Kommentar: Der zynische Mythos vom „Big One“

„Es sind nur 5000 Menschen gestorben. Halb so schlimm.“

oder aber:

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„5000 Menschen starben in dieser schrecklichen Katastrophe. Doch das ist nur ein Vorgeschmack auf das, was uns noch erwartet!“

Zwei mögliche Wege, wie man nach einer Erdbebenkatastrophe den Satz „Es war nicht das Big One!“ interpretieren kann. Zwei mögliche Interpretationen, die den ursprünglichen Sinn des Begriffs in den Dreck ziehen und zu einer Vernebelung der Sinne führen. Ein Kommentar.

„The Big One“ ist definiert (oder sollte definiert sein) als größtes kalkulierbares Erdbeben ausgehend von einer vorher bekannten Quelle. Im Bezug auf die ursprüngliche Planungsregion Kalifornien bezieht sich „Big One“ logischerweise auf ein großes Erdbeben an der San Andreas Störung, wahlweise (für Los Angeles) am südlichen Mojave-Segment oder (für San Francisco) am nördlichen Segment. In beiden Szenarien geht man von einem kompletten Bruch des jeweiligen Segments aus, so wie beim Erdbeben 1906 in San Francisco, was in beiden Gebieten jeweils zu Beben der Stärke 7.8 bis 8.2 führen könnte.
Im Sinne des Bevölkerungsschutzes haben „Big One“ – Szenarien natürlich Sinn: Baut man ein Gebäude so, dass es das große Beben überstehen kann, wird es auch alles andere überstehen können. Theoretisch. Klingt zunächst einfach, ist aber mit Hürden verbunden.

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In Gebieten, wo ein derartiges „Big One“ wie in Kalifornien möglich ist, gibt es selten (oder eigentlich nie) nur eine potentiell aktive Störung, die zu Erdbeben führen kann. Das heißt, neben der größten Störung (im Beispiel San Andreas) gibt es noch zahlreiche kleinere, häufig näher dran am Planungsgebiet, die ebenfalls starke Erdbeben auslösen können. In Los Angeles war es 1994 zum Beispiel eine bis dato unbekannte Störung, die das Northridge-Beben auslöste und 57 Menschen tötete. Auch die Newport-Inglewood Störung hat in Los Angeles im Jahr 1933 ein großes Erdbeben ausgelöst, wobei 120 Menschen starben. Daher müssen im Katastrophenschutz neben „Big Big One“ auch „Little Big One“ 1 bis 31 (+ X) berücksichtigt werden: Die Hauptstörung, viele bekannte Nebenstörungen und solche potentiellen Erdbebenquellen, die noch unbekannt sind.

Karte der Schadensbeben im Jahr 2019: Ein Großteil der Erdbebenschäden des bisherigen Jahres geht auf Beben unter Stärke 5.5 zurück.

Eine derartige Berücksichtigung der Gefahr vermeintlich kleinerer Katastrophenquellen findet in der öffentlichen Wahrnehmung leider zusehends nicht mehr statt – zumindest abseits der Regionen, die ständig darunter leiden. Sei es aufgrund der Sättigung mit Katastrophenmeldungen, der ständigen medialen Übertreibungen und Clickbaiting an der Grenze zu Lüge: Kleine Erdbeben mit einzelnen Todesopfern sind heutzutage nicht mehr von Interesse – besonders wenn sie in einem Land auftreten, von dem der normale RTL-Zuschauer noch nie gehört hat.
Das sehe ich an den Seitenzugriffen entsprechender Artikel. Das sehe ich an den Reaktionen in Sozialen Netzwerken. Aber auch an der öffentlichen Kommunikation nach derartigen Beben. Dort heißt es oft: „Das war kein Big One.“. Ein Hinweis, der gut gemeint sei angesichts Gefahrenaufklärung der betroffenen Bevölkerung, aber eben auch die Hintertür für Interpretationen außerhalb offen lässt. Dabei sollte gerade dort, wo Menschen sterben, keine Interpretation, kein künstliches Schön- oder Schlimmreden möglich sein. Keine künstlichen Emotionen.

„Tut mir leid, dass dein Onkel bei dem Erdbeben gestorben ist. Aber hey, es war nicht das Big One, also halb so schlimm.“

„Tut mir leid, dass dein Onkel bei dem Erdbeben gestorben ist. Aber hey, es war nicht das Big One. Denn dann wären wir alle in Gefahr!“

Ständige Vergleiche mit dem schlimmsten anzunehmenden Desaster könnten nicht nur die Opfer verhöhnen, sondern auch zukünftige „Little Big Ones“ verharmlosen. Wer denkt denn schon daran, dass bei Beben der Stärke 5 Menschen sterben können. Oder bei Stärke 4. Wenn doch die einzige richtige Katastrophe erst bei Stärke 8 oder 9 kommt. (Oder auch nicht.)

Bis sich im öffentlichen Verständnis eingebrannt hat, dass nicht die Stärke eines Naturereignisses die Katastrophe macht, sondern die Stärke im Zusammenspiel mit diversen Umweltfaktoren, werden noch viele Menschen eines uninteressanten Todes sterben. Beim letzten „Big One“, dem Tohoku-Beben in Japan 2011 (Stichwort: Fukushima), starben etwa 20.000 Menschen, begleitet von tausenden Kameras. Jene etwa 20.000 Menschen, die in den Jahren bei Little Big Ones oder noch „kleineren“ Beben einen abgeschiedenen Tod gefunden haben, konnte das Ausbleiben des Worst Case Szenarios auch nicht retten.

Ja, viele Regionen der Welt sind von einem „Big One“ bedroht. Ja, in den kommenden Jahrzehnten werden „Big Ones“ zehntausende Todesopfer fordern. „Big Ones“ und „Black Swans“ – Katastrophen, die unerwartet kommen und die schlimmsten erwarteten Auswirkungen übertreffen. Auch wenn die notwendigen vorhandenen Szenarien in die Bauvorschriften und Bevölkerungsaufklärung eingearbeitet werden. Doch bis dahin sollte man nicht vergessen, dass auch abseits vom Worst Case Menschen sterben, Katastrophen passieren und Regionen ins Chaos stürzen. Auch in Regionen, wo man kein „Big One“ erwartet. Dieses Leid sollte nicht durch Vergleiche verspottet werden, nicht ignoriert werden, nur weil es ja noch schlimmer hätte kommen können. Und falls doch verglichen werden muss, sollte sich „Big One“ aus guten Gründen nicht mehr so viel Zeit lassen.


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Jens Skapski

Data Analyst bei Risklayer
Jens ist 25 Jahre alt und studierte von 2013 bis 2019 an der Ruhr-Universität Bochum, zunächst Geowissenschaften (B.Sc. Abschluss) und später mit Spezialisierung auf Erdbebenphysik und -gefährdung. Seit Sommer 2019 arbeitet er als Data Analyst in Karlsruhe.

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alexk998
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alexk998

Sehr gut geschrieben