in der Entstehung des Tsunamis keine Rolle! Auslöser war ein großer Hangrutsch auf der Vulkaninsel Anak Krakatau infolge einer Eruption.

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Am Vulkan Anak Krakatau, der sich in der Sundastraße zwischen den Inseln Java und Sumatra befindet, setzte am Samstag (22. Dezember) eine etwas stärkere Eruption ein. Für die Bewohner der umliegenden Hauptinseln kein Problem: Anak Krakatau war in den vergangenen Jahren häufig aktiv. Auf der Inselgruppe selbst, die nach der massiven Eruption des alten Vulkans Krakatau im Jahr 1883 entstanden ist, befinden sich keine Siedlungen. Die umliegenden Küsten, rund 40 Kilometer vom Vulkan entfernt, sind hingegen dicht besiedelt und zudem ein Anziehungspunkt für Touristen aus der nahe gelegenen indonesischen Hauptstadt Jakarta.
Zur Zeit der am Samstag begonnenen Eruption, die wie gesagt relativ, aber bei weitem nicht außergewöhnlich stark gewesen ist, herrschte Vollmond. Das heißt die Gezeiten waren zu der Zeit aufgrund der höheren Anziehungskraft von Mond und Sonne stärker ausgeprägt, sodass die Tide weiter ins Landesinnere vordrang als üblich.

Ab ca. 16 Uhr MEZ kamen von den Küsten der Region Banten die ersten Meldungen über eine ungewöhnlich starke „Tidenwelle“. Auch wenn es erste Spekulationen gab: Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass es sich um einen Tsunami gehandelt hat, obwohl der Höhepunkt der Tide bereits wenige Stunden zuvor erreicht worden ist.
Entsprechend war in den ersten Medienberichten, als das ganze Ausmaß der Zerstörung noch nicht bekannt gewesen ist, von einer Gezeitenflut die Rede. Zu diesem Zeitpunkt hieß es, dass mehrere Häuser überschwemmt wurden. Meldungen über Todesopfer waren noch nicht bestätigt.

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Auch in der ersten Meldung des Katastrophenschutzes wurde noch bestritten, dass es sich um eine Tsunami handelte, da ein potentieller Auslöser eines solchen noch nicht identifiziert werden konnte.

Dies ist der erste Punkt, den Kritiker seit Samstag zu Lasten der Indonesischen Behörden aufgegriffen haben: Eine frühere klare Information hätte die Rettungsarbeiten möglicherweise besser koordinieren können.
Doch wird bei der Kritik vergessen, dass es zwei, drei Stunden nach der Katastrophe noch keinen Grund zur Annahme gegeben hatte, dass die beobachtete Welle ein Tsunami gewesen ist. Es wurde weder ein Erdbeben registriert, noch ein sonstiger unmittelbar bekannter Vorfall.

Das Tsunami-Frühwarnsystem wurde aus eben diesem Grund „überlistet“ und war nicht in der Lage, diesen Tsunami rechtzeitig zu detektieren:
1. Ein klarer Auslöser war nicht bekannt. Ein solcher ist nötig, um Vorwarnzeit zu geben, zum Beispiel ein Erdbeben, bei dem man weiß, dass ein Tsunami folgen könnte. In diesem Fall könnte auch die Bevölkerung rechtzeitig evakuiert werden und mit den Bojen, die sich vor der Küste von Sumatra und Java befinden, die Entstehung einer Welle vor ihrem Landfall protokolliert werden. In der Sundastraße zwischen Krakatau und den Hauptinseln befinden sich keine Bojen.
2. Die Eruption des Krakatau war zwar bekannt, jedoch nicht so ungewöhnlich, dass Tsunamigefahr ernsthaft in Betracht zu ziehen war. In der jüngeren Vergangenheit wurden lediglich drei Tsunamis durch vulkanische Aktivität dort getriggert: Der katastrophale Tsunami nach der großen Eruption 1883, sowie zwei kleine, harmlose Tsunamis 1928 und 1930.

