Nach dem katastrophalen Erdbeben in Syrien und der Türkei werden immer noch Leichen (und wie durch ein Wunder auch noch Überlebende) aus den Trümmern gezogen. Die Opferzahl liegt bei inzwischen 43.000, Tendenz steigend. Eine Katastrophe, die in beiden Ländern für lange Zeit nachwirken wird. Doch auch in Europa spüren wir die Effekte. In Deutschland flüchten mitten in der Nacht tausende Menschen aus ihren Häusern. Gleichzeitig haben Betrüger mit angeblichen Erdbebenvorhersagen hochkonjunktur. Wie die Katastrophe auch Europa erzittern lässt.

Kaum eine Naturkatastrophe ist furchteinflößender als Erdbeben. Aus dem Nichts und ohne Vorwarnung werden innerhalb von Sekunden ganze Landstriche verwüstet und Menschenleben ausgelöst. Katastrophen wie in der Türkei und Syrien gibt es in dem Ausmaß weltweit mehrmals pro Jahrzehnt. Doch die aktuelle Situation ist für viele Menschen anders. Nicht nur, weil es das katastrophalste Erdbeben im Umfeld Europas seit Jahrhunderten ist. Auch ist es die erste große Erdbeben-Katastrophe des Internetzeitalters. Statt nur abends in den 20 Uhr Nachrichten begegnen uns Bilder zerstörter Gebäude und möglicherweise sterbender Menschen bei jedem Blick aufs Smartphone. Sei es morgens beim Frühstück, in der Bahn oder auf der Toilette. Die Gefahr, die von Erdbeben ausgeht, wird in unsere Köpfe gebrannt.

Dabei war das Thema Erdbeben in Europa schon in den letzten Jahren immer wieder präsent. Kleine Katastrophen der letzten Jahre wie auf Kreta, in Kroatien oder in Albanien hängen vielleicht immer noch in den Köpfen mancher. Neue Erdbeben wie jüngst in Rumänien oder Kroatien verursachten zwar nur begrenzte Schäden, doch ist ihr psychologischer Einfluss wohl deutlich extremer. Die Panik in vielen deutschen Städten in der Nacht zum 15. Februar war die direkte Folge des Rumänien-Erdbebens, durch das sich Falschmeldungen bis zur rumänischen Community in Deutschland ausbreiteten. Deutschland, das als Schmelztiegel der Kulturen schon den türkischen Freunden emotional besonders beisteht.

Falsche Gerüchte über kommende Erdbeben

In Rumänien selbst wird nun öffentlich über Erdbebenzonen, Schutzmaßnahmen und Gefährdung diskutiert. Die Hauptstadt Bukarest, in der Vergangenheit mehrfach schwer von Erdbeben verwüstet, steht im besonderen Fokus. Das Erdbeben in Gorj, was völlig unerwartet kam, war ein Warnschuss. Vielleicht gerade rechtzeitig, um die nächste Katastrophe von der Hauptstadt abzuwenden?

Auch in Kroaten, das bereits 2021 von zwei zerstörerischen Erdbeben heimgesucht wurde, hat das überraschend starke Erdbeben auf der Insel Krk die Debatten über Erdbebensicherheit bereits wieder entfacht, auch im Hinblick auf den Tourismus in der Region.

Während die Angst der Menschen einerseits dazu führt, dass sinnvolle Schutzmaßnahmen ergriffen werden, bereitet die Natur eines Erdbebens den Nährboden für Betrugsmaschen. Wissenschaftler können den Wunsch vieler Menschen nach einfachen Antworten nicht erfüllen. Erdbebenprognosen sind nicht möglich. Ebenso fehlt es oft an genauen Erklärungen, um ein besseres Verständnis der Situation zu ermöglichen. Stattdessen liegt der Fokus vieler Medien oft auf schnellen, einfachen Informationen. Dabei ist es sekundär, ob diese Informationen auch tatsächlich faktentreu sind.

Erdbebenvorhersage als vermeintlicher Heilsbringer

In vielen europäischen Medien sind zuletzt angebliche Erdbebenpropheten vertreten. Menschen, die behaupten können, anhand bestimmter Planetenkonstellationen oder sonstiger Beobachtungen Erdbeben präzise voraussagen zu können. Auch vermeintlich seriöse Methoden wie Warnungen durch Tierverhalten werden wieder verbreitet. Ein Hoffnungsschimmer, der die Angst der Menschen nehmen kann?

Nein.

Weder Erdbebenvorhersage durch Tierverhalten und erst recht keine Twitter-Propheten sind in der Lage, Katastrophen abzuwenden. Vor allem letztere sind zuletzt lautstark präsent und holen oft weit aus, um wissenschaftliche Kritik an ihren Methoden verstummen zu lassen. Dabei sind ihre Betrugsmaschen recht einfach durchschaubar, wie wir bereits hier erklärt haben. Seltsames Tierverhalten als Ansatz für Vorhersage scheitert hingegen einfach daran, dass es keine Belege dafür gibt. Zunächst ist die Einschätzung als „seltsam“ sehr subjektiv und kaum messbar. Zum anderen gibt es in allen bekannten Fällen alternative Erklärungen, als ein bevorstehendes Erdbeben. Vor allem Vorbebenschwärme, aber auch nachträgliche Fehlinterpretationen trüben die Glaubwürdigkeit.

Doch trotz massiver Kritik von Wissenschaftlern und offensichtlicher Schwachpunkte, die jegliche Anwendung unmöglich machen, haben die Propheten zuletzt massiv ansteigende Follower-Zahlen. Die Angst der Menschen und der Funke Hoffnung, der ihnen vorgegaukelt wird, sind stärker. Auch Medien, die keine vernünftige Aufklärung betreiben, tragen dazu bei. Statt genau zu erklären, warum Vorhersage nicht möglich sind und Schwachpunkte der jeweiligen „Vorhersagen“ aufzuzeigen, wird repetitiv „Erdbebenvorhersage ist nicht möglich, weil, keine Ahnung, Wissenschaftler XY das sagt. Punkt.“ Wenn Journalisten offensichtlich nicht verstehen, was sie publizieren, wie sollen sie dann eine glaubwürdige Botschaft vermitteln? Nährboden auch für die wieder erstarkenden Verschwörungsmystiker.

Medien vertiefen Gerüchtesumpf

Falsche Gerüchte, falsche Propheten und die neue Angst, bei der nächsten Erdbebenkatastrophe selbst Opfer oder Angehöriger zu sein. Probleme, die zwar nicht vergleichbar mit der Lage in den türkischen und syrischen Erdbebengebieten sind, aber Europa dennoch erzittern lassen. Vor allem der Schaden an der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit, der auch durch Medien und Behörden bewusst in kauf genommen wird, kann langfristig die Situation noch verschlimmern.

Nach der Pandemie hat auch die Erdbebenkatastrope in der Türkei und Syrien den digitalen Informationskrieg befeuert. Selbstdarstellende und nahbare Erdbebenpropheten gegen seriöse aber distanziert wirkende Wissenschaft. Medien, die im Schlagzeilendschungel auf „Schnell und einfach“ statt „Vermittelnd“ setzen oder auch durch Framing den Sumpf aus Gerüchten und Verschwörungstheorien weiter vertiefen. Dazu Behörden, die die Situation durch Verantwortungslosigkeit verschlimmern. Während noch immer Leichen aus den Trümmern gezogen werden, haben die Nachbeben der Katastrophe das digitale Europa erfasst.