Erdbebenschäden: Iran erstmals „Weltspitze“

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Es ist nicht nur ein subjektiver Eindruck, dass der Iran gerade ziemlich von Erdbeben gebeutelt ist. Nach dem katastrophalen Erdbeben in Kermanschah am 12. November, dem weltweit verheerendsten des Jahres, scheint sich das Land in einem „Erdbebenrausch“ zu befinden. (Ja, ich weiß, „unseriöse, unwissenschaftliche und boulevardpressehafte“ Formulierung – Beschwerdemails bitte hier hin.) Viele Anfragen haben wir erhalten, vor allem aus Teheran, aber auch von deutschen „Beobachtern“. Zwischen Erdbebenwarnungen, hunderten Verletzten und fast täglich neuen Beben gesellt sich zunehmend Angst. Dazu der folgende Kommentar.

Sechshunderneunundzwanzig Todesopfer, Fünfzehntausendzweihundertneunungvierzig Verletzte, etwa Achthundertvierzigtausend Obdachlosen. In Worten geschrieben die Auswirkungen des Kermanschah-Erdbebens, das mit Magnitude 7.3 das landesweit stärkste seit vier Jahren gewesen ist. Weltweit übertrifft dieses Ereignis mit einem Impakt-Wert von 3,90 sogar die ähnlich-katastrophale Erdbebenserie in Mexiko im September (3,87). Dabei war die Erdbebenaktivität im Iran in diesem Jahr bis zu jedem verhängnisvollen Tag nicht besonders auffällig. Zwar gab es bereits andere Schadensbeben – und auch acht Todesopfer – doch waren diese Zahlen für den Iran, dem Land mit den zweitmeisten Schadensbeben seit Beginn meiner Aufzeichnungen („Earthquake Impact Database“), nicht untypisch. Doch nach diesem 12. November ist alles so gelaufen, dass der Iran seine Rolle als „ewiger Zweiter“ in diesem Jahr los wird.

Natürlich sollte man Erdbeben, (Natur-)Katastrophen im Allgemeinen, nicht als Wettbewerb im Stile von „höher, schneller, weiter“ sehen. Im Gegenteil, jede Art von Euphemismus ist definitiv unangebracht. Um Daten verständlich einzuordnen, darzustellen und kontextentsprechend zu vergleichen, sind Formulierungen, wie sie auch ein Sportreporter verwenden könnte, manchmal dennoch nicht zu vermeiden.

Fangen wir mit einem Blick in die Impact Database an (Stand: 22. Dezember, 12 Uhr):

Dargestellt sind die summierten Schäden von Erdbeben, die sich in diesem Jahr im jeweiligen Land ereignet haben. Gezählt werden Todesopfer, Verletzte, Obdachlose, beschädigte Gebäude und zerstörte Gebäude. Daraus ermittelt wird der logarithmische Impakt-Wert (D), nachdem die Länder in dieser Tabelle sortiert sind. Ebenfalls dargestellt ist der prozentuale Anteil an allen Erdbebenschäden weltweit sowie die Zahl der Schadensbeben.
Ganz oben, sowohl beim Impakt-Wert, als auch bei der Zahl der Schadensbeben, steht der Iran. Und wenn in den nächsten neun Tagen nicht noch irgendwo auf der Welt eine große Erdbebenkatastrophe (bzw. eine mittlere in Mexiko) geschieht oder China ein paar unruhige Tage erlebt, wird der Iran am Jahresende beide Statistiken anführen.

Wie bereits erwähnt waren es überwiegend das Kermanschah-Erdbeben und viele weitere Erdbeben im Dezember, die dazu geführt haben. Gerade zum Dezember, zu den letzten drei Wochen, gibt es viel zu schreiben und zu kommentieren. Um diesem Text einen lesbaren Umfang zu bewahren, beschränke ich mich im Folgenden auf das Wichtigste. Zunächst sind dies einmal die Erdbeben, die Schäden / Opfer verursacht haben:

DatumProvinzMagnitudeTodesopferVerletzte
1. DezemberKerman6,1055
2. DezemberWest-Aserbaidschan4,600
5. DezemberBuschehr4,9033
5. DezemberGilan4,8030
11. DezemberKermanschah5,409
12. DezemberKerman6,2029
12. DezemberKerman6,1058
20. DezemberTeheran5,22117
21. DezemberKerman5,2042

