Jahresrückblick: Die Erdbeben in Deutschland 2018

„Fearing the night / I search for a reason / For wasting my time / ‚cause you talk of treason / Avoiding you / cause I can’t go on while you’re here […]“

Wenn im Jahr 2018 des Nachts die Erde in Deutschland gebebt hat, Menschen aus dem Schlaf gerissen nach ihrem Smartphone griffen und die Suchbegriffe „Erdbeben Deutschland jetzt“ eintippten, waren es häufig diese Worte, gesungen vom Italiener Gianbattista Manenti, die auch meine Nacht beendeten. Ein Alarm, der an die Zugriffszahlen dieser Website gekoppelt ist. Wird ein bestimmter Schwellwert erreicht, kommt dieses Lied. Es gab 2018 Nächte, in denen dieses Lied mehrfach ertönte. Fünfmal allein in der Nacht zum 12. Mai. Fünfmal aufstehen, Daten zusammenstellen, Meldungen einholen und veröffentlichen, ohne vorzeitig wieder einzuschlafen. Beim sechsten Mal, es war schon 6.19 Uhr und die ersten Sonnenstrahlen spiegelten sich im PC-Monitor, machte ich mir eine Tasse Kaffee. Es sollte nicht die letzte an diesem Tag gewesen sein. Beim Kaffeekochen musste ich leise sein. Es war Samstag und meine Mitbewohner schliefen noch.
Erst um 9.34 Uhr ertönte Manentis Stimme erneut in meinen Lautsprechern. Auch dies war nicht das letzte Mal an diesem Tag. Drei Stunden zwischen Kaffee und dem siebten „Rise and Fall„. Drei Stunden Schlaf, die ich noch hätte haben können. Drei Stunden Ruhe für mich und die Menschen im Vogtland, für die gerade Tag drei des größten Erdbebenschwarms seit sieben Jahren begonnen hatte.

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In einem Jahresrückblick fasst der Autor für gewöhnlich die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate zusammen, die, je nach Themenbezug, von entsprechend besonderer Bedeutung waren. Dabei liegt es im Ermessen des Autors, „Bedeutung“ zu definieren und so zieht sich immer ein Hauch von Subjektivität durch die Satzreihen. So werden die Menschen im Vogtland mir sicher zustimmen, wenn ich den dortigen Erdbebenschwarm als wichtigstes seismisches Ereignis des Jahres (in Deutschland und Tschechien) bezeichne. So mögen die Menschen im niedersächsischen Lastrup eine eigene Meinung haben, während die Menschen in Hannover nicht mal wissen, dass auch sie berechtigten Einspruch erheben könnten.

Auf den folgenden Seiten werde ich die Ereignisse des Jahres 2018 zusammenfassen und abschließend bewerten. Zeigen, welche Regionen besonders betroffen waren, was die Ursachen dafür gewesen sind und wie es sich im Vergleich zu den Vorjahren entwickelt hat. Besondere Erdbeben und Erdbebensequenzen werden nochmals näher beleuchtet und erklärt. Dazu werde ich auf exklusive Statistiken und Daten zurückgreifen. Bundesland für Bundesland, Monat für Monat, Bekanntes und Unbekanntes: Der Jahresrückblick 2018!

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Inhaltsverzeichnis

Seite 1: Einleitung; Das Jahr in Zahlen
Seite 2: Der Vogtland-Schwarm
Seite 3: Das Erdgas-Problem in Niedersachsen
Seite 4: Nordrhein-Westfalen und das Ende des Bergbaus
Seite 5: Rheinland-Pfalz – Lebenszeichen eines Vulkans
Seite 6: Baden-Württemberg, erdbebenreichstes Bundesland
Seite 7: Der „kleine Erdbebenschwarm“ in Hessen
Seite 8: Kurz und kompakt: Bayern, Sachsen, Thüringen und Saarland
Seite 9: Zusammenfassungen, Statistiken und Auswertungen

Das Jahr in Zahlen

Vollständige Erdbebenliste ein-/ausblenden

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ML: Lokalmagnitude (Stärke) des Erdbebens
Tiefe: Tiefe des Erdbebenherds (Hypozentrum) unter der Erdoberfläche
Intensität: Stärke der wahrnehmbaren Erschütterungen gemäß der EMS-98 Skala, meist dargestellt mit römischen Ziffern (II bis XII, also 2 bis 12)
Schütterradius: Maximale Distanz zum Epizentrum, in der spürbare Erschütterungen (ab Intensität II) wahrgenommen werden können (kann je nach Richtung variieren)
Zeugenmeldungen: Anzahl der Wahrnehmungsberichte, die wir zu dem jeweiligen Erdbeben erhalten haben.
Breite, Länge: Geographische Koordinaten des Epizentrums
Quelle: Erdbebendienst, der das jeweilige Erdbeben lokalisiert und ausgewertet hat.
Typ: Ursprung des Erdbebens (tektonisch, induziert, etc.)

