Osaka, die Magnitude und der Erdbeben-Hiatus

Japan – 5,3. 5,5. 5,9. 6,1. Betrachtet man die Berichterstattung, die Daten und die Auswertungen zum heutigen Erdbeben in Osaka, kann man als Laie schonmal verwirrt sein. Dass Erdbebenmagnituden nicht immer exakt angegeben werden, korrigiert werden oder von Daten anderer Institute aufgrund der Datenlage abweichen können, ist bekannt. Aber in diesem Fall scheint auf dem ersten Blick ein ziemliches Chaos zu herrschen. Dazu der in Deutschland verbreitete Eindruck, dass Beben dieser Größenordnung in Japan doch eigentlich Alltag sein müssten und so die Zahl der Opfer ungewöhnlich hoch erscheint. Bei näherer Betrachtung jedoch ist alles ziemlich eindeutig.
Über das Osaka-Erdbeben, verschiedene Magnituden und der noch immer andauernde, rekordverdächtige Erdbeben-Hiatus.

Um ein Erdbeben in Japan mit schlimmeren Auswirkungen zu finden, muss man schon ein paar Jahre in die Vergangenheit gehen. 2016, am 15. April, war es, das Kumamoto-Erdbeben auf der Japanischen Insel Kyushu. Das verheerendste Erdbeben nach dem Tohoku-Beben (2011) forderte über 100 Menschenleben und zerstörte tausende Gebäude rund um die Großstadt Kumamoto.
Heute, am 18. Juni 2018, traf es ein noch dichter besiedeltes Gebiet. Das Epizentrum lag in der Metropolregion Keihanshin, gebildet unter anderem aus den Groß- bzw. Millionenstädten und Wirtschaftszentren Osaka, Kobe und Kyoto. Trotz deutlich geringerer Magnitude (dazu näheres im nächsten Abschnitt) waren die Auswirkungen heftig mit drei Todesopfern, hunderten Verletzten, mehreren zerstörten Gebäuden, Bränden und geborstenen Versorgungsleitungen. Grund dafür: Das Erdbeben ereignete sich an einer lokalen Störungszone, ähnlich wie das Kobe-Beben 1995. Um ein „klassisches“ Erdbeben in Japan, das von einer der Subduktionszonen ausgeht, handelte es sich somit nicht. Es war eher ein Erdbeben, wie sie zum Beispiel auch in Deutschland auftreten.
Die geringe Herdtiefe führte zu einer hohen Intensität, 6- auf der Shindo-Skala, was dem dritthöchsten Wert entspricht, der im Raum Osaka seit Aufzeichnungsbeginn 1923 nicht erreicht worden ist. Trotz der Auswirkungen: Es hätte deutlich schlimmer kommen können: Das vom Japanischen Katastrophenschutz erstellte Worst-Case-Szenario eines Erdbebens an der Uemachi-Störung, die durch das Ballungszentrum verläuft spricht von bis zu 42.000 möglichen Todesopfern bei einem Mw7.5 Erdbeben.

Während die JMA-Intensität ziemlich exakt anhand der Bodenbewegungen ermittelt werden kann (und deswegen auch am besten geeignet ist, um die potentiellen Auswirkungen eines Erdbebens abzuleiten), gab es bei der Magnitudenangabe große Verwirrung. In den meisten Medien ist die Rede von Magnitude 6.1, was, soviel kann man schon mal sagen, definitiv falsch ist.
Zunächst muss man wissen, dass zur Beschreibung dieses Bebens zwei verschiedene Magnitudenskalen genutzt wurden. Zum einen ist dies die gängige Momentmagnitudenskala (Mw), die die Stärke eines Erdbebens anhand der freigesetzten Energie beurteilt (bei starken Beben definitiv die bessere Skala), und zum anderen die Japanische Lokalmagnitudenskala (Mj), die ähnlich wie die Richter-Skala funktioniert und Erdbeben, angepasst an die Japanische Geologie, anhand der Amplitude auf einem Seismogramm und der Epizentraldistanz ermittelt. Alle Lokalmagnituden (ML) neigen dazu, bei höheren Werten teils deutlich von der Mw abzuweichen (Beispiel: Roermond-Erdbeben 1992; Mw5.5, ML5.9-6.1).
Eine Mw wurde von den international bekannten Erdbebendiensten des USGS und des GFZ Potsdam ermittelt. Diese kommen auf Mw5.3, bzw. Mw5.6. Das Japanische NIED, das mit dem HI-Net über das weltweit beste seismische Überwachungsnetz verfügt und damit hier die genausten Werte angeben kann, kommt auf Mw5.5.
Mj wird ausschließlich von der Japanischen Meteorologiebehörde benutzt. Diese ermittelte Mj5.9. Für den globalen Vergleich ist diese Skala allerdings nicht zu nutzen. Erwähnt werden sollte, dass zwischenzeitlich Mj6.1 angegeben wurde. Dies war zu der Zeit, als die ersten Pressemeldungen erschienen sind, die diesen Wert übernommen haben. Neuere Meldungen haben die spätere Korrektur nicht berücksichtigt.

Somit kann man hier festhalten, dass Magnitude (Mw) 5.5 dieses Erdbeben am besten beschreibt. Zusammen mit der geringen Herdtiefe und den lokalen geologischen Bedingungen ergeben sich realistische Grundlagen für die beobachtete Intensität 6-.

Damit bleibt es auch dabei, dass wir uns weiterhin in einem rekordverdächtigen Erdbeben-Hiatus befinden: Das letzte Erdbeben mit Mw6.0 oder höher liegt nun bereits 31 Tage zurück: Am 18. Mai traf dieses die Neuseeländischen Kermadec-Inseln ohne Schäden zu verursachen.
Seitdem gab es zwar mehrere starke Erdbeben über Magnitude 5.5, doch die 6.0 wurde nicht erreicht. Das Erdbeben nahe der Fidschi-Inseln am vergangenen Freitag (15.) wird von einigen Erdbebendiensten mit (Lokal-)Magnitude 6.0 (oder auch 6.1) beziffert. Die Ermittlung der Mw durch USGS und GFZ ergaben jedoch 5.5, bzw. 5.97. Die große Diskrepanz zwischen den beiden, begründet in der schlechten Datenlage bei einem Erdbeben an einem abgelegenen Ort, deutet darauf hin, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt.
Die letzte, ähnlich lange Phase ohne Magnitude 6 Erdbeben war im Jahr 1982, damals mit 34 Tagen „Ruhe“. Sollte der aktuelle Hiatus noch bis Donnerstag anhalten, wäre auch diese Marke geknackt und wir würden uns auf den Allzeitrekord zubewegen. „Allzeit“ beschreibt hier allerdings nur den Zeitraum seit den 60er Jahren, da zuvor nicht ausreichend seismologische Observatorien auf der Welt vorhanden waren, um gesicherte und ausreichend genaue Aufzeichnungen zu garantieren.

Osaka zeigt: Trotz unterdurchschnittlicher Erdbebenaktivität mit einem ungewöhnlich langen, rekordverdächtigen Hiatus gibt es keine Garantie für weniger Erdbebenopfer – auch nicht in erdbebenerfahrenen Ländern wie Japan. Es ist nicht nur die Magnitude, die ein Erdbeben zu einer potentiellen Katastrophe macht. Herdtiefe, Lage des Epizentrums und die geologischen Bedingungen haben mindestens einen genauso großen Einfluss wie die Bauweise der Gebäude.

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Allgemeine Informationen zu diesem Erdbeben:

Uhrzeit (Mitteleuropäische Zeit): 18. Juni, 00:58 Uhr

Magnitude: 5,5

Tiefe: 12 km

Spürbar: ja

Haben Sie dieses Erdbeben gespürt?

Schäden erwartet: ja

Opfer erwartet: ja

Ursprung: tektonisch

Tsunami-Gefahr: nein

Epizentrum:

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Die Intensität von Erdbeben in Japan wird mit der Shindo-Skala beschrieben und basiert auf der gemessenen Bodenbeschleunigung. Die Skala reicht von 1 bis 7 mit Untergliederung in „Upper“ (+) und „Lower“ (-) der Werte 5 und 6. In der Regel kann ab einem Wert von 5- mit ersten kleineren Schäden an Gebäuden gerechnet werden. Größere Schäden treten ab 6- auf. Der höchste Wert 7 auf der Skala beschreibt meist schwere Zerstörungen und wurde in den vergangenen Jahren nur zweimal erreicht: Beim Tohoku-Erdbeben (M9.1) 2011 und beim Kumamoto-Erdbeben (M7.3) 2016.

 

Literatur:

Headquarters for Earthquake Research Promotion, 2004. Long-term evaluation of the Uemachi fault zone. http://www.jishin.go.jp/main/chousa/04mar_uemachi/index. htm
Matsushita, R., & Imanishi, K. (2015). Stress fields in and around metropolitan Osaka, Japan, deduced from microearthquake focal mechanisms. Tectonophysics642, 46-57.
Tsuboi,C. (1954), Determination of the Gutenberg-Richter’s magnitude of shallow earthquakes occurring in and near Japan (in Japanese), Zisin, 7, 185-193.

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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.

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Ein Kommentar

  1. Wie ist das schwere Erdbeben von Kobe 1996 einzuordnen (tausende Tote)?

    Übrigens sehr interessante Webseite, lese sie regelmäßig mit großem Interesse!!

    Viele Grüße

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