Neun Erdbeben, die Schäden verursacht haben. Davon acht, die Verletzungen verursacht haben.
Sieht nach viel aus und bringt in der Statistik auch einen recht hohen Impakt-Wert. Allein diese Beben würden in der Summe den Wert 2,01 erreichen und damit einen höheren, als zum Beispiel Indien, Italien und die Türkei zusammen im gesamten Jahr haben. Doch im Grunde kann man viele dieser Verletzungen indirekt auf das Kermanschah-Erdbeben zurückführen. Denn nahezu alle der Verletzungen, die mehr zu einem hohen Impakt-Wert beitragen als beschädigte Gebäude, sind während der Flucht aus den Gebäuden („Panik“) entstanden. So sind zum Beispiel 37 der 42 Verletzten beim Kerman-Erdbeben am 21. Dezember bei der Flucht gestürzt. Ebenso alle 63 Verletzten bei den Erdbeben am 8. Dezember und höchstwahrscheinlich fast alle der Verletzten in Teheran (genaue Zahlen dazu liegen nicht vor). Insgesamt deutlich mehr Verletzte bei eigentlich moderaten Erdbeben, als vor dem Kermanschah-Erdbeben.

Man kennt es aus anderen Regionen, das starke, bzw. katastrophale Erdbeben die Bevölkerung eines Landes besonders sensibilisieren. So gab es zum Beispiel nach dem Nepal-Erdbeben 2015 hunderte Verletzte und einige Todesopfer durch Nachbeben, die gestürzt, aus Fenstern gesprungen sind oder Herzinfarkte erlitten haben. Mit der präsenten Erinnerung an eine Katastrophe im Hinterkopf fällt es schwer, bei einem Erdbeben binnen Sekunden, in denen man nicht weiß, wie groß die Gefahr jetzt wirklich ist, rational zu handeln und „ruhig“ zu bleiben.

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Menschliche Reaktionen alleine kann man aber nicht dafür verantwortlich machen. Tatsächlich ist es so, dass der Dezember im Iran seismisch sehr aktiv war. Von insgesamt 179 Erdbeben über Magnitude vier, die in diesem Jahr im Iran registriert worden sind (Kermanschah-Nachbeben) ausgenommen, ereigneten sich 46 im Dezember. Einen großen Anteil daran hat die Erdbebenserie im Osten von Kerman.

Viele der Anfragen, die wir zuletzt erhalten haben, bezogen sich auf eben diese Häufung. Warum? Was kommt als nächstes?

Dem Wunsch des Menschen nach einfachen Erklärungen muss man in solchen Situationen immer wieder unterdrücken. Denn oftmals ist es mit einem einfachen 1+1=2 nicht getan. Die Aufgabenstellung könnte genauso gut lauten: „Wenn 1+1=5 ist, wie wird dann das Wetter am Sonntag in Hamburg?“ Zwar gibt es komplexe Modelle, die zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit ermitteln könnten, dass all diese Ereignisse (mit dem Kermanschah-Erdbeben?) zusammenhängen. Aber mehr als ein „Am Freitag wird es in München regnen!“ wird dieses Ergebnis für die meisten Fragesteller nicht sein.

Ja, im Nachhinein sind Szenarien vorstellbar, in denen das Kermanschah-Erdbeben zum Beispiel die Erdbeben in den nahe gelegenen Provinzen Buschehr und West-Aserbaidschan, oder auch das Erdbeben in Lorestan (34 Verletzte) am 23. November getriggert hat. Ebenso wird niemand mit 100 prozentiger Sicherheit ausschließen, dass das Kerman-Erdbeben am 21. Dezember nicht durch die vorangegangene Erdbebenserie 200 Kilometer südöstlich getriggert wurde.

Rückblickend lassen sich mit viel Aufwand gewisse Wahrscheinlichkeiten eines Zusammenhangs ermitteln. Doch umgekehrt hätte niemand auch nur ansatzweise nach dem Kermanschah-Erdbeben eine Erdbebenwahrscheinlichkeit für irgendeine Region im Iran geben können. Dass schwere Erdbeben andere Erdbeben in nahe gelegenen Regionen triggern können, ist bekannt und ein präsentes Forschungsthema in der Fachwelt. Doch sind alle Forschungen noch quasi „in der Kinderstube“. Es fehlt an einem grundsätzlichen Verständnis, welche Mechanismen genau dafür verantwortlich sind, dass manchmal getriggert wird und manchmal nicht. Zudem sind einfach viele Daten, die Zusammenhänge erklären könnten, einfach nicht gegeben. Oder könnte jemand am Freitag in München sagen, wie das Wetter am Sonntag in Hamburg wird, nur anhand der eigenen Beobachtungen?

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Wo wir nun in Teheran wären, wo das Thema „Erdbebenvorhersage“ im Moment bestimmend ist.
Um alles zu diesem Thema zu verstehen, muss man kurz in die Geschichte blicken. Teheran selbst existiert mindestens seit dem 9. Jahrhundert nach Christus und bildete mit der antiken persischen Hauptstadt Ray schon früh eine Art „Ballungszentrum“ im Norden des Iran. Die Geschichte beider Städte ist aufgrund der unglücklichen Lage in einer Senke, die von zahlreichen aktiven Störungen begrenzt und durchzogen wird, von katastrophalen Erdbeben geprägt. Sowohl Ray als auch das junge Teheran sind mehr als einmal zerstört worden. Alle Erdbeben zusammen haben vermutlich zu mehr als einer Million Todesopfern geführt.
Hier greift das in den Geowissenschaften verbreitete Aktualitätsprinzip. So wie sich heutige Prozesse auf die Vergangenheit übertragen lassen, lassen sich wiederhohlte Prozesse in der Vergangenheit bis in die Gegenwart und die Zukunft ausdehnen. Heißt: Wenn es an einem Ort in der selben geologischen Epoche schwere Erdbeben gegeben hat, wird es sie auch in Zukunft geben. Somit ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Teheran erneut zerstört wird. Mit dem Unterschied, dass diesmal 10 Millionen Menschen im Katastrophengebiet leben und erdbebensichere Bauweisen, anders als in Tokyo oder Los Angeles, eine Ausnahmeerscheinung sind.

Dies wissen Seismologen schon lange. Auch die Bevölkerung lebt mit der Angst, irgendwann dieser Katastrophe zu begegnen. Verschlimmernd kommt hinzu: Das letzte große Erdbeben in Teheran liegt bereits über 200 Jahre zurück. Vergleicht man diese lange Ruhephase mit der Vergangenheit, stellt man fest, dass dies fast eine Ausnahmeerscheinung darstellt. Es ist also äußerst unwahrscheinlich, dass es nochmals 200 Jahre lang ruhig bleibt, oder gar noch länger. Wahrscheinlicher ist, dass das befürchtete katastrophale Erdbeben noch in diesem Jahrhundert auftritt.

Wo wir nun bei der aktuellen Situation sind. Teheran ist trotz der Erdbebengefährdung kein Ort, wo es häufig kleine Erdbeben gibt. Entsprechend stellte das Ereignis am Mittwochabend schon fast eine seltene Erscheinung dar. Zuletzt war es im Jahr 1983 zu einem ähnlich starken Erdbeben im Umfeld von Teheran gekommen, damals am Vulkan Damavand.

Direkt nach dem Erdbeben äußerten Seismologen in Teheran die Befürchtung, das Erdbeben könne eine neue Aktivitätsphase einleiten, die das befürchtete Katastrophenbeben zur Folge hat.

Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr in einer Millionenstadt leben würdet, der seit geraumer Zeit eine Zerstörung durch ein großes Erdbeben mit hunderttausenden Todesopfern prognostiziert wird, ihr soeben das stärkste Erdbeben seit Jahrzehnten erlebt hat, und mit einer solchen Aussage konfrontiert werdet?
Angst?

Wie viele Menschen in Teheran nun zwei schlaflose Nächte hinter sich haben, weiß natürlich niemand. Wir wissen: Viele haben aus Angst die Stadt verlassen. Noch mehr leben seit zwei Tagen in Zelten und Autos. Nicht, weil sie wissen, dass ein schweres Erdbeben unmittelbar bevorsteht. Sondern weil sie nicht wissen, ob es ein schweres Erdbeben geben wird.

„Befürchtungen“ sind, auch wenn sie von einem Experten geäußert werden, nichts anderes als die Darstellung eines Szenarios. In diesem Fall das Worst Case Szenario. Der Wunsch des Menschen nach einer einfachen Erklärung, einer Kausalkette, kann hier nicht befriedigt werden. Entsprechend hat es nicht lange gedauert, bis aus der Angst der Menschen und dem Wunsch nach Gewissheit Gerüchte verbreiteten. So hat es angeblich Prognosen gegeben, geäußert von der Deutschen Regierung, die den genauen Zeitpunkt des schweren Erdbebens vorhersagen. Viele haben diesen Gerüchten geglaubt, auch wenn da absolut nichts dran ist. Warum (und vor allem wie) sollte die Deutsche Regierung ein schweres Erdbeben in Teheran auf die Minute genau prognostizieren?

Die Situation ist leider so, und wird es auch noch lange bleiben, dass niemand auf der Welt in der Lage ist, ein katastrophales Erdbeben vorherzusagen. Kein Seismologe und erst recht kein Politiker. Ein Vorbeben wird wahrscheinlich niemals als ein solches zu identifizieren sein, bevor nicht das Hauptbeben kommt. So ist es auch in Teheran.
Das Erdbeben vorgestern war in einer Art seltsam, da es relativ wenig Nachbeben hatte. Eine Eigenart, die man positiv und negativ (Vorbeben?) interpretieren kann. Auf der anderen Seite möchte man sich nicht vorstellen, wie panisch die Menschen in der Stadt wären, wenn sie mehrere spürbare Erdbeben erleben würden, wie es normal wäre. Und wie viele Gerüchte noch die Runde machen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie die nächsten Tage in Teheran verlaufen können.
Option 1: Nichts geschieht. Die Stadt existiert weiter, die Situation beruhigt sich. Die Katastrophe wird verschoben und den Menschen bleibt Zeit, Vorkehrungen zu treffen.
Option 2: Teheran wird in der jetzigen Form nicht weiter existieren und tausende, vielleicht zehn- oder hunderttausende Menschen werden der Katastrophe zum Opfer fallen.

Eine dritte Option, die man sich vielleicht ebenso wenig wünscht wie Option 2 wäre ein Doppelbeben, wie in den Jahren 1983 und 1980 bei den letzten größeren Erdbeben in Teheran geschehen. Also ein zweites Erdbeben, das wenige Tage nach dem ersten auftritt und eine ähnliche Stärke aufweist.
Dieses Szenario würde zwar „glimpflich“ ausfallen mit wenig Schäden und wenig Opfern. Aber stünden wir dann wieder am Anfang. Das Spiel mit Gerüchten, „Vorhersagen“ und Optionen geht von vorne los. Eine psychologische Katastrophe.

Diese Situation lässt sich auch auf den Rest des Landes übertragen. Es kann zu weiteren Erdbeben kommen. Es kann wieder Opfer und Schäden geben. Möglicherweise wird noch in diesem Jahr das Kermanschah-Erdbeben in seiner Destruktivität übertroffen werden. Würde es einen Titel „Erdbeben-Weltmeister 2017“ geben, würde der Iran in der 89. Minute des Finals 4:0 gegen Mexiko führen.

Trotz religiöser Unterschiede hätte wohl kaum ein Land auf der Welt das mehr verdient, was sich viele Deutsche gerade wünschen: Friedliche Weihnachten!

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Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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3 Kommentare

  1. Hallo Jens! Danke für den Artikel! Um eine persönliche und soweit rationale Entscheidung zu traeffen, haben wir uns entschieden die Daten der vergangen schweren Erdbeben n Teheran herauszupicken und die durchschnittlich Zeitspanne in der das Hauptbeben nach dem Vorbeben passiert ist zu ermittelt. Dise Zeit werden wir dann wegbleiben und dannach wiederzurückkehren. Ist das aus der Sich der Experten eine Lösung, die Sinn macht? Und kannst du uns bitte eine Quelle vorschlagen wo wir diese Daten finden? Unsd …ich denke ihr könnt diese Empfehlun durchaus rausgeben, denn sehr viele Menschen in Teheran sind in ein ähnlicher Situation wie wir! Natürlich ausdrücklich ohne Gewähr und nur, wenn das euerem Team ein vernunfriger Vorschlag erscheint! Vielen herzlichen Dank! 🙂

    1. Hallo. Das ist insofern sinnvoll, da es praktisch keine andere alternative Methode gibt, mit der man sowas entscheide könnte. Leider ist mir keine Studie bekannt, die die durchschnittliche Zeit zwischen Vor- und Hauptbeben ermittelt hat.
      Für historische Erdbeben in Teheran ist dieses Paper geeignet
      http://mail.najarian.com/user/Berberian%20&%20Yeats,%201999-%20Patterns%20of%20Historical%20Eqs.pdf
      Empfehlungen zum Verhalten in einer solchen Situation zu geben, ist sehr sehr schwer. Man hat wie gesagt wenig Anhaltspunkte, an denen man sich orientieren kann. Daher kann ich dazu auch nichts weiter sagen, als in den vorherigen Kommentaren. Tut mir leid.

      1. Vielen herzilechen Dank! Falls dir noch weiter Quellen einfallen, nehme ich total gerne in Empfang! Ich bin selbst Physik interessiert, habe aber feststellen müssen, dass Geophysik nicht wirklich meine Stärke ist. 😛 Das ist, was ich an der Physik so sehr liebe, ein Meer an neuen Möglichkeiten diese Welt zu verstehen! Danke und schönen Gruss! 🙂

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