Die Katastrophe kommt

Die vergangenen Tage waren für die niederrheinische Erdbebenregion von besonderem Interesse: Ein verbreitet spürbares Erdbeben, das stärkste seit mehreren Jahren, eine ordentliche Nachbebenserie und die offizielle Vorstellung der Risikoanalyse des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zur Erdbebengefährdung rheinischer Großstädte. Letztere wurde bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht. Günstige zeitliche Korrelation, könnte man meinen. Günstig für Boulevardmedien, die daraus machten, was Boulevardmedien daraus halt machen. Günstig aber vor allem auch für das BBK, da diese Tage einen wichtigen und kritischen Punkt der Risikoanalyse umfassend bestätigt haben. Weniger günstig somit für die Menschen im Rheinland. Ein Kommentar. 

Das Erdbeben südlich von Aachen am Morgen des 2. Januars erreichte Magnitude 2.8. Für die Region nicht stark, aber durchaus beachtenswert, da es in einem Radius von 15 Kilometern teils sehr deutlich verspürt wurde, viele Menschen aus dem Schlaf riss und sogar vereinzelt leichte Schäden verursachte. Ursprung des Bebens könnte die Feldbiss-Störung sein, die größte aktive Störung im Raum Aachen und in der Lage, Beben der Stärke 6 oder höher auszulösen.
Wegen der Feldbiss-Störung, aber auch einiger anderer im Dreiländereck, wegen zahlreicher starker Erdbeben in historischer Zeit und wegen der hohen Bevölkerungsdichte und der teils kritischen Infrastruktur gehört Aachen zu den erdbebengefährdetsten Großstädten Deutschlands. Im Umfeld keiner anderen Stadt Mitteleuropas, mit Ausnahme von Basel vielleicht, sind Beben der Stärke 6 so häufig wie dort. Aachen, wo man sich daher doch eigentlich mit Erdbeben auskennen sollte.

ShakeMap eines möglichen Bebens der Stärke 6.0 an der Feldbiss-Störung zwischen Aachen und Stolberg.

Wegen der größeren Signifikanz war nicht Aachen, sondern die Millionenstadt Köln Fallbeispiel für die Risikostudie. Hier wurden die Auswirkungen eines Bebens der Stärke 6.8 westlich der Stadt simuliert, mit durchaus betrüblichen Ergebnissen: Hunderte Tote, tausende zerstörte Gebäude und massive Schäden an der Infrastruktur. Entgegen der Auffassung vieler Menschen war der Kern der Studie jedoch nicht, uns in Corona-Zeiten eine weitere unbequeme Art zu sterben vor Augen zu führen (wie ich hier auch schonmal versucht habe zu erläutern), sondern zu zeigen, woran wir arbeiten müssen, um das Risiko eines solchen Todes zu minimieren (wie groß oder klein es sonst auch immer ist). Wege, speziell für Köln, aber allgemein auch für andere Städte gültig. Sichere Bauwerke sind das eine, politische Vorkehrungen das andere. Für jedes individuelle Leben aber noch wichtiger: Das Bewusstsein des Risikos. So schrieben die Autoren in der abschließenden Zusammenfassung direkt zu beginn des Abschnitts:

The northern Lower Rhine area in central Europe represents an active intraplate rift
system with a moderate level of seismicity. However, there is a significant lack of
public and political awareness of the potential seismic risk due to the rareness of
damaging earthquakes.

(Das nördliche Niederrheingebiet in Mitteleuropa stellt ein aktives intraplatten Riftsystem mit mäßiger Erdbebenaktrivität dar. Dennoch gibt es aufgrund der Seltenheit schädlicher Erdbeben einen deutlichen Mangel an politischem und öffentlichem Bewusstsein für das potentielle Erdbebenrisiko.)

Fehlendes Bewusstsein für potentielle Risiken und vor allem fehlendes Wissen um den Umgang mit dem Risiko. Ein Problem, das viele Bewohner von Aachen und umliegender Orte in den letzten Tagen mit aller Deutlichkeit offen gelegt haben.