Somit hätte weder das Frühwarnsystem, noch die Bewohner selbst die Gefahr ahnen können, was letztenendes zu der hohen Opferzahl beigetragen hat.

In den Stunden nach der Katastrophe, während das Ausmaß langsam bekannt wurde, konnte durch Berechnungen auch die Ursache der Welle näher bestimmt werden und eine reine „Springflut“ ausgeschlossen werden. Stattdessen, so Berechnungen von Risklayer, die kurz nach Mitternacht am Sonntagmorgen veröffentlicht wurden, war es ein massiver Hangrutsch an der Südwestseite der Vulkaninsel, der mit der Verteilung der beobachteten Wellenhöhe übereinstimmte.
Am Sonntag bestätigten Satellitenaufnahmen, dass die Flanke des Anak Krakatau ins Meer gerutscht ist. Zu diesem Zeitpunkt war das erste Mal mit Sicherheit klar, dass die Welle ein Tsunami gewesen ist.
Da der Tsunami sich während der Tide ereignete, drang er trotz seiner relativ geringen Größe weiter ins Landesinnere vor und konnte so mehr Schaden anrichten als normalerweise. Somit hatte der Vollmond auch seinen Anteil an der Katastrophe.

Am Sonntagmittag veröffentlichte das deutsche Geoforschungszentrum Potsdam die Meldung eines Erdbebens der Stärke 5,1 zur Entstehungszeit des Tsunamis in der Sundastraße. Dies führte zu der Annahme, das Erdbeben, eventuell assoziiert mit der vulkanischen Aktivität, habe zu diesem Hangrutsch geführt. Eine Annahme, die vor allem in deutschen Medien verbreitet worden ist und hierzulande die Kritik an den indonesischen Behörden am lautesten hat werden lassen. Vor allem, da der Erdbebendienst Indonesiens dieses Erdbeben nicht detektiert hat, ebenso kein anderer Erdbebendienst der Welt.


Dabei liegt der Fehler in diesem Fall beim Geoforschungszentrum Potsdam, bzw. bei der Kommunikation der Messwerte. Das, was die Stationen des GFZ in Indonesien detektierten, sonderte zwar wie ein Erdbeben seismische Wellen ab, doch war der Frequenzbereich dieser Wellen deutlich niedriger, als er es bei einem tektonischen (oder vulkanischen) Beben sein sollte. Auch die Richtungsabhängigkeit der Intensität war ungewöhnlich. Daher war davon auszugehen, dass das detektierte Ereignis der Hangrutsch gewesen ist. Dass Hangrutsche seismische Energie freisetzen und so als „Erdbeben“ detektiert werden können, ist bekannt. Die Richtungsabhängigkeit der Registrierungen stimmt in diesem Fall mit der Richtung des Hangrutsches überein.
Inzwischen hat das GFZ dies bestätigt.

Fazit: Der Tsunami in Indonesien war nach dem schweren Erdbeben und Tsunamis auf Sulawesi und Lombok die dritte verheerende geologische Katastrophe des Jahres. Aufgrund unglücklicher Umstände und überraschender Ereignisse war eine Warnung unmöglich und es kam zu der hohen Opferzahl. Spätere Unklarheiten und missglückte Kommunikation führten in der Nacharbeitung des Ereignisses zu dem falschen Eindruck, als sei von Seiten der indonesischen Behörden die Katastrophe verharmlost und verschuldet worden.


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Jens ist 25 Jahre alt und studierte von 2013 bis 2019 an der Ruhr-Universität Bochum, zunächst Geowissenschaften (B.Sc. Abschluss) und später mit Spezialisierung auf Erdbebenphysik und -gefährdung. Seit Juni 2019 lebt er in Karlsruhe und arbeitet im Bereich Katastrophenforschung.

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