In folgenden Zusammenfassungen sind alle Erdbeben dargestellt, die sich innerhalb von Deutschland ereignet und mindestens Magnitude 1,0 erreicht haben, sowie alle Erdbeben außerhalb von Deutschland, die in Deutschland zu spüren waren. Diese Liste lässt sich zur Vergleichbarkeit in folgende Kategorien unterteilen:
1. Der Erdbebenschwarm im Vogtland. Zu den übrigen Erdbeben in Deutschland addiert würde eine massive Zunahme der Aktivität dargestellt werden.
2. Die induzierten Erdbeben. Gerade am letzten Bergwerk im Ruhrgebiet, Prosper-Haniel, das in diesem Jahr die Steinkohle-Ära beendet hat, ereigneten sich im Sommer, in den letzten Metern des Abbaus, noch zahlreiche Erdbeben, viele davon spürbar. Auch hiermit kommt man zusammenaddiert auf eine sehr hohe Erdbebenanzahl.
3. Die tektonischen Erdbeben. Diese repräsentieren in Jahren ohne wirklich große Ereignisse, so wie 2018 und die vorangegangenen Jahre, quasi die Hintergrundaktivität. Diese wird gebildet aus einzelnen Erdbeben, die überall auftreten können, aber auch aus kleineren Schwarmbeben, die auch in fast jedem Jahr irgendwo in Deutschland registriert werden.

Im Jahr 2017 waren es insgesamt 215 natürliche (nicht durch menschliche Aktivitäten induzierte) Erdbeben in Deutschland. 2018 waren es mit nur 190 natürlichen Beben über Magnitude 1 in Deutschland deutlich weniger. Dafür stieg aber die Zahl der Beben aus den anderen Kategorien.
Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet (Vogtland) hatte ein massiver Erdbebenschwarm zu 310 detektierten Beben über Magnitude 1 geführt. Zudem führten Bergbau und Erdgasförderung in Nordrhein-Westfalen, bzw. Niedersachsen fast allein zu insgesamt 275 induzierten Beben. Hinzu kommen fünf Beben im Ausland (eins in Polen, eins in den Niederlanden und drei in Österreich), die in grenznahen Gebieten Deutschland zu spüren waren. Daraus ergibt sich eine Gesamtzahl von 780 Erdbeben, von denen mindestens 203 verspürt werden konnten. Davon wiederum führten acht Erdbeben zu kleinen Gebäudeschäden. Insgesamt 41 Häuser waren davon betroffen. Weltweit verursachten Erdbeben in 44 Ländern mehr Schäden als in Deutschland. Der Anteil Deutschlands an den weltweiten Erdbebenschäden des Jahres 2018 beträgt 0,0015%.

Alle Angaben in diesem Text beziehen sich auf dem Stand des Veröffentlichungszeitpunkts. Nachträgliche Korrekturen, zum Beispiel aufgrund späterer Registrierungen, werden entsprechend gekennzeichnet. Die Daten der Erdbeben (Magnitude, Tiefe, Zeitpunkt, Epizentrum) entstammen den jeweiligen Erdbebendiensten (siehe „Quelle“ in oben stehender Erdbebenliste). Auswertungen der Intensität und der Auswirkungen wurden mit eigenen Daten durchgeführt.
Daten folgender Erdbebendienste und Institute (mit Kürzel) sind verwendet worden

BNS: Erdbebenstation Bensberg, Universität Köln
GDN: Geologischer Dienst NRW
RUB: Seismologisches Observatorium Ruhr-Universität Bochum
LGB: Erdbebendienst Südwest, Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz
LGF: Erdbebendienst Südwest, Landesamt Freiburg
TSN: Seismologisches Observatorium Thüringen
BSM: Bürgerinfo „Seismisches Messsystem“ (BVEG) 
GOC: Observatorium Collm, Universität Leipzig
EBY: Erdbebendienst Bayern
HLNUG: Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie
INS: Observatorium Geothermiekraftwerk Insheim (DMT)
BGR: Seismologisches Zentralobservatorium (BGR)
LBEG: Erdbebendienst Niedersachsen
GFZ: Geoforschungszentrum Potsdam
ZAMG: Zentalanstalt für Meteorologie und Geodynamik Wien (ZAMG)
SED: Schweizerischer Erdbebendienst (SED)
KNMI: Koninklijk Nederlands Meteorologisch Instituut (KNMI)
RNS: Universität Straßburg
GFU: Tschechisches Geophysikalisches Institut
KOB: Observatoire Royal de Belgique
GEUS: Geologischer Dienst Dänemark
RAG: Bürgerinformationsdienst der RAG, Ruhrgebiet

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Jens ist 25 und studierte von 2013 bis 2019 an der Ruhr-Universität Bochum, zunächst Geowissenschaften (B.Sc. Abschluss) und später mit Spezialisierung auf Erdbebenphysik und -gefährdung. Seit Juni 2019 lebt er in Karlsruhe und arbeitet im Bereich Katastrophenforschung.

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