Schaut man sich die Reaktionen vieler Anwohner in Sozialen Netzwerken an, die natürlich nicht repräsentativ sind, aber dennoch einen Einblick in individuelle Situationen geben, sind die Aussagen äußerst unterschiedlich. Neben vielen Menschen, die das Beben nüchtern als normales Geschehen in einer typischen Erdbebenregion einordnen, finden sich (nach meinem subjektiven Eindruck) überdurchschnittlich viele Kommentare zu Verschwörungstheorien oder Fake News, verglichen mit anderen Beben in Deutschland in den letzten Monaten. Neben den unbelehrbaren QAnon-Verschwörungsanhängern, die das Erdbeben als Tunnelsprengung abstempeln, finden sich viele “Alternativerklärungen”, weil ein Beben in Aachen als etwas ungewöhnliches empfunden wurde.

Diese Erklärungen reichen von einem Zusammenhang mit dem Eifel-Vulkanismus über geheime “Bohrprojekte” (wahlweise Geothermie oder Fracking) bis hin zu irgendwelchen Kettenreaktionen ausgehend von Kroatien. Erklärungen, die lediglich beweisen, dass viele Einwohner der erdbebengefährdetsten Region Deutschlands weder wissen, was Erdbeben sind, warum es sie gibt und warum (oder dass überhaupt) Aachen davon betroffen ist. Hängen geblieben ist bei mir vor allem die Aussage: “Ein Ausbruch des Laacher Sees ist doch viel wahrscheinlicher als ein Erdbeben im Rheinland.”.

Ein perfektes Beispiel für die nicht vorhandene Fähigkeit, Bedrohungen realistisch einzuschätzen. Ein Problem, das in vielen Regionen der Welt und in vielen Bereichen präsent ist, wenn entsprechende Katastrophen äußerst selten sind. Aber auch ein Problem, das durch eine vernünftige Bildungspolitik gelöst werden kann.

“Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es in Köln Erdbeben über Stärke 4.5 gibt.” 

(anonymer Twitter-Nutzer nach dem Erdbeben bei Aachen am 2. Januar 2021)

Worst Case Szenario: ShakeMap eines Erdbebens der Stärke 7.0 am Erftsprung bei Köln. Ein solches Erdbeben passiert durchschnittlich alle 30000 Jahre und wird auch irgendwann in Zukunft wieder passieren.

Als wäre das alles noch nicht traurig genug, hat die folgende und noch immer andauernde Nachbebenserie weiteres Unwissen zu Tage befördert. So gebe es ja garkeine Nachbeben normalerweise und das wäre alles ein Zeichen, dass ein großes Beben kommt. Auch werden von Verschwörungs-DUMB-heads die Nachbeben als weiterer Beweis für (wahlweise) Tunnelsprengungen oder geheime Bohrungen gesehen, weil Nachbeben ja nicht natürlich sein können. Aber generell finden sich viele Stimmen, die eine Nachbebenserie einfach nicht als etwas völlig normales akzeptieren wollen. (Ähnliche Stimmen gab es übrigens auch zur natürlich deutlich intensiveren Nachbebenserie in Kroatien)

Ein völlig fehlendes Bewusstsein für die Eigenschaften eines häufigen Naturphänomens. Als würde man sich wundern, dass nach einem Blitz ein Donner folgt. Dies begünstigt natürlich auch, dass das Risiko größerer Erdbeben entweder nicht ernstgenommen wird, oder komplett unbekannt ist (“Ich glaube nicht, dass sich ein Erdbeben wie 1992 jemals wiederholen wird”). Einige Kommentare auf unseren Facebook-Seiten sahen keine Notwendigkeit, dieses Risiko zu beachten, da man eh nichts ändern könnte. Eine andere Person fühlt sich hingegen perfekt geschützt, da ihr Hund sie ja rechtzeitig vor Erdbeben warnen würde. Nicht erwähnen muss man, dass (wie bereits vor sieben Monaten) die Vorstellung der Risikoanalyse bei einigen Nutzern massive Kritik hervorrief. Panikmache, unseriöses Zeug und Zeitverschwendung in Zeiten von Corona sind nur eine Auswahl der Vorwürfe. Risikobewusstsein = Null.

Nein, niemand möchte euch Angst machen. Niemand möchte, dass ihr jetzt tausende Euros in eine Erdbebenversicherung investiert. Und niemand möchte, dass ihr jetzt wegen der Erdbebengefahr heulend in der Ecke sitzt. Was die Risikoanalyse möchte, was ich möchte und was hoffentlich auch die Regierung möchte, ist ein besseres Bewusstsein für die Risiken und vor allem für die Möglichkeiten, mit diesen Risiken umzugehen.
Dazu gehört zu wissen: Aachen wird eines Tages von einem Erdbeben zerstört werden. Köln ebenfalls. Düsseldorf auch. Da gibt es kein Wenn und Aber. Kein Zweifel und kein relativierender Konjunktiv. Tatsache. Nur niemand weiß, wann es soweit ist. Dass die jetzige Bevölkerung es erleben wird, ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.
Der Erdbebengefahr kann man also nicht entkommen. Aber man soll auch deswegen nicht tatenlos rumsitzen. Hätte man eh keine Möglichkeit zur Vorkehrung, würde es keine staatlich geförderten Risikoanalysen geben.

In Japan, Kalifornien, Chile und vielen anderen Orten gibt es Erdbebenübungen, wo schon Kinder lernen, wie sie bei einem schweren Erdbeben ihre Überlebenschance steigern können. Das persönliche Verhalten kann den Unterschied zwischen “unversehrt” und “tödlicher Verletzung” machen und die Opferzahl eines Bebens massiv reduzieren. Auch in der Nachversorgung der Katastrophe ist die Vorbereitung lebensrettend. So könnten Rettungskräfte sich eher auf die wirklich dringenden Situationen konzentrieren, als Zeit und Personal für die Menschen aufzuwenden, die sich mit ein wenig Hintergrundwissen auch selbst hätten helfen können.

Das BBK sagt: Die Katastrophe kommt. Und sie wird kommen. Daran besteht kein Zweifel. Ob es Köln oder Aachen zuerst trifft: Es wird zum Teil in den Händen der Anwohner liegen, wie schlimm sie ausfallen wird. Die letzten Tage und die übliche deutsche Katastrophen-Arroganz lassen ein eher negatives Szenario wahrscheinlicher erscheinen. Ich hoffe, dass die Politik (anders als viele Bürger) die richtigen Schlüsse ziehen wird und in Zukunft am Niederrhein und vor allem in der Region Aachen verstärkt Aufklärungsarbeit leistet. Regelmäßige Erdbebenübungen in Schulen und öffentlichen Gebäuden wären ein wichtiger Schritt, um Menschenleben zu retten. Aber ebenfalls wird es wichtig sein, den zunehmenden Trend weg von wissenschaftlichen Erkenntnissen hin zu vereinfachten konspirativen Erklärungen zu stoppen. “Alternative Fakten” scheinen zwar harmlos, können aber wie jüngst gesehen Pandemien begünstigen, Terroranschläge auslösen, Regierungsgebäude in Schlachtfelder verwandeln und auch Naturkatastrophen verschlimmern. Und diese Katastrophen kommen, ob wir daran glauben, oder nicht.

Ein Kommentar

  1. Hallo:) Das Problem bei uns ist dass die Leute keine Ahnung von Erdbebenforschung und Erdbeben an sich haben. Woher denn auch? Allgemeinbildung wird bei uns nicht gerade grossgeschrieben! Woher soll die auch kommen aus der Bildzeitung, von Bauer sucht Frau? oder Jungle-Camp? etc… Erdbeben gab es in Deutschland und die wird es nach wie vor geben, daran ist nichts zu rütteln. Wann das nächste Erdbeben kommt oder wie stark es sein wird, steht in den Sternen. Hier kann man nur Wahrscheinlichkeitsforschung betreiben. Und die Verschwörungsvollpfosten muss man einfach ignorieren, mehr kann ich dazu nicht sagen